Interview mit Joe Vogel

"Wenn es blöd kommt, erfrierst du vielleicht"

Er läuft zu Fuß schon einmal 500 Kilomenter durch das Outback oder durchquert den höchst gelegenen Salzsee der Erde, daneben schreibt Joe Vogel Bücher beim Pietsch Verlag und Reportagen. Börsenblatt-Redakteur Kai Mühleck hat sich mit dem Survival-Experten unterhalten.

Herr Vogel, Sie halten Vorträge, arbeiten als Journalist und verschwinden als Extremreisender mitunter schon einmal wochenlang in den wildesten Regionen der Welt, um ihre Überlebensfähigkeit in der Natur auf die Probe zu stellen. Daneben betreuen Sie ein Unternehmen mit Webshop zum Thema Survival, geben Waldläufer-Kurse und haben gerade ihr sechstes Buch veröffentlicht. Was überwiegt in Ihnen eigentlich – der Abenteurer oder der Unternehmer?
Der Abenteurer ist größer. Ich käme auch ohne das Bücherschreiben aus, aber nicht ohne Abenteuer. Glücklicherweise lassen sich beide Aktivitäten gut miteinander verbinden – auch journalistisch. Beide Tätigkeiten haben übrigens etwas gemeinsam.

Was denn?
Man braucht den festen Willen durchzuhalten, muss sich akribisch vorbereiten und auch dann weitermachen, wenn man nur quälend langsam vorankommt. Beim Bauen eines improvisierten Unterstands für die Nacht unter schwierigen Verhältnissen kann man lernen, sich durchzubeißen. Auch wenn du zum dritten Mal von vorne beginnen musst, machst du weiter, sonst liegst du im Kalten - und wenn es blöd kommt, erfrierst du vielleicht. Mein Motto ist auch als Unternehmer: Lieber langsam und nachhaltig wachsen.

Was meinen Sie, sollten sich Unternehmer mit dem Thema Survival befassen?
Ja klar, aber nicht nur sie. Ich bin Biologe von Hause aus mit einem großen Interesse für Urvölker und deren Tageabläufe. Deren Kenntnisse, das Leben an den Lebensraum anzupassen, fehlen uns heute, vor allem in den Städten. Wir gabeln zwischen Tür und Angel an der Tankstelle noch Fertignahrung auf, das ist rund um die Uhr möglich. Wir kneifen die Augen zu und tun so, als ob es unsere Umwelt gar nicht gibt.

Ist das nicht ein technischer Fortschritt? Was ist es, das uns heute fehlt?
Durch das Stadtleben entfernen wir uns von der Natur. Bei Vorträgen über das Jagen in der Natur stoße ich immer wieder auf junge Menschen, die es überrascht, wie tierische Produkte wie Butter gewonnen werden oder wie das Fleisch auf den Teller kommt. Es gibt heute in unseren Köpfen dieses Bild der „schmutzigen Natur“ denen die „sauberen Produkte“ aus dem Supermarkt entgegengestellt werden. Dort liegen abgepackte Filets ohne einen Tropfen Blut … Bei essbaren Pflanzen ist es ähnlich. Nach Pflanzenbestimmungskursen erhalte ich regelmäßig E-Mails mit dem Inhalt: „Da wachsen ja nicht nur Gänseblümchen und Gras in meinem Garten!“ und dann kommen die Bilder von 15 verschiedenen essbaren Kräutern, die schon immer vor der Haustür gewachsen sind und bisher bloß nie bemerkt wurden. Ich will aber nichts romantisieren: Ich hätte nicht in einer Kultur leben wollen, in der die Kenntnisse, die ich vermittle, zum Überleben notwendig sind.

Worum geht es in Ihren Seminaren?
Ich will konkrete Techniken und Wissen über die Natur näherbringen. Etwa wie man lernt, die Umwelt gezielt zu beobachten. Das ist nicht esoterisch, es geht um das Bestimmen von Pflanzen oder zu wissen: hier war ein Tier. Dinge eben, die sich wirklich anwenden lassen. Survival für Manager oder Teambuilding-Kurse gebe ich nicht, das können andere bestimmt besser, mich interessiert das wenig. Insgesamt meine Seminare sicher auch ein Vehikel, um das Interesse an der Umwelt zu wecken. Es geht darum, diese Techniken durch Anwendung am Leben zu erhalten.

Sie haben da vorhin etwas angedeutet. Lassen sich diese Techniken denn auch in unserer Arbeitswelt einsetzen?
Die Hard skills vielleicht nicht. Das ist eher wie beim Hundetraining: Es geht um die Schulung der Wahrnehmung, zum Beispiel nonverbale Signale von Menschen zu erkennen, mit denen man zusammenarbeitet. Oder das Verhalten in akuten Stresssituationen, darum wie man Prioritäten setzt. Ein Beispiel: Wenn mir draußen das Holz ausgeht, werde ich erfrieren. Also muss ich Holz sammeln. Sich auch in einem stressigen Job auf das Wesentliche zu besinnen, wenn etwa der Vorgesetzte Druck macht, das ist doch dasselbe Muster. Hier lässt sich mit Erfahrung schneller einschätzen: „Wie essentiell ist dieses Problem wirklich?“.

Wenn man sich im Netz so umschaut, scheint das Thema Survial auch ein Sammelbecken für schräge Vögel zu sein. Ärgert sie das nicht?
Es gibt in der Szene viele Spinner: Ökos zum Beispiel oder Esoteriker, die predigen: „Wir laufen über diese Wiese und müssen uns bei allen Pflanzen entschuldigen.“ Da gibt es Erdgeister-Schulen, und Pseudo-Einzelkämpfer, für die das Thema Survival vor allem etwas mit Nahkampf zu tun hat. Manche Teilnehmer meiner Seminare kommen auch mit Visionen von dystopischen Szenarien zu mir. Mir persönlich ist das fremd, ich bin da eher bodenständig.

Ihre Expeditionen sind aber nicht immer ganz ungefährlich. Werden Sie nicht manchmal für einen Spinner gehalten?
Da ich vernünftig auftrete, werde ich nicht in diese Ecke gestellt. Ich gehe bei Expeditionen keine Risiken ein, die ich nicht kalkulieren kann.

Wenn Sie auf Expedition gehen, lassen sie sich mitunter im Outback aussetzen oder Durchqueren den größten Salzsee der Erde. Da wird es doch sicher auch einmal brenzlig?
Das stimmt. 2006 bin ich einmal mit einem Freund in Australien in ein Buschfeuer geraten: Wir sind dort 500 Kilometer ohne Nahrung durch das Outback gelaufen. Die Feuerwände brennen sich mit 30 bis 35 Kilometern pro Stunde voran. Wir haben ein Gegenfeuer entzündet, und der Wind flachte abends stark ab, was dem Buschfeuer die Kraft nahm. Das war schon brenzlig… Sechs Jahre später habe ich mit einem anderen guten Freund meinen ersten Durchquerungsversuch des Salar de Uyuni auf 4000 Metern Höhe unternommen. Mitten in der Salzebene ist plötzlich ein schweres Gewitter ist über uns gezogen. Dann gingen die Blitzschläge im Sekundentakt um uns nieder. Auf fast jeder Reise werde ich mit solch dramatischen Situationen konfrontiert.

Wie bereiten Sie sich auf solche Extremreisen vor?
Jede Expedition ist nicht als Abschluss anzusehen, sondern die Vorbereitung für eine kommende. Grunderfahrungen müssen aufgebaut und wiederholt werden. Ich habe ein Lager von 40 Quadratmetern mit Basisausrüstung und mit Kartenmaterial. Es ist sehr wichtig, sich mit den klimatischen Bedingungen auseinanderzusetzen und sich zu informieren, welche Gefahren durch Tiere und Pflanzen es gibt. Alles in allem ist es also sehr viel Lesearbeit. Ich habe auch eine Philosophie: Auf den Expeditionen habe ich kein Satellitentelefon dabei. Nicht nur, dass es kaputt oder verloren gehen könnte. Es vermittelt auch eine falsche Sicherheit. Es gibt viele Regionen, in denen auch ein Rettungshubschrauber mehrere Tage unterwegs wäre. Mehr als irgendwo anzurufen und zu sagen: „Machts’s gut, ich verblute gerade“ wäre dann eh nicht drin. Auf diese Weise zwinge ich mich, bei der Planung auch wirklich an alles zu denken.

Wie viel Zeit verbringen Sie in der Wildnis?
Einen Alltag in diesem Sinne kenne ich nicht, das hat sicher auch etwas mit einem starken Freiheitsdrang zu tun. Darum wohne ich mit meiner Lebensgefährtin im Winter ((im Sommer ziehen wir nach Deutschland, wo meine Kursschulen sind)) auch in Griechenland (lacht). Ein- bis zweimal im Jahr gehe ich auf eine längere Expedition, daneben mache ich Filme für TV-Sender, schreibe für Magazine und gebe Seminare. Ich bin viel unterwegs. Manchmal ist meine Lebensgefährtin in einem Begleitfahrzeug mit einer Kamera dabei.

Sie haben gerade ihr sechstes Buch veröffentlicht. Wie sind Sie überhaupt zum Bücherschreiben gekommen?
Als ich 18 war, habe ich angefangen die „Tierische Notnahrung“ zu schreiben. Später, mit 21, 22, als ich zwei wenig erfolgreichen Semester Maschinenbau hinter mir hatte, habe ich auf Biologie umgesattelt. Das war nur konsequent, denn ich hatte schon vorher Vorlesungen gehört und mir viel, sehr viel angelesen, das Grundstudium hatte ich also eigentlich schon in der Tasche (lacht). Eine akademische Karriere hatte ich aber nie im Sinn, mir ging es immer darum, dieses Wissen praktisch anzuwenden. Das schlägt sich auch in meinen Büchern nieder.

Herr Vogel, wie sind Sie eigentlich zu so einem Naturburschen geworden?
Ich habe vier Geschwister, da kann man als Kind auch einfach mal an den Fluss abhauen. Mit 9 Jahren habe ich angefangen zu angeln, mit Bambusrute und Nähgarn. Natürlich ohne Erfolg. Als ich später den Fischereischein hatte, war ich jeden Tag draußen. Letzten Endes hat alles mit kindlicher Neugier angefangen: Es regnet – aber ich habe keine Regenjacke dabei. Oder: Ich habe die Köder vergessen, will aber nicht nach Hause was tun? Ich habe Antworten auf konkrete Fragen gesucht und dabei gemerkt, wie viel es bringt, die Sache genau zu analysieren. Damit habe ich einfach immer weiter gemacht.

Gerade ist sein Buch Der Survival-Guide für echte Kerle: Das ultimative Outdoor-Handbuch von Joe Vogel« (Pietsch Verlag, 256 S., 19,95 Euro) erschienen. Mehr über Bücher für echte Männer lesen Sie im Börsenblatt Spezial Ratgeber (Ausgabe 10 / 2015).

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