Lieblingsbuchhandlung: Mirko Bonné über die Bücherkoje in Hamburg

Unter Deck

Mirko Bonné, 2017 für seinen Roman "Lichter als der Tag" (Schöffling) für den Deutschen Buchpreis nominiert, geht am liebsten bei der Bücherkoje in Hamburg an Bord.

Buchhändlerin Frauke Eikmeier und Mirko Bonné

Buchhändlerin Frauke Eikmeier und Mirko Bonné © Daniel Müller

In der Hamburger Innenstadt verbindet die mit ihrem Flitter blendende Mönckebergstraße und die parallel zu ihr nach Südwesten strebende graue strenge Steinstraße ein kleiner Platz vor der mittelalterlichen St. Jacobi-Kirche. Dieser Jakobikirchhof wird südlich der Steinstraße zur Mohlenhofstraße, dem Eingang ins Hamburger Kontorhausviertel. Unten, am Fuß des steinern überbauten Hangs, sieht man das Chilehaus Fritz Högers, das einem Dampfer aus Backsteinen gleicht.

In einem oft zugigen Arkadengang am Jakobikirchhof liegt still eine der kleinsten Buchhandlungen der Hansestadt, die Bücherkoje, die es schon seit über 100 Jahren gibt und die aus einem einzigen Raum besteht, aus dem allerdings eine Wendeltreppe in ein oberes, den Kunden verschlossenes Stockwerk führt. Die Bücherkoje ist alles andere als ein Schlafraum für Bücher oder Leser. Frauke Eikmeier, die Buchhändlerin, versteht es, ihre Bücher auf so lebendige Weise in Fenstern und Regalen zu platzieren, dass sie in der Erinnerung wach bleiben und so auch die Erinnerung selbst wach bleibt. Zugewandt erscheinen die Umschläge, freundlich die Taschenbücher, wie weitere Fenster die Kalender, und in der zwar nicht großen, aber geräumig und einladend wirkenden Kinder- und Jugendbuchecke finde ich seit zwölf Jahren immer die richtigen Bücher, so als würden die mitwachsen mit meinen Kindern, damit diese gar nicht erst auf die Idee kommen, nicht zu lesen.

Wer könnte leben ohne zu lesen? Lebt einer, der nicht liest? Lesen lässt sich vieles, wenn nicht alles, Gesichter, Bäume, Schiffe, Hände, selbst das Gras oder die Kopfsteinpflastersteine auf dem Jakobikirchhof. In einem Gespräch mit Frauke Eikmeier habe ich stets das Gefühl, das Leben lesen zu können, in der Weise, wie die Buchhändlerin erzählt, dass sie Afrika liebt oder diesen Schmöker und jenen Krimi sich lieber nicht in den Laden stellt, denn Platz ist ohnehin viel zu wenig. Bachmann, Camus, Cheever, Conrad, Fitzgerald, Handke, Herbert, James, Kaiser-Mühlecker, Pound, Roth, Simon, Stamm, Trakl. Es ist angenehm und es lässt mir meine Freiheit, nicht mit des Buchhändlers Einschätzung von diesem oder jenem Autor und dessen jüngstem Elaborat behelligt zu werden. In der Bücherkoje gilt die Sprache der Stille und des beredten Lächelns. Eine alphabetische Ordnung wird nur vorgeschützt. Die Regale sind allesamt mehrfach belegt, oft unsichtbar, aber überall sind Empfehlungen zu sehen, unaufdringlich, hanseatisch, ohne großes Gedöns.

Eine Koje, lese ich, ist nicht bloß eine schmale Bettstatt unter Deck, eine Koje kann eine Vorratskammer, ein Lagerraum, ein Verschlag sein, zumeist redet man von Kojen an Bord, aber auch an Land gibt es sie. Ich halte es für gut möglich, dass der zugige Arkadengang am Jakobikirchhof früher mal aus lauter Kojen bestand. Die Apothekenkoje. Die Schmuckkoje. Die Nagel­pflegekoje. In der Bücherkoje frage ich mich immer, wohin die Wendeltreppe wohl führt. In die blaue Weite, auf den Dampfer des großen Lichts? Ist da oben eine Luke, tritt man dort ­hinaus an Deck? Ja.

Mirko Bonné wurde 1965 in Tegernsee geboren und lebt in Hamburg, seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet.

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