Kirsten Boies deutsch-arabisches Buch kommt nicht überall gleich gut an

Ost-West-Gefälle

Soziale Netzwerke haben Kirsten Boies "Bestimmt wird alles gut" (Klett Kinderbuch) seit Erscheinen Ende Januar auf knapp 60.000 verkaufte Exemplare gepusht. Im Osten lehnen Sortimenter das Buch in deutscher und arabischer Sprache allerdings häufig ab: boersenblatt.net hat bei Verlegerin Monika Osberghaus, Illustrator Jan Birck und seinem Agenten Harald Kiesel nachgefragt. NB

Das Buch hat sich rasch zu einem Bestseller entwickelt - was hat zum Erfolg beigetragen?

Jan Birck: "Die erste Kritik, die ich gelesen habe, war eher negativ. Das Buch sei zwar gut gemeint -  aber wer sollte es lesen?, fragte die Rezensentin und bezog ihre Kritik vor allem auf die arabische Übersetzung. Ich glaube aber, dass gerade die schon auf dem Umschlag sichtbare Zweisprachigkeit bei Buchhändlern und Lesern gut ankommt. Die Idee von Monika Osberghaus, die Übertragung ins Arabische mitzuliefern, finde ich wichtig und gut."

Monika Osberghaus: "Wir haben für dieses Buch so viel Presse bekommen wie nie zuvor bei einer Klett-Kinderbuch-Novität. Allerdings kamen die Rezensionen eher von kleinen und mittleren Medien. 'Die Zeit' oder die 'F.A.Z.' beispielsweise haben sich noch nicht dazu geäußert. Zum Erfolg haben ganz stark auch die sozialen Medien beigetragen. Viele Flüchtlingsgruppen, die eigentlich nichts mit dem Buchmarkt zu tun haben, liken und teilen unsere Facebook-Posts dazu. Auch Doris Schröder-Köpf, die bei der Flüchtlingsarbeit sehr engagiert ist, hat darauf hingewiesen: Sie hat einen sehr großen Verteiler und viele Follower. Hinzu kamen weitere Prominente, die "Bestimmt wird alles gut" empfehlen und für uns neue Lesergruppen erschließen. Auf diese Weise erleben wir zum ersten Mal, wie sich Buchempfehlungen viral in den sozialen Netzwerken unabhängig vom Buchhandel extrem schnell und stark verbreiten können. Diese Entwicklung war aufgrund der Vorbestellungen im Handel nicht absehbar. Dann aber haben die Sortimenter gut nachgezogen, vor allem im Westen. Im Osten hingegen gibt es viele Buchhändler, die das Buch gar nicht mögen."

Woran merken Sie, dass die Sortimenter im Osten das Buch weniger schätzen?

Monika Osberghaus: "Zunächst ganz konkret: Am Stand in Leipzig etwa kam eine Frau aus Sachsen vorbei und sagte empört: 'Oh, jetzt machen Sie ja schon Kinderbücher auf Arabisch!' Ähnlich ablehnende Stimmen höre ich mehrfach vor allem von ostdeutschen Sortimentern."

Sind das Einzelfälle?

Monika Osberghaus: "Nein. Die Unterschiede zwischen West und Ost haben sich schon bei den Vormerkern gezeigt, als die Vertreter mit dem Buch auf Reise waren. Im Westen gingen die Zahlen rasch nach oben, das ging in die Tausende. Hingegen blieben die Zahlen im Osten jeweils eher bei 100 oder darunter, jedenfalls vergleichsweise sehr gering. Bei anderen Büchern aus unserem Verlag ist das Gefälle viel weniger ausgeprägt. Allerdings habe ich von Kollegen gehört, die Bücher zur Flüchtlingsthematik veröffentlichen, dass sie ähnliche Erfahrungen mit den ostdeutschen Buchhändlern machen."

Welche Gründe sehen Sie dafür, dass das Buch im Osten abgelehnt wird?

Monika Osberghaus: "Es ist mir ein Rätsel. Viele Ostbuchhändler sitzen den Vertretern gegenüber und sagen: 'Dieses Buch brauchen wir hier bei uns nicht'. Und die Vertreter können keine Ursachenforschung betreiben oder sich auf Grundsatzdiskussionen einlassen. Ich kann nur vermuten, dass es die Angst der Buchhändler vor ihrer Kundschaft ist. Noch schlimmer wäre: Vielleicht sind auch viele selbst davon überzeugt, dass ein solches Buch falsch ist. Das macht mich offen gestanden fassungslos. Aber zum Glück gibt es auch die Leuchttürme im Osten, Buchhandlungen, die das Buch richtig gut einkaufen und zum Beispiel neben der Kasse platzieren. Die sind uns ganz besonders wichtig, über die freuen wir uns. Und das nicht wegen der Verkaufszahlen, denn die kommen hier auch über den Onlinehandel rein. Nein, es tut einfach gut, wenn Buchhändler die Fahne der Weltoffenheit hochhalten in den Bundesländern, in denen die AfD so erschreckend stark geworden ist.“

Stellen Sie im Bestellverhalten Unterschiede zwischen großen und kleinen Buchhandlungen fest? 

Monika Osberghaus: "Hugendubel und Thalia haben über das Zentrallager viel eingekauft. So bekommen jetzt auch die Filialen im Osten das Buch in großen Stückzahlen, und offenbar ist auch die entsprechende Kundschaft da. Der unabhängige Buchhändler ist halt eine Art Torwächter. Bei unseren Büchern ist es sonst eigentlich eher so, dass die kleineren Sortimenter sich sehr für unser Programm einsetzen. Sie reden über Klett-Kinderbücher und verbreiten sie, bevor die Filialisten merken, dass hier etwas zu holen ist. Jetzt haben wir ausnahmsweise mal den umgekehrten Fall. Die Filialisten sind die Rettung für dieses Buch im Osten. Und leider auch Amazon."

Was sagen Sie zur Kritik, dass eine deutsche Autorin nicht über Flüchtlinge schreiben sollte?

Monika Osberghaus: "Die finde ich völlig daneben! Ein Autor sollte zu jedem Thema schreiben, zu dem er etwas zu zu erzählen hat. Egal, woher er kommt und was er selbst erlebt hat. Wenn ein Autor das will und kann, soll er es machen. Und in Kirsten Boies Fall ist es ja eine Art Reportage auf Grundlage von Erzählungen von Kindern, die das so erlebt haben. Es ist also absolut verbürgt, dass die Geschichte so erlebt wurde. Warum sollte man das jetzt anzweifeln, nur weil eine deutsche Autorin das sehr gut erzählt und weitergibt?"

Harald Kiesel: "Der Vorwurf, dass ein Autor nur über das schreiben könne oder gar solle, was er selbst erlebt hat, greift komplett ins Leere -  er ignoriert zum Beispiel Empathie, Phantasie und Recherche. Scharf überspitzt und verallgemeinert dürfte es dann nur dokumentarische Erlebnisprosa geben oder, auch das ist natürlich absurd, beispielsweise keine historischen Romane über das Mittelalter."

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7 Kommentar/e

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  • Thomas Brausch

    Thomas Brausch

    "Bei unseren Büchern ist es sonst eigentlich eher so, dass die kleineren Sortimenter sich sehr für unser Programm einsetzen. Sie reden über Klett-Kinderbücher und verbreiten sie, bevor die Filialisten merken, dass hier etwas zu holen ist. "
    Ein schöner entlarvender Satz: Dann wäre es auch nur recht und billig, das dann die kleineren Sortimenter die gleichen Konditionen wie die Großen erhielten und auch einen gescheiten WKZ .
    So ´bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

  • Steffen Meier

    Steffen Meier

    Lieber Herr Brausch, Sie haben recht: es gibt einen bitteren Nachgeschmack! Da geht es um eine Schieflage in der "Flüchtlings"-Frage zwischen Ost und West, die sich auch im Verhalten von Buchhändlern gegenüber einem in deutsch und arabisch erscheinenden Kinderbuch zeigt. Allein das wäre bezeichnend bis übelst. Bezeichnend ist aber auch der einzige Kommentar zum Artikel, in dem nur wegen schlechter Bezugskonditionen für kleinere Sortimenter geklagt wird. ‪#‎kopfschüttel‬

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ich finde das Buch gut. Es liegt hier seit Erscheinen an der Kasse. Und wenn das in den Buchkaufhäusern auch so ist: Ein Glück.

  • Thomas Brausch

    Thomas Brausch

    Lieber Herr Meier, ich gebe Ihnen völlig Recht, das es schon sehr bedenklich ist, das es bezüglich eines solch wichtigen und guten Titels ein eklatantes Ost-West-Gefälle gibt. Ähnlich wie bei Frau Bergmann, liegt der Titel bei uns an der Kasse und findet regen Absatz - vor allem bei Kita-Erzieherinnen und Grundschullehrern. Allerdings sollte es auch erlaubt sein, bei aller Sensibilität des Themas, auf einen Mißstand der über das Thema hinaus hinzu weisen. Denn wann hat schon mal ein Verlag es so offen kommuniziert, dass die Kleinen die Arbeit machen und die Großen den Rahm abschöpfen ( zugegeben überspitzt formuliert :-) )

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ich habe den Titel mit 42% Rabatt eingekauft. Das sind (vermutlich) 8% Unterschied zu den Filialisten. Das finde ich nicht erheblich.

  • Nanno Viëtor

    Nanno Viëtor

    Vielleicht teilen die Buchhändler die Ansicht von AfD und Pegida oder sind zu ängstlich ihrer Kundschaft „sowas“ anzubieten; und somit ist es dann ein Bestell-Artikel.
    Meine Hochachtung den kleinen Sortimentern, die sich offenbar als mutig erweisen, was den Filialisten naturgemäß einfacher fällt.
    Schade nur dass bei diesem Thema wir uns von der gesellschaftspolitischen Dimension abwenden und die „Krämerseele“ offenbar eher widerhallt als die „Volksseele“.
    Erkenntnis meinerseits ist bei diesem Artikel, dass wir Buchhändler nicht nur aus „politisch korrekten“ oder empathischen Menschen bestehen, sondern die Republik widerspiegeln wie diese sich auch politisch offenbart. Warum sollte es nur rechtslastige Verlage á la KOPP geben die in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind? Deren Leser sind auch in ganz Deutschland.
    Es hätte mich erstaunt, sollten die Widersprüchlichkeiten unserer Republik sich in unserer Branche nicht zeigen. Das Gefälle macht es nur deutlicher.

  • Petra  Dünges

    Petra Dünges

    Wer soll arabisch-deutsche Bilderbücher lesen?

    Ich bin Übersetzerin und Spezialistin für arabische Kinderliteratur. Kinderbücher renommierter arabischer Autoren und Illustratoren in meiner Übersetzung aus dem Arabischen sind schon vor Jahren bei Edition Orient erschienen. Da diese Bücher in zweisprachiger arabisch-deutscher Ausgabe vorliegen, habe ich die Frage: "Wer soll arabisch-deutsche Bilderbücher lesen?" schon oft gehört.

    Nun, man muss zunächst fragen. "Wer kann arabisch-deutsche Bilderbücher lesen?". Natürlich jeder, der Deutsch oder Arabisch lesen kann. "Soll man dieses spezielle arabisch-deutsche Bilderbuch lesen?" Das kommt auf den literarischen Wert und das spezielle Interesse des Lesers an. Den literarischen Wert kann ein deutschsprachiger Buchhändler genauso feststellen wie bei Büchern, die nur in Deutsch vorliegen - schließlich enthält das Buch deutschen Text. Und ob es dem Leser dann gefällt, muss er dem Leser selbst überlassen. Im Endeffekt ist es also nicht viel anders als bei deutschsprachigen Ausgaben auch. So sollte es jedenfalls sein.

    Aber leider denken viele, ein arabisch-deutsches Buch sei von vornherein nur für den Spracherwerb gedacht. Das würde den Leserkreis natürlich einschränken. Dabei kann es ja viel mehr sein. Es kann deutschsprachigen und arabischsprachigen Kindern zur gemeinsamen Lektüre dienen. Und wenn es aus der arabischen Welt stammt, kann es zudem arabischen Neuankömmlingen ein wenig Heimatgefühl vermitteln und einheimische Kinder neugierig auf bisher Fremdes machen.

    Arabisch-deutsche Bilderbücher brauchen natürlich aufgeschlossene Buchhändler, die ihren Kunden auch mal besondere Bücher empfehlen, abseits der Bestsellerlisten. Und dazu ist der inhabergeführte Buchhandel unabdingbar. Im Onlinebuchhandel wie bei amazon gehen solche Bücher eher in der Masse von miserablen Büchern unter. Denn bei amazon wird mit sogenannten "Kundenrezensionen" auch der größte Unfug noch positiv bewertet.Das passiert bei einer guten inhabergeführten Buchhandlung ganz sicher nicht.
    ---------
    Petra Dünges,
    Übersetzungen aus dem Arabischen,
    Kinder- und Jugendliteratur

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