Das zehnwöchige "Wir"-Festival in Halle, als Graswurzelbewegung in Reaktion auf die von Susanne Dagen organisierte Buchmesse SeitenWechsel gestartet, hat überregionale Beachtung gefunden und soll heuer in weiteren Städten und Gemeinden fortgesetzt werden. Auf einem Panel im Forum "Offene Gesellschaft" diskutierten die Buchhändlerin und Festivalinitiatorin Theresa Donner ("Heiter bis wolkig"), die Bestsellerautorin Anne Rabe und der Minister für Bildung von Sachsen-Anhalt, Jan Riedel (CDU), über Strategien mit Blick auf den gesellschaftlichen Rechtsruck – Monate vor den Landtagswahlen und der nächsten SeitenWechsel-Messe.
Unglücklicherweise begrüßte Moderatorin Antonia Rietzschel den Landespolitiker mit der etwas ungelenken Formel "damit wir nicht unter uns bleiben" – für den merklich angefassten Riedel eine "freudsche Fehlleistung", die ihm helfe, seine Rolle in der Runde zu finden: "Ich wusste, Sie grillen mich!" Riedel als Person "will das Festival wertschätzen" – seine Partei hatte sich im Stadtrat von Halle enthalten, als ein Unterstützungsbeschluss des Festivals zur Abstimmung stand, dem es um einen Brückenschlag zur bürgerlich-konservativen Mitte der Stadtgesellschaft ging.
Riedel ist erst seit neun Monaten Bildungsminister, davor war er Schulleiter, Lehrer, Stadtratsvorsitzender, aber kein Berufspolitiker. Wenn er aus seinem Feld berichtet, konstatiert er: "Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem." Eigentlich ziehe sich der Gedanke, nicht nur durch ein Kreuz auf dem Wahlschein an demokratischen Prozessen mitzuwirken, durch alle Lehrpläne – selbst im Sportunterricht soll das "Wählen" problematisiert werden. Allerdings: "Aus falsch verstandenem Neutralitätsdenken wird Schule oft als apolitischer Raum verstanden."
Kürzlich hat Riedels Ministerium mit einem Erlass zur politischen Bildung noch einmal nachgeschärft: Es sei explizite Aufgabe der Pädagogen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen. "Liebe Kollegen, darauf habt ihr einen Eid geschworen!" Für manch ältere Lehrer, die zu Zeiten, wo ein Honecker-Bild im Klassenraum hing, den Staat vertreten mussten, offensichtlich ein Dilemma. Riedels Fazit: "Wir haben einen versauten Diskurs. Wir müssen auch mit den Leuten reden, die dem System 'Tschüss!' gesagt haben!"