Michael Schikowski über Stadtkultur und Konsum

In bester Gesellschaft

Wie wird eine Stadt zu "meiner Stadt"? Indem sie Menschen nicht nur geschäftlichen Handlungsspielraum lässt. Michael Schikowski über Stadtkultur von heute und morgen.

Eine Buchhandlung in der Stadt findet man in der Regel, indem man auf den zentralen Platz derselben fährt, der zumeist von Weitem durch den Kirchturm zu erkennen ist. Irgendwo da ist dann meist auch eine Buchhandlung.
In die Stadt gehen die Menschen, um ihre Besorgungen zu machen. Sie wären aber sehr überrascht, wenn die Stadt menschenleer bliebe. Das wäre dann nicht die Stadt. Nicht nur nicht ihre Stadt, sondern überhaupt keine Stadt. 
Wolfgang Hommel, Inhaber der Buchhandlung Fischer in Jülich, publizierte 2014 unter dem Titel "Jülich handelt" eine Chronik der Veränderungen des Einzelhandels seiner Stadt. Er beschreibt diese Veränderungen als Entflechtung, als Auseinandertreten ursprünglich zusammenhängender Funktionsbereiche. Dieser Prozess begann schon in den 60er Jahren, er setzt sich fort im Auseinandertreten von Handel und Immobilie und schließt seit einigen Jahrzehnten mit der Entflechtung von Familienbetrieb und Handel ab. Die weitere Entwicklung zeigt die Stadt als Auslaufmodell sich ausdifferenzierender Funktionen, denn schließlich driften auch Beratung und Verkauf auseinander, aus Ladenlokalen werden Showrooms und der Verkauf wird online abgewickelt.

All dies ist der Auszug des Städtischen aus der Stadt. Damit geht auch die Treue zur traditionellen Einkaufsstätte zurück. Und Hommel resümiert: "Wenn die Bewohner ihre Innenstadt nicht mehr als lebenswert empfinden, kommt gesellschaftliches und kulturelles Erleben zum Erliegen – und es wird gar nicht mehr gehandelt."
Man hat das Problem der Stadt als einen Mangel an sogenannter Aufenthaltsqualität beschrieben. Also setzten die Stadträte mit dem Bagger an und begannen allerorts mit Sanierungen (Dillingen, Krefeld, Wuppertal), Verkehrsanbindungen (Köln, Severinstraße), Parkplätzen (Münster) und Renaturierungen (Siegen). Zurück blieb oft eine Einkaufsstraße, in der entweder die Händler die Dauerbaustelle wirtschaftlich nicht überlebten oder die neue Pflasterung eine kalte und leblose Einkaufsmeile zurückließ.
Die Innenstädte werden aber "als Standorte des Einzelhandels nur dann auf Dauer konkurrenzfähig bleiben", schreibt der Stadtsoziologe Walter Siebel, "wenn sie mehr bieten als Geschäfte, Cafés und Parkhäuser, nämlich öffentlichen Raum, das heißt Orte der Kultur, der politischen Auseinandersetzung, der Überraschung, der Begegnung mit Fremdheit."
Die Designer-Outlet-Shopping-Stadt Wertheim Village kann demgegenüber als vollkommene Einkaufsstadt gesehen werden, frei von allem Leben, das nicht zugleich Konsumieren und Einkaufen ist. Wenngleich die Bedeutung der Ökonomie immer entscheidend bleibt, reicht ein bloß auf Konsum und Einkauf ausgerichtetes Verständnis von Stadt heute gewiss nicht aus. Eine Stadt, die sich auf die Bereitstellung von Handel reduziert, gibt ihren Bürgern nicht den heute notwendigen Handlungsraum.
Das zeigt besonders gut die erkenntnis- und anregungsreiche Ausstellung "Gute Geschäfte. Was kommt nach dem Einzel­handel?", die in Herten in leerstehenden Ladenlokalen der Stadt zu sehen ist. Entwickelt von Stadtbaukultur NRW zeigt sie Ursachen, Folgen, Verluste, Chancen und Gegenmittel zum grassierenden Leerstand.
Dass unsere Stadtkerne bald historischer sein könnten, als wir es uns vorstellen wollen, lernt man in dieser Ausstellung, aber auch durch den in Riesenlettern am Eingang eines leeren Kaufhauses angebrachten Hinweis: "Amazon ist keine Stadt."

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