Neue Arbeitsmodelle im Verlagswesen: Noch viel Luft nach oben

Arbeit 2.0 ist in Verlagen noch ein Fremdwort

Modernes Arbeiten beinhaltet ein flexibles Arbeitszeitmodell, also Gleitzeit, Möglichkeiten zu dezentralen Arbeiten (Homeoffice) und entsprechende technische Voraussetzungen seitens des Arbeitgebers. Soweit die Theorie. Wie aber sieht die Realität in den Verlagen aus? STEFFEN MEIER

Im Rahmen der »1. Blitzumfrage Arbeits(zeit)modelle in Medienunternehmen« wurden Mitarbeiter aus unterschiedlichen Verlagsbereichen befragt, aber auch (sozusagen als Kontrollgruppe) Mediendienstleister. Teilgenommen haben dabei 533 Personen, die Fragen zum »Arbeiten 2.0« beantwortet haben.

Gleitzeit

Tatsächlich ist Gleitzeit, sozusagen die Basis für selbstbestimmtes Arbeiten, in etwa 75% aller Medienunternehmen realisiert. Im Umkehrschluss muss man aber sagen, dass etwa ein Viertel immer noch feste Arbeitszeiten für sinnvoll hält. Hier mag es natürlich Abstufungen geben (vielleicht sind solche Zeit-Modelle für Mitarbeiter an der Verlagspforte Wahl der Mittel), mit Blick auf Kunden und Autoren sicher nicht sinnvoll.

Arbeitsmodell 2.0: Freie Wahl des Arbeitsplatzes

Welches Unternehen bietet dies eigentlich an, und auch hier wieder: für alle und offiziell, ohne Gemauschel, sozusagen das Nonplusultra an Arbeitsmodellen. Wenig überraschend liegt der Anteil bei den Mediendienstleistern deutlich höher als bei den Verlagen, hier sieht das Bild auch eher düster aus.

Nun ist die Verlagslandschaft eher divers, will heißen, vom Ein-Mann/Frau-Verlag bis zum international agierenden Verlag ist alles an Unternehmensgrößen vertreten. Stellt sich natürlich die Frage, ob es hier Unterschiede gibt. Und die klare Antwort ist: Ja.

Wer denkt, gerade große Unternehmen mit etablierten Personalabteilungen und Prozessen und Verfahrensweisen, um mit Heimarbeit »umzugehen«, wäre hier an erster Stelle täuscht sich. Interessanterweise stellen die Buchverlage mit weniger als 10 Mitarbeitern die Speerspitze der Arbeitsplatzrevolution dar.

Und was will der Mitarbeiter?

Wenn nun Heimarbeit angeboten wird stellt sich die Frage, wie oft diese Möglichkeit ein Mitarbeiter (wieder fokussiert auf die Buchverlage) diese nutzen kann – und wie oft er diese gern nutzen möchte.

BYOD: Bring your own device oder kümmert sich der Arbeitgeber?

Die Ausrüstung eines Heimarbeitsplatzes mit Hardware etc. ist logischerweise mit zusätzlichen Kosten verbunden, auch wenn heutzutage jeder mit einem mobilen Notebook zu arbeiten scheint. Ein Aspekt geht bei der Kostendiskussion aber regelmäßig unter: die Sicherheit. Wer Mitarbeiter mit eigenem, nicht gesicherten Gerät arbeiten lässt, bringt seine eigene IT früher oder später in echte Bedrängnis. Hier zeigen sich die Verlage erwartungsgemäß durchaus risikobereit. 

Und was denken die Mitarbeiter selbst?

Auf »Flurgesprächen« mit Kolleginnen und Kollegen kommt das Thema nicht nur oft zur Sprache, sondern auch meist mit einem Unterton der Unzufriedenheit. Dies ist in Teilen nachvollziehbar, so hat Heimarbeit aus nachvollziehbaren Gründen nicht nur der persönlichen Flexibilität wegen seinen besonderen Reiz. Ob ein solches Modell am Ende des Tages im gewünschten Umfang Sinn gibt, steht auf einem anderen Blatt. Dennoch ist es legitim, Mitarbeiter zu befragen, wie zufrieden sie mit der aktuellen Situation sind, und hier zeigt sich ein frappantes Ergebnis. Trotz der bewusst auch positiven Formulierung der Frage sind etwa in Buchverlagen gerade ein Viertel der Befragten zufrieden mit den bestehenden Regelungen. Im Umkehrschluss und nach Adam Riese: 75% sind es nicht. Spätestens hier sollte man als Unternehmer/in und/oder Personalleiter/in überlegen, ob ein höherer Grad an Zufriedenheit nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch das Betriebsergebnis gut wäre. 

Fazit

Natürlich ist eine »moderne« Arbeitssituation, die die legitimen Unternehmensinteressen wahrt und gleichzeitig Mitarbeiter nicht an einen lokalen Arbeitsplatz dort kettet, eher ein Prozess. Es gibt hier in dieser Umfrage nicht berücksichtigte rechtliche Fragen, mitunter müssen Mitarbeiter auch vor sich selbst geschützt werden, wie es Annika Renker so nett mit den »leistungsstarken Überzeugungstätern« formuliert hat. Und natürlich kann diese Umfrage nur ein Schlaglicht sein. Vielleicht regt sie aber zur offenen Diskussion darüber an, ob die Art und Weise, wie wir »Arbeiten« gewohnt waren, wirklich sinnvoll und zeitgemäß ist. Dann wäre das Ziel dieser Unternehmung erreicht.

Die ausführliche Analyse der Umfrage zu »Arbeits(zeit)modelle in Medienunternehmen« gibt es im neuen »digital publishing report«. Dazu einen Marketing-Schwerpunkt mit Beiträgen zu Content Marketing, Content Scoring und Licensing als Geschäftsmodell für Verlage, Inbound Marketig, Tipps zur erfolgreichen Adressgenerierung für das Mail-Marketing uvm. Das digitale Magazin ist kostenlos erhältlich. E-Mail an info@digital-publishing-report.de schicken, fertig.

2 Kommentar/e

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  • Kilian Kissling

    Kilian Kissling

    Lieber Steffen, das mit "Home Office für Jeden" ist so eine Sache. Ich kann der Kollegin, die hier am Empfang sitzt, etwa um Lieferungen anzunehmen, bei bestem Willen kein Home Office anbieten. Im Gegenteil: Ihre Arbeit, ihre Präsenz am Firmensitz, ermöglicht es erst anderen, von zuhause arbeiten zu können. Deshalb konnte ich dem in der Umfrage geforderten Kriterium nicht genügen, obwohl wir sehr weitreichende Möglichkeiten für das Arbeiten von zuhause (oder wo auch immer) anbieten.
    Beste Grüße
    Kilian

  • Steffen Meier

    Steffen Meier

    "Homeoffice für Jeden" ist mit Sicherheit keine Lösung. Deswegen hatte ich ja in der ausführlichen Version im "digital publishing report" an genau dieser Frage geschrieben: "Hier mag es natürlich Abstufungen geben (vielleicht sind solche Zeit-Modelle für Mitarbeiter an der Verlagspforte Wahl der Mittel)". Tatsächlich gibt es ja auch Menschen, die lieber einen von Zuhause entfernten Arbeitsplatz und dessen Disziplinierung möchten. Da gebe ich dir recht. Allerdings gibt es wohl doch noch eine Menge an "Geistesarbeitern", die hier gerne mehr Flexibilität hätten (ich höre dies zB oft aus Lektoraten) und Unternehmen/Vorgesetzte, die ihre Schäfchen doch lieber im Blick behalten möchten.

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