Die Buchhändler:innen sparen am eigenen Lohn
Steigende Kosten kennen alle Buchhändler:innen – steigende Umsätze oft nicht. Wie sich diese beiden Werte in den vergangenen zehn Jahren entwickelt haben, zeigt eine Analyse des Börsenvereins.
Steigende Kosten kennen alle Buchhändler:innen – steigende Umsätze oft nicht. Wie sich diese beiden Werte in den vergangenen zehn Jahren entwickelt haben, zeigt eine Analyse des Börsenvereins.
Personal, Miete, Transport, Porto und anderes mehr: Der Buchhandel ist in den vergangenen Jahren an vielen Stellen mit steigenden Kosten konfrontiert worden – ein Ende ist nicht in Sicht. Gleichzeitig wachsen die Umsätze nicht in gleichem Maße mit. Bisher wurde diese Entwicklung einmal jährlich im Betriebsvergleich des Instituts für Handelsforschung (IfH) abgebildet. Erstmals liegt nun die Kosten- und Umsatzentwicklung der vergangenen zehn Jahre im langfristigen Vergleich vor. Die Übersicht wurde von der Abteilung Marktforschung des Börsenvereins auf Grundlage des Kölner Betriebsvergleichs des IfH erstellt.
Für die Auswertung ist für die Kosten und Umsätze ein Index definiert worden, der für das Startjahr 2013 jeweils auf 100 gesetzt wurde. Betrachtet werden die Personalkosten ohne Unternehmerlohn, der Unternehmerlohn und die Miete – jeweils für verschiedene Umsatzgrößenklassen im Sortimentsbuchhandel.
hier mal eine kleine Berechnung, welchem Arbeitnehmer-Bruttolohn dieser Unternehmerlohn für den/die Buchhändler:in entsprechen würde:
Mittelwert Unternehmen 250 - 500 TEUR:
375.000*4,3=16.125 EUR im Jahr / 1344 im Monat
entspricht ca. 1100 brutto (bei AG-Anteil von 20%), ca. die Hälfte des Mindestlohn
Mittelwert Unternehmen 500 TEUR - 1 Mio EUR
750.000*4,4=33.000 EUR / 2750 im Monat
entspricht knapp 2300 brutto (bei AG-Anteil von 20%), knapp über Mindestlohn
Mittelwert Unternehmen 1 - 2 Mio EUR:
1,5 Mio*3,2=48.000 EUR / 4.000 im Monat
entspricht ca. 3300 brutto (bei AG-Anteil von 20%)
Berücksichtigen sollte man zudem, das die meisten Buchhändler:innen mit einem Umsatz unter 500 TEUR laut letztem Betriebsvergleich mit deutlichem Verlust arbeiten (https://www.boersenblatt.net/news/buchhandel-news/betriebsergebnisse-lassen-zu-wuenschen-uebrig-352106?ss360SearchTerm=jahresbetriebsvergleich).
Was meinen Sie, wie lange dieses "business als usual" noch gut geht? Wie lange werden die Buchhandlungen unter 1 Mio EUR Umsatz noch durchhalten und die immer weiter steigenden Logistik-, Personal-, Energie- und Mietkosten schultern können?
Wäre es nicht schlauer, bspw. das Thema Rabattspreizung anzugehen und es so zu machen wie der Katapult-Verlag und allen Buchhandlungen die gleichen Konditionen einzuräumen (https://www.boersenblatt.net/news/verlage-news/mehr-gegenseitige-unterstuetzung-378457?ss360SearchTerm=katapult)?
Wird es den für die Verlage einfacher, wenn die Konditionsverhandlungen von den übrig gebliebenen großen Playern wie Amazon, Thalia & Co. bestimmt werden?
Insgesamt ist der unabhängige Buchhandel verlagsseitig mit dort sehenden Augen und trotz aller Warnungen dummerweise zum Mitfinanzierer eines Oligopols gemacht worden, welches angeblich alle nicht wollten.
Das ist in der Tat nicht schlau, aber nur einige wenige Verlage haben klar erkannt, wie kontraproduktiv diese Denke auf Langfrist enden wird und steuern aktiv entgegen.
Dumm gelaufen, würde ich es nennen! Denn alle aktuellen Notwendigkeiten der Branche werden auch seitens Branchenverband mit anderen Diskussionen übertüncht – Eine Diskussion über die Rabattspreizung und die Zahnlosigkeit der Treuhänder unserer so hochgelobten Buchpreisbindung findet trotz aller Dringlichkeit zum Beispiel so gar nicht mehr statt.
Erfreuen wir uns also im Börsenblatt gemeinsam mit dem Börsenverein weiterhin an der neuen Welt und erkennen, dass alles an KI und Neuen Medien extrem wichtiger ist als alles andere. Und erkennen wir weiterhin, wie der Börsenverein in tätiger Mithilfe damit sein eigenes Grab und das einer eigentlich gut funktionierenden Branche insgesamt mitschaufelt.
Ein sehr desillusionierter Gruß
Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln
Aber - und dies haben wir uns hier nicht abgewöhnt - bleibt uns bei all unserem Tun ein frölhliches VENCEREMOS immer noch auf den Lippen...
Sie haben natürlich recht: die Konditionen werden bereits seit geraumer Zeit von den BIG Playern dominiert...
Bedauerlich finde ich, dass sich in letzter Zeit bei solchen Artikeln und Meldungen aus dem Buchhandel die Kolleg:innen aus den Verlage "tot stellen".
Ohhh, gerade sind Jeff Bezos und Ingo Kretzschmar zusammen an unserer Buchhandlung vorbeigeschlendert, ich meine gehört zu haben, dass die Beiden ein fröhliches VENCEREMOS vor sich hin geträllert haben ...
Und ja, in vielen Verlagen ist noch kein Stück angekommen, was an der Front in unserer Größenordnung zurzeit eigentlich passiert. Da kann man sich bei diversen Gelegenheiten den Mund fusselig reden, andernorts wird weiterhin munter im Wolkenkuckucksheim der Kultur geschwebt.
Die bei Ihnen vorbeiflanierenden Herren Bezos und Kretzschmar werden also durchaus zu Recht fröhlich pfeifen, auch wenn die ganze Kiste für beide noch nicht komplett eingetütet und gerade für den letzteren auf Langfrist nicht unbedingt sicher ist. Aber, das darf man konstatieren, sie machen beide ihren Job in Richtung Verflachung und Mainstream verteufelt gut.
Nun ist hier bei uns inzwischen neben ausgabewilligen und frisch verrenteten Baby-Boomern besonders auch eine junge Klientel am Start, die so manche generelle Entwicklung sehr kritisch sieht und uns für unsere zukünftige Nische Hoffnung macht. Vielleicht kann man damit noch ein paar Jahr machen – und dann machen wir die Bude eben irgendwann einfach mitleidlos zu, weil zu viele es (aktiv oder inaktiv) anders wollten.
Wie erwähnt, ich bin an vielen Stellen sehr desillusioniert, aber den Spaß an unserem Beruf, den lassen wir uns bitte nicht so einfach nehmen. Denn dafür sind wir hier mit dem „Et hät noch immer jot jejange“ zutiefst und sehr rheinländisch geprägt.
Herzlichst grüßt aus Köln
Jens Bartsch
bravo, dem was Sie sagen, kann ich nichts hinzufügen. Alles Wichtige haben Sie gesagt! Nur warum gehen nicht mehr von uns auf die Barrikaden bei solchen Zuständen? Kann ein Grund sein, dass die Strukturen es den "Kritischen" so schwermachen?
Mit kollegialen Grüßen
Birgit Grallert