Raif Badawi Award 2018

"Eine kollektive Erfolgsgeschichte"

Im Forum Börsenverein auf der Frankfurter Buchmesse wurde gestern Nachmittag der Raif Badawi Award for courageous journalists 2018 an das unabhängige Journalistennetzwerk "Arab Reporters for Investigative Journalism" (ARIJ) aus Jordanien überreicht − Rana Sabbagh, ARIJ-Gründerin und -Leiterin, nahm den Preis entgegen. Die Verleihung war ein beeindruckendes Plädoyer für Meinungs- und Pressefreiheit. VON MATTHIAS GLATTHOR

Rana Sabbagh, Ensaf Haidar, Constantin Schreiber, Pinar Atalay (von links)

Rana Sabbagh, Ensaf Haidar, Constantin Schreiber, Pinar Atalay (von links) © Paul Müller

An der Preisverleihung im Forum Börsenverein nahmen Ensaf Haidar, die Frau des seit sieben Jahren in Saudi-Arabien inhaftierten Raif Badawi, die Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay als Laudatorin und Constatin Schreiber (ARD) als Moderator teil. Grußworte sprachen Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesjustizministerin a. D. und Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Sabine  Leutheusser-Schnarrenberger

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger © Paul Müller

In einer couragierten, kämpferischen Rede wies Leutheusser-Schnarrenberger auf die wichtige Kontrollfunktion von Journalisten hin, die auch in EU gefährdet sei, nannte die Untergrabung der Pressefreiheit etwa in Malta, der Slowakei und Bulgarien (mit ungeklärten Ermordungen von Journalisten). Auch in Deutschland bräuchten Journalisten mancherorts den Schutz der Polizei, dort wo ihnen "Lügenpresse" entgegenschalle. Trotz allem: "Es darf nicht der Druck nachlassen, alles aufzuklären", so die ehemalige Bundesministerin. In Saudi-Arabien sei die Lage jedoch wesentlich schlimmer. Es sei mutig, investigativen Journalismus in einem Land zu betreiben, "wo man nicht weiß, was morgen passiert". Saudi-Arabien müsse man eine klare Ansage machen, forderte Leutheusser-Schnarrenberger von der Politik.

Pinar Atalay

Pinar Atalay © Paul Müller

"Eine kollektive Erfolgsgeschichte"

Auch Pinar Atalay betonte in ihrer Laudatio: "Die Pressefreiheit ist weltweit in Bedrängnis". In autoritären Regimen sei investigativer Journalismis ein Dorn im Auge. Insbesondere in der arabischen Welt sei die Situation dramatisch, was die Meinungsfreiheit betrifft. "Wer eine abweichende Meinung hat, ist gleich kriminell". Deshalb freute sie sich, dass mit Arab Reporters for Investigative Journalism (ARIJ) eine Organisation ausgezeichnet wird, "die sich gerade in dieser Region dem investigativen Journalismus verschrieben hat". Mittlerweile sei ein regionales Netzwerk in neun Ländern einstanden, dass sich auch in internationalen Netzwerken engagiert (etwa bei den "Panama Papers"). "Eine kollektive Erfolgsgeschichte", so Atalay.

Den Preis überreichte Ensaf Haidar, die aus Kanada angereist war. Sie gemahnte an alle politischen Gefangenen weltweit, forderte deren Freilassung − und auch sie betonte die extrem wichtige Rolle, die ARIJ in der arabischen Welt spielt. Sie komme jedes Jahr nach Frankfurt und sage, nächstes Jahr werde Raif Badawi den Preis übergeben. Sie glaube, 2019 könne es geschehen. Die Lage in Saudi-Arabien schätzte Rana Sabbagh allerdings pessimistischer ein.

Rana Sabbagh und Ensaf Haidar (von links)

Rana Sabbagh und Ensaf Haidar (von links) © Paul Müller

In ihrer Dankesrede erklärte Sabbagh, ARIJ will alle arabischen Journalisten unterstützen, denn durch investigative Arbeit könne man Gesellschaften verändern − zum Netzwerk zählten mittlerweile rund 500 Journalisten in mehreren arabischen Ländern ("wir sind wie eine Familie", so Sabbagh). man arbeite weltweit mit Kollegen und Medien zusammen. Allerdings sei die Situation nicht einfach und habe sich verschlechtert, das letzte Jahr sei das schwerste gewesen − "wir machen weiter", bekrätigt Sabbagh, sonst würde nur die Regierungsmeinung herrschen.

Eine kurze Gesprächsrunde zum Abschluss widmete sich auch der aktuellen Entwicklung der Demokratie im globalen Rahmen. Die Demokratie sei mächtig unter Druck geraten, so die Ansicht von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Amerika sei unter Trump als Verteidiger der Demokratie ausgefallen. Zur Demokratie gehöre auch Auseinandersetzung, "wir müssen aufpassen, dass wir diese Fähigkeit nicht verlieren", so die ehemalige Bundesministerin. Zuschauen ginge nicht mehr, sonst sei die Demokratie gefährdet.

Zum Preis

Der Journalistenpreis, initiiert von Badawis Ehefrau Ensaf Haidar und TV-Moderator Constantin Schreiber, soll an den inhaftierten saudischen Blogger Raif Badawi erinnern, der wegen seiner islamkritischen Texte zu 1.000 Peitschenhieben und zehn Jahren Haft verurteilt wurde.

Mit der Auszeichnung ohne Dotierung werden Journalisten oder Organisationen aus arabisch sowie mehrheitlich islamisch geprägten Ländern gewürdigt und Menschenrechtsverletzungen in den Fokus gerück. 2015 erhielt der marokkanische Journalist Ali Anouzla den Preis; 2016 zeichnete der Award die Journalistinnen des Flüchtlingsradios Dange NWE in Halabja (Irak) für ihre Arbeit aus; 2017 wurde er an den türkischen Investigativ-Journalisten Ahmet Sik vergeben.

Der Preis wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels unterstützt.

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