Gastspiel

Ja, ich bin da: Ein Lob der Ortsfestigkeit

29. Juni 2022
von Börsenblatt

Menschen, die einer ortsgebundenen Arbeit nachgehen, machen sich in den Augen mancher Zeitgenossen der Mobilitätsverweigerung verdächtig. Martina Bergmann hält dem ihr Lob der Ortsfestigkeit entgegen.

Martina Bergmann

Ich habe mit 16 im Einzelhandel zu arbeiten begonnen und kenne, Studienjahre ausgenommen, seither das kurze Wochenende von Samstagnachmittag bis Montag. Ich bin es gewohnt, dass der Arbeitstag vor 19 Uhr selten zu Ende ist und eine längere Mittagspause genutzt werden will. Es gibt hier kaum Restaurants, die tagsüber öffnen, auch sonst wird es nach zwölf geruhsam. Das sind vermutlich Beschreibungen des Alltags von Buchhändler:innen an jeder Peripherie. Schlimm? Nein. Wenn Sie diese Kolumne länger lesen, wissen Sie: Würde es mich stören, ich wäre lange woanders.
Ich habe allerdings einige Gewissheiten über den Haufen geworfen, seit wir uns hier begegnen. Zum Beispiel war ich anfangs eine energische Gegnerin von Non-Books, heute verdanken wir manchmal die halbe Tageskasse Geschenkartikeln. Es gibt nicht mehr viele Läden für was Schönes, und womöglich erweitern wir uns eines Tages zu einem Kaufhaus. Die Gewerbemieten sind ja nicht so hoch hier, und Lust hätte ich schon. Aber darum geht es heute nicht. Mich interessiert, ob Sie auch dieses Problem mit der Mobilität haben. 

Menschen wie Sie und ich, die einer ortsgebundenen Arbeit nachgehen, die dazu einen Haushalt führen, darin einige kleine oder auch alte Menschen, die zum nächsten Intercity länger als eine halbe Stunde brauchen: Wir gelten schnell als hinterwäldlerisch. Rein geografisch ist das sogar richtig. Ich schreibe Ihnen diese Zeilen 100 Meter vom Hermannsweg entfernt. Solche Destinationen haben nun mal keinen Gleisanschluss. Solange das Internet funktioniert, stört es mich aber nicht. 
Was mich hingegen immer mal wundert: Nicht alle Leute, die im Wald wohnen und arbeiten, sind deswegen blöd. Manche schon, aber die verkehren eher selten in Buchhandlungen. Trotzdem kommt es vor, dass jemand sagt: »Frau Bergmann. Davon verstehen Sie in Ihrem Borgholzhausen nichts.« Oder: »Sie können sich nicht mit Verstand überlegt haben, hier ein Unternehmen aufzubauen.« Gern auch: »Dass Sie meinen, alle Welt fährt bei Ihnen vor, nur weil Sie da nicht wegkönnen.«

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