Konferenz Academic Publishing in Europe 2016

"Tektonische Verschiebungen"

Die Konferenz Academic Publishing in Europe (APE) ist beinahe schon traditionell der Jahresauftakt für all jene, die sich mit aktuellen Trends im wissenschaftlichen Publizieren beschäftigen. Aus Anlass ihrer elften Ausgabe diskutierten über 200 Verleger, Wissenschaftler, Forschungspolitiker und Bibliothekare aus aller Welt in den vergangenen beiden Tagen in Berlin Veränderungen in der wissenschaftlichen Kommunikation und deren Konsequenzen auf die Zusammenarbeit untereinander.  SVEN FUND

Das Themenfeld war gewohnt breit bei der APE, unter dem Titel „The Digital Agenda: The Road Ahead for Scholarly Communication“ hatte Organisator Arnoud de Kemp klassische und neue Themen zusammengestellt. Fünf wesentliche Entwicklungen beschäftigen die Entscheiderinnen und Entscheider besonders:

1. Wissen und Liebe
Barend Mons, Professor für Medizin an der Universität Leiden, stellte in seinem kontroversen Vortrag (boersenblatt.net berichtete) seinen Anspruch an das Publizieren in den Mittelpunkt der beiden folgenden Tage. Danach vermehrt sich Wissen (wie die Liebe) dann besonders, wenn es geteilt wird. Und es sei in einer digitalen Welt mit rasant wachsenden Datenmengen einfach nicht mehr angemessen, so Mons, aus Daten allein einen Artikel zu formulieren und zugleich auf eine Menge wertvoller Details zu verzichten. Seine Forderung: Daten müssen die primäre Publikationsform in den (Natur-)Wissenschaften der Zukunft sein.
Überhaupt schenken Verleger und Wissenschaftler dem Umgang mit Forschungsdaten gerade viel Aufmerksamkeit. Neben allerlei Problemen, wie deren Qualität geprüft und gesichert werden kann, fällt auf, dass die heute wichtigsten Publikationsformen, wissenschaftliche Artikel und Bücher, zunehmend durch neue und zusätzliche Formate unter Druck geraten. Zudem ist erst schemenhaft erkennbar, wie mit Forschungsdaten Geld verdient werden kann.

2. Kosten und Nutzen
Die wirtschaftlichen Aussichten für Verlage sind nach Einschätzung vieler Beobachter alles andere als rosig, so dass sich bei aller Innovation die Frage der Finanzierung aufdrängt. Insbesondere die internationalen Marktführer investieren hohe Summen, um die Erzeuger von Forschungsergebnissen, die Leser ihrer Zeitschriften und Bücher besser zu verstehen und in der Konsequenz die Nutzung ihrer Inhalte zu steigern. Die Qualitätsdiskussion im Verlagswesen wird damit plötzlich sehr konkret und anhand von Zahlen messbar – was spürbar nicht jedem behagt.

3. Publish or perish
All das könnte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern recht egal sein, wären nicht ihre universitären Karrieren immer stärker von Veröffentlichungen mit hohem Impact Factor abhängig; Philipe Terheggen vom Weltmarktführer Elsevier sprach gar von „Effizienz als zentralem Kriterium in einer immer stärker kompetitiven Realität von Wissenschaftlern“. Allerlei digitale Helfer sind mittlerweile im Einsatz, um dem Anspruch von Berufungskommissionen an Universitäten gerecht zu werden – wobei längst nicht Einigkeit darüber besteht, ob der Blick auf quantitative Kriterien wirklich bessere Wissenschaft zur Folge hat.

4. Wissenschaft und Politik
Nicht erst seit dem Beginn der Open Access-Diskussion hat die Politik die Wissenschaft als Profilierungsfeld entdeckt. Es scheint allerdings so, als wüchsen die Ambitionen eher und als mehrte sich der Regelungsbedarf der Politik. Gerade für Verlage ist das keine erleichternde Voraussetzung in einem traditionell globalen Geschäft.

5. Struktur und Freiheit
Überhaupt ist deutlich spürbar, dass wissenschaftliches Publizieren zu einem ökonomischen Markt unter erschwerten Bedingungen geworden ist. Wachstum ist immer schwieriger zu finden, so dass neben das Experimentieren mit neuen Modellen und Partnerschaften mit Start-ups vor allem auch höhere Ansprüche an Verleger in ihrem täglichen Geschäft treten. John Sack, Gründer des Verlagsdienstleisters HighWire, sprach von „tektonischen Verschiebungen“ in den Arbeitsprozessen allein innerhalb der vergangenen Dekade.

Während für ausreichend neue Themen in der wissenschaftlichen Kommunikation gesorgt scheint, sind die teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen Wissenschaftspolitikern und Finanzierern einerseits und Verlegern andererseits einem arbeitsamen Pragmatismus gewichen. Gleichwohl: Das politischste Thema der Branche derzeit in Deutschland, die Reform des Urheberrechts und die aktuellen Gerichtsentscheidungen, fanden sich nicht im Programm – und gehören trotzdem zum Pflichtprogramm des Jahres 2016.

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