W3C und IPDF schliessen sich zusammen

Web und E-Book: wenn zusammenwächst, was zusammengehört

11. Mai 2016
von Börsenblatt Online
Das Thema "Books in Browser", die Konvergenz zwischen dem Web, wie wir es kennen, und einem nativen Produkt der Verlage, dem E-Book, war bisher ein Randthema, mit dem sich vor allem technisch Versierte und Evangelisten beschäftigten. Jetzt haben zwei grosse Standardisierungsorganisationen, W3C und IPDF, genau mit diesem Ziel vor Augen ihren Zusammenschluß kundgetan. Aber welche enormen Auswirkungen könnte dies für Verlage haben?

Das Thema „Books in Browsers“ oder „E-Book ist eigentlich eine Website“ hatte in den strategischen Überlegungen der Verlage wenig bis keine Relevanz und blieb Technikern und Evangelisten überlassen. Wenige hatten sich für Initiativen unter merkwürdigen Namen wie „Advancing Portable Documents for the Open Web Platform“ interessiert oder das Thema (vor Jahren) Organisationen wie dem AKEP überlassen ohne zu einer breiten Diskussion zu führen. Jetzt aber haben das World Wide Web Consortium (W3C) und das International Digital Publishing Forum (IDPF) beschlossen, sich zusammenzutun, um diese Initiativen und Überlegungen endgültig voranzubringen. In kurz: die Leute, die für Web-Standards zuständig sind, fusionieren mit den Leuten, die die E-Book-Standards machen. Und da ist er, der nötige Paukenschlag.

Worum geht es eigentlich bei dem Thema?

Dass E-Books eigentlich Webseiten sind – damit beginnt jedes Einsteigerseminar zum Thema E-Book-Produktion. Und wurde dann auch gleich abgehakt, schließlich sind E-Books abgeschlossene Kodex-Formen, die über dezidierte Vertriebsplattformen an Mann und Frau gebracht werden. Fertig. Die Basis-Technologie, das Format, spielte dabei keine Rolle, Hauptsache, es war standardisiert und konnte in die entsprechenden Workflows integriert werden. Auch die dahinterliegenden Verkaufsprozesse waren nur Digitalisate der gewohnten Vertriebsstrukturen – gedruckt zum Buchhandel, digital zu den inzwischen verpönten Oligopolen. Schimpfen über das „böse A“ und walled gardens und Mitleid mit dem armen Kunden in den Klauen diverser Datenkraken gehört zum guten Umgangston, ändern lässt sich ja doch nichts und so schlecht laufen die Geschäfte nun auch wieder nicht.

Leise, still und heimlich…

Tatsächlich gab es aber doch einige Initiativen, die überlegten, welche Konsequenz die Tatsache hat, dass ein digitales Produkt wie das E-Book technisch viel näher an Alltagstechnologien wie Browsern, Webseiten, „Surfen“ etcpp liegt als an der Form, wie es derzeit in den Verlagen behandelt wird. Darunter Verlage wie Penguin mit „Pelican Books“ (wobei das Projekt eher sanft entschlafen scheint), vornehmlich aber das W3C (das sind die Kollegen, die die Standards für das Internet festlegen, zumindest Namen wie Sir Tim Berners-Lee dürfte der eine oder andere schon vernommen haben) mit der „Digital Publishing Interest Group“ und der Aufforderung an Verlage, sich hier einzubringen. Schließlich geht es hier nicht nur um als philosophisch empfundene Themen wie digitale Annotationen, sondern auch um DRM oder Transaktionen – beides Voraussetzungen, um auch eine Ökonomie für Verlage aufbauen zu können. Worum es bei dem Thema „Books in Browser“ geht, lässt sich übrigens hier sehr schön nachlesen – gleich in Form eines solchen Web-E-Books.

Hier setzt jetzt das Zusammengehen der IPDF und des W3C endlich einen End- und Anfangspunkt.

Michael Schneider, ehem. AKEP, bringt die Grundüberlegung auf den Punkt: „Das Ziel – gerade für eBooks – muss es sein, sie zu „Native Citizens of the Web“ zu machen. Das bedeutet, sie störungsfrei und fließend in den digitalen Strom der Informationen zu stellen."

So what? Und wo ist jetzt die strategische Dimension?

Auf technischer Ebene bedeutet eine Konvergenz von Web und E-Book erstmal: keine neuen Technologien, keine dezidierte Hardware wie eReader sind nötig. Digitale Produkte von Verlagen (oder Autoren) können auf jedem Endgerät gelesen werden, dass einen Browser besitzt. Auf gut deutsch: eigentlich alle Geräte, vom Smartphone bis zum Smart-TV. 

Auf ökonomischer Ebene bedeutet diese Konvergenz: alle Transaktionstechnologien, die im Moment im Bereich E-Commerce eingesetzt werden, sind auch für Web-E-Books einsetzbar. Das könnte auch, konsequent zu Ende gedacht, das Ende von walled garden-Systemen bedeuten, zumindest eine Alternative. Wie wäre es, anstatt über große böse amerikanische Unternehmen zu brummeln, eigene Systeme aufzubauen? Gut, mitunter heißt das Direktkundengeschäft. Aber das könnte auch ein Konsortium von Medienunternehmen sein. Oder ein Verlag oder Autor allein. Vielfalt statt Oligopol.

Das bedeutet aber auch, dass ein Blogbeitrag gleichberechtigt direkt, einen Link entfernt neben der digitalen Version eines gedruckten Buches steht. Sichtbarkeit, Kampf um Aufmerksamkeit bis hin zum Thema „Zahlungsbereitschaft für Inhalte“ bekommen dann eine neue Dimension. Aber unterbrechungsfrei eine enorm große potentielle Leserschaft direkt oder mit anderen Intermediären als im Moment zu erreichen könnte auch eine große Chance sein, aus der Kodex-Nische herauszukommen. Aber sehen wir die Entwicklung doch erst einmal positiv, denn Disruption frisst nur die Dummen und Langsamen.