Interview zum Brockhaus-Verkauf

»Wir ziehen uns komplett aus dem Geschäftsfeld lexikalisches Nachschlagen zurück«

Sensation kurz vor den Feiertagen: B. I. verkauft die Marke Brockhaus mit sämtlichen Inhalten (auch mit dem Content von Meyers online) an Wissenmedia (inmediaOne, Arvato, Bertelsmann). Boersenblatt.net sprach mit B.I.-Vorstandssprecher Ulrich Granseyer über die Gründe für den Verkauf. VON INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Ulrich Granseyer

Ulrich Granseyer © Bifab

Das ist ein Schock, der zunächst verarbeitet werden muss: B. I. verkauft die Traditionsmarke Brockhaus an Wissenmedia. Wie geht es nun weiter? Granseyer: Die Brockhaus-Produkte wird es natürlich weiterhin geben. Und wir konzentrieren uns künftig stark auf Duden und den Kalenderverlag. Wir sind wegen des Verkaufs nicht plötzlich eine kleine Nummer in der Branche. Seit Frühjahr haben Sie mit inmediaOne Gespräche über Brockhaus geführt. Was hat den Ausschlag für den Verkauf der Brockhaus-Markenrechte und -Produkte gegeben? Granseyer: Als Brockhaus online starten sollte, haben wir unsere Gespräche mit inmediaOne intensiviert und die Möglichkeiten, die Brockhaus im Printgeschäft und im Direktvertrieb hat, genauer analysiert. Dabei hat sich herausgestellt, dass sich inmediaOne sehr viel mehr Synergien im redaktionellen Bereich und mehr Vermarktungsmöglichkeiten über die drei verschiedenen Direktvertriebsschienen hat. Das hat sich so weiterentwickelt, dass das strategische Interesse an einer Komplettübernahme von Brockhaus immer deutlicher wurde. Wir haben uns da gefragt: Was spricht dagegen? Zudem der wirtschaftliche Druck auf unserer Seite – wegen der schlechten Ergebnisse des vergangenen Jahres – uns dazu bewogen hat, in Verkaufsgespräche einzutreten. Und die haben wir gestern abend beendet. Die schlechten Zahlen im Lexikongeschäft und die Verschiebung von Brockhaus online trugen in der Öffentlichkeit zum Eindruck bei, dass Brockhaus in Schwierigkeiten ist … Granseyer: Wir haben immer wieder deutlich gemacht, dass wir mit dem Abverkauf der Brockhaus Enzyklopädie ganz zufrieden sind, aber wir bei weitem auch nicht mehr das Niveau der vergangenen Jahre und Vorauflagen erreicht haben. In die Online-Plattform haben wir sehr viel investiert, aber dann gemerkt, dass das Online-Geschäftsmodell für eine größere redaktionelle Einheit, die Inhalte recherchiert, nicht tragfähig ist. Sie verkaufen die Rechte und alle Produkte der Marke Brockhaus. Bleibt die Marke Meyers bei Ihnen? Granseyer: Die Marke Meyers bleibt bei uns, allerdings haben wir den Entschluss gefasst, uns komplett aus dem Geschäftsfeld lexikalisches Nachschlagen zurückzuziehen. Das betrifft auch Meyers Lexika. Wir werden Meyers sehr stark, was auch jetzt schon der Fall ist, im Kinder- und Jugendbuchbereich sowie im Atlanten- und Länderlexikon-Programm weiter ausbauen. Im Bereich der allgemeinen Lexika werden wir die Marke Meyers nicht mehr verwenden. Meyers online wird also ebenfalls eingestellt? Granseyer: Die Inhalte von Meyers online korrespondieren mit den Brockhaus-Inhalten. Der komplette Content von Meyers Lexikon online ist Teil des Brockhaus-Deals. Die Entscheidung für den Verkauf hat strategische Bedeutung. Kam das Signal von oben – der Langenscheidt Gruppe und dem Aufsichtsrat? Granseyer: Die Entscheidung ist nicht von ganz oben gekommen, sondern auf Unternehmensebene gefallen. Die intensiven Gespräche mit inmediaOne (Arvato) haben den Boden dafür bereitet. Dass eine solche Weichenstellung im Unternehmern mit den Anteilseignern, den Aktionären und dem Großaktionär Langenscheidt abgestimmt werden muss, ist eine Selbstverständlichkeit. Das macht ein Vorstand nicht allein. Die Verhandlungsführung ist gemeinsam mit Langenscheidt unternommen worden. Sie kehren zum Zustand des Unternehmens vor der Übernahme von F. A. Brockhaus zurück. Heißt Ihr Verlag künftig nur noch Bibliographisches Institut? Wird F. A. Brockhaus aus dem Handelsregister getilgt? Granseyer: Das wird so sein, aber noch eine Weile dauern: Das muss auf der nächsten Hauptversammlung beschlossen werden. Erst dann wird es die Umfirmierung geben. Das Kartellamt muss den Deal noch genehmigen … Granseyer: Der Verkauf steht noch unter Vorbehalt. Wir rechnen damit, dass die Prüfung bis Januar / Februar abgeschlossen sein wird. Sehen Sie da nicht ein Risiko? Denn mit Bertelsmann gäbe es dann auf Verlagsseite nur noch einen dominierenden Lexikonanbieter. Granseyer: Es gibt ja Wikipedia, es gibt ja Google und viele mehr, die ihre Inhalte kostenlos anbieten. Alles Weitere wird das Kartellamt prüfen. Die Online-Redaktion in Leipzig wird komplett aufgelöst. Was geschieht mit den 60 Mitarbeitern – was geschieht mit der Redaktionsleiterin Sigrun Albert, und was geschieht auf Management-Ebene mit Marion Winkenbach? Es wird ja ein Vorstandsposten überflüssig … Granseyer: Im Moment gibt es keine Maßnahmen für das Management, und für die künftige Vorstandsbesetzung müssen Sie den Aufsichtsrat fragen. In Leipzig müssen 48 festangestellte Mitarbeiter und zwölf Mitarbeiter mit Zeitverträgen gehen oder schließen Altersteilzeit-Verträge ab.

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10 Kommentar/e

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  • Frithjof Klepp/ ocelot bücher digital

    Frithjof Klepp/ ocelot bücher digital

    Dramatisch und erschütternd! Mehr als 200 Jahre deutscher Kulturgeschichte gehen zu Ende...

  • Mathias Schindler

    Mathias Schindler

    @Frithjof:

    Nein. Das Original-FAB existierte seit 1949 nicht mehr, dann kam 1984 die Fusion mit BI und zwei Jahre später die Langenscheidt-Übernahme. Da macht eine Übernahme mehr oder weniger auch keinen Unterschied. Langenscheidt wird den Markennamen wohl erhalten und Produkte mit dem Brockhaus-Greif herausbringen - 2009 ist ein schönes Jubiläumsjahr für eine 22. Auflage mit angepassten Ausstattungsmerkmalen.

  • Frithjof Klepp/ ocelot bücher digital

    Frithjof Klepp/ ocelot bücher digital

    @Mathias:

    ;-) Du unverbesserlicher... Es geht eher um Symbolik. Und ne 22. wird es nächstes Jahr 100% nicht geben...
    Das war mein erster Impuls, über das gesamte Thema haben wir und viele ja schon viel gesagt und geschrieben. Es geht ja um Themen wie "was darf gehaltvolle Information kosten?" bzw. Qualitätsjournalismus. Aber es ist viel in Bewegung, ohne Frage, oft natürlich auch zum Besseren. Aber die Nachricht war schon eine heftige, da ich ja durchaus als Buchhändler in der Branche sozialisiert bin.


  • Luzi

    Luzi

    Na , da könnten wir doch auch alle traurig sein, dass es keine Meyer-Enyzklopädien mehr gibt. Ich persönlich mag meinen 15-bändigen Meyer und das war vor knapp 20 Jahren das letzte große Lexikon dieses Namens.
    Dinge verändern sich eben. ;)

  • Mathias Schindler

    Mathias Schindler

    Das zweite "Langenscheidt" in meinem Posting hätte übrigens Arvato heissen sollen. Sorry.

    @Frithjof: Deine 100% teile ich nicht, auch wenn ich dir recht gebe: Das wäre fix. Vielleicht gibt es ja um die Buchmesse 09 eine erste Ankündigung oder Konkretisierung zu dem Thema.

    Was "was darf gehaltvolle Information kosten?" könnte ich dir "alles!" antworten. Enzyklopädiezweizeiler im Sinne von "Kohl, Helmut: *1930 Ludwh, Pol.; 1982-98 dt. BK, s.a.: Pyrus" zählen ausdrücklich nicht zu 'gehaltvolle Information'.

  • Ralf-Hans Möller

    Ralf-Hans Möller

    @Matthias Schindler: Aber "Jean-Luc Picard ist der kommandierende Offizier der Enterprise" und ähnlich Triviales, das man zuhauf in der Wikipedia findet, ist gehaltvolle Information und von erheblicher lexikalischer Relevanz!

  • Mathias Schindler

    Mathias Schindler

    @Ralf: Es geht noch deutlich obskurer, man muss sich dazu nur die Löschkandidatenliste der Wikipedia anschauen - und zwar beide Teile: Die Artikel, die wir behalten und jene, die wir löschen.

    Unsere übliche Ausrede ist, dass im Gegensatz zu Papier oder einer bezahlten Redaktion der Artikel zur Birne nicht deshalb magerer wird, weil sich jemand zu einem Pokemon austoben durfte.

  • Elke

    Elke

    Clever eingefädelt von Gütersloh: Mit den Wikipedia-Verantwortlichen hatte man sich ja schon arrangiert - jetzt wird Brockhaus geschluckt und Meyers Lexikon online wird wohl auch verschwinden ...

    Tschüss Wettbewerb. Mal sehen, wann der erste Wikipedia-Brockhaus im wissenmedia-Verlag erscheint.

  • Olaf

    Olaf

    Musste es wirklich so kommen? Es tut mir schon weh, ein so tolles Lexikon wie den 6-bändigen Brockhaus jetzt für 99.- Euro zu verramschen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich Intellektuelle künftig eine Enzyklopädie von Bertelsmann ins Regal stellen, auch wenn Brockhaus drauf steht.
    Wo gibt es heute noch Firmen, die ihre Traditionsmarken auch durch Krisenzeiten bringen?
    Schade,schade...

  • Redaktion

    Redaktion

    Die Brockhaus-Redaktion jedenfalls hat sich selbst noch nicht aufgegeben und sucht nun nach einem neuen Verleger, der noch an professionelle Arbeit glaubt: http://www.was-spricht-dagegen.de

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