Leipziger Buchmesse

"Wir haben einen versauten Diskurs. Wir müssen reden!"

23. März 2026
Nils Kahlefendt

Eine Branche, die durch KI im Sturm steht, Rechtsruck im Superwahljahr und die Welt ein Pulverfass: Diese Messe war auch ohne den Buchhandlungs-Mitarbeiter des Monats eminent politisch. Helfen uns die Bücher weiter? Ein Rundgang.

Podium zwischen KI und Aufklärung

Katharina Uppenbrink (Initiative Urheberrecht), Sven Lehmann (Vorsitzender des Bundestags-Ausschusses für Kultur und Medien), Autorin Lena Gorelik und Börsenvereins-Vorsteher Sebastian Guggolz

Zwischen Algorithmus und Aufklärung

"Ich bin froh, dass wir jetzt mal über Sachen reden, die uns wirklich beschäftigen", sagte Sven Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen), der Mann, der in den Berliner Fernsehbildern der letzten Wochen meist neben Wolfram Weimer zu sehen war. Lehmann, der seit 2017 Vorsitzender des Bundestags-Ausschusses für Kultur und Medien ist, trat auf einem vom Börsenverein organisierten Podium auf, das am Messe-Donnerstag nicht zufällig im Forum "Die Unabhängigen" stattfand – es widmete sich der ziemlich komplexen Frage, ob Indies der allgemeinen Beschleunigung durch algorithmische Logiken etwas entgegensetzen können, und welche politischen Rahmenbedingungen wir brauchen, um demokratische Urteilsfähigkeit wahren und stärken zu können. Die Dichotomien sind klar: Wahrheit konkurriert mit Geschwindigkeit, Sorgfalt mit Sichtbarkeit. Fragen, die die kultur-kreative Branche seit gut drei Jahren umtreiben – eine Branche, die mit rund 9,88 Milliarden Euro Umsatz in 2024 auch ein beträchtlicher Wirtschafts-Faktor ist. Es ging, kleiner war es nicht zu haben, um die Zukunft der Demokratie in Zeiten von KI und Desinformation. Moderiert von Katharina Uppenbrink (Initiative Urheberrecht) diskutierten neben Sven Lehmann Börsenvereins-Vorsteher Sebastian Guggolz und Autorin Lena Gorelik, frisch gekürte Trägerin des Preises der Literaturhäuser und Mitherausgeberin des Readers "Trotzdem sprechen". Wie, so eine Frage, können sich Indies dem "Transformationszirkus" zwischen KI und Algorithmen überhaupt stellen?

Sebastian Guggolz, der neben seinem Einmann-Verlag seit 2022 bei S. Fischer auch die Perspektive des Konzernverlags kennengelernt hat, sieht die wohl nicht nur bei Holtzbrinck betriebene Zielgruppen-Analyse über hypothetische Personae skeptisch: "Udo, der 58jährige, Tennis spielende Arzt, der zwei Mal pro Woche die SZ liest – das kann auch jeder Lektor, und es macht uns nicht unbedingt schlauer." Allerdings dürfe man sich nicht der Illusion hingeben, man könne KI aus allen Prozessen heraushalten. Man müsse zwischen generativer und prozessualer KI unterscheiden; letztere komme etwa im Lagerhaltungs-Monitoring und anderen Anwendungen schon lange auf breiter Front zum Einsatz. Allerdings gebe es auch Felder, wo deutlich stärker reguliert werden müsse, so Guggolz, der hier in einem seltenen Buchmesse-Moment Wolfram Weimer positiv zitierte – nämlich dessen Forderung nach funktionierendem Urheberrechtsschutz vorm "Vampirismus" der großen KI-Plattformen. Der Grüne Lehmann sieht die Buchbranche als "Ökosystem", in dem es die Kleinen zu schützen und zu stärken gelte, auch über eine wirksame strukturelle Förderung: "Ich mache mir Sorgen um die Vielfalt unserer Verlagslandschaft!"

Und wie steht es um die Rahmenbedingungen in Sachen Urheber-Rechtsschutz? Die Bundesregierung will den EU AI Act, die europäische Verordnung über Künstliche Intelligenz in Deutschland umsetzen – und dafür insbesondere die Zuständigkeiten der Behörden sowie Aufsichts- und Bußgeldregelungen festlegen. Dafür hat sie den Gesetzentwurf für ein KI-Marktüberwachungs-und-Innovationsförderungs-Gesetz vorgelegt. Am Buchmesse-Freitag hat der Bundestag erstmals darüber debattiert. Nach der Debatte im Plenum überwiesen die Abgeordneten die Vorlage zur weiteren Beratung an den federführenden Digitalausschuss. "Jetzt geht es darum, ob Weimers Frankfurter Rede Taten folgen", betonte Sven Lehmann. Die Gretchenfrage: "Wird es eine robuste Institution geben, die den Belangen von Künstlern und auch kleinen Indies folgt? Oder wird es am Ende nur eine Alibi-Behörde?"

Podium, davor sehr viele Zuhörer:innen

Lukas Rietzschel  über „Sanditz“ (dtv), Mai Duong Kieu (Im Herzen bist du unbesiegbar“, Kösel) und Alexander Prinz („Oststolz – Appell eines Nachwendekindes“, Knaur) im Gespräch

Erstbezug der Wörter

Beim Blick auf innerdeutsche Verhältnisse nimmt die Ost-Perspektive in Leipzig traditionell großen Raum ein, im Superwahljahr 2026 mangelt es auf der Messe nicht an ostdeutschen Stimmen: Jana Hensel verarbeitet in "Es war einmal ein Land" (Aufbau) wie sich die ostdeutsche Gesellschaft "von der Demokratie verabschiedet" habe; der Thüringer Soziologe Matthias Quent hat mit "Keine Macht der Ohnmacht" (Piper) so etwas wie einen Demokratie-Ratgeber geschrieben. Der gefragteste Ost-Autor ist in Leipzig zweifellos Lukas Rietzschel, der nach Meinung mancher Kritiker mit "Sanditz" (dtv) den Nachwende-Roman schlechthin geschrieben hat. Die Buchpremiere im Leipziger Schauspielhaus war derart überlaufen, dass sogar die Zuschauerplätze auf dem Rang geöffnet werden mussten. Am Messesamstag sitzt Rietzschel auf der Bühne des aus allen Nähten platzenden Messe-Forums "Offene Gesellschaft" und diskutiert mit der Schauspielerin Mai Duong Kieu ("Im Herzen bist du unbesiegbar", Kösel) und Alexander Prinz ("Oststolz – Appell eines Nachwendekindes", Knaur) darüber, was es bedeutet, aus Ostdeutschland zu kommen – mit all seinen Chancen, Brüchen und offenen Wunden.

Mai Duong Kieu kam 1992, im Alter von fünf Jahren, mit ihren Eltern nach Chemnitz, und lernte in der Kita als erstes Sächsisch: "Ich bin stolz darauf, bei null angefangen und mich trotzdem behauptet zu haben." Der im ländlichen Sachsen-Anhalt aufgewachsene Youtuber Alexander Prinz ist der Meinung, dass eine "unsichtbare Mauer" aus niedrigeren Löhnen und Renten, mangelnder Anerkennung und westdeutscher Hegemonie den Alltag vieler Ostdeutscher bis heute präge. "Die heutigen AfD-Wahlergebnisse in Baden-Württemberg sind dieselben wie im Osten, nur eine Legislaturperiode früher."

Prinz hofft auf einen gesamtdeutschen Diskurs über Transformationsräume und darauf, dass man jetzt langsam lerne, "wenn auch auf die harte Tour". Der Osten, setzt Rietzschel dagegen, sei kein homogener Block. "Sachsen hat mit Mecklenburg-Vorpommern nichts zu tun, es gibt jede Menge regionaler und kultureller Unterschiede." Der gebürtige Lausitzer fremdelt zunehmend mit seiner Rolle als Ost-Erklärer: "Die Menschen vor Ort wissen ziemlich genau, was sie brauchen." Rietzschel hält es lieber mit Anna Seghers (1900–1983), der einstigen Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbands: "Heimat ist der Erstbezug der Wörter", sagte die – folglich sieht der Mann im Pullunder seine Arbeit als "Wühlen im Erstbezug". Am Ende wird Rietzschel auch auf diesem Podium gefragt, was in Sachen Demokratie-Stärkung nötig ist. "Lesen", entgegnet er schalkhaft grinsend, und zwar gerne Literatur aus Ostdeutschland. Die sei im Moment die spannendere, vielfältigere. "Da gibt’s mehr zu holen."

Wir-Podium, v. l.: Theresa Donner, Moderatorin Antonia Rietzschel, Anne Rabe, Minister Jan Riedel (CDU)

Wir-Podium, v. l.: Theresa Donner, Moderatorin Antonia Rietzschel, Anne Rabe, Minister Jan Riedel (CDU)

Wer sind "Wir"?

Das zehnwöchige "Wir"-Festival in Halle, als Graswurzelbewegung in Reaktion auf die von Susanne Dagen organisierte Buchmesse SeitenWechsel gestartet, hat überregionale Beachtung gefunden und soll heuer in weiteren Städten und Gemeinden fortgesetzt werden. Auf einem Panel im Forum "Offene Gesellschaft" diskutierten die Buchhändlerin und Festivalinitiatorin Theresa Donner ("Heiter bis wolkig"), die Bestsellerautorin Anne Rabe und der Minister für Bildung von Sachsen-Anhalt, Jan Riedel (CDU), über Strategien mit Blick auf den gesellschaftlichen Rechtsruck – Monate vor den Landtagswahlen und der nächsten SeitenWechsel-Messe.

Unglücklicherweise begrüßte Moderatorin Antonia Rietzschel den Landespolitiker mit der etwas ungelenken Formel "damit wir nicht unter uns bleiben" – für den merklich angefassten Riedel eine "freudsche Fehlleistung", die ihm helfe, seine Rolle in der Runde zu finden: "Ich wusste, Sie grillen mich!" Riedel als Person "will das Festival wertschätzen" – seine Partei hatte sich im Stadtrat von Halle enthalten, als ein Unterstützungsbeschluss des Festivals zur Abstimmung stand, dem es um einen Brückenschlag zur bürgerlich-konservativen Mitte der Stadtgesellschaft ging.

Riedel ist erst seit neun Monaten Bildungsminister, davor war er Schulleiter, Lehrer, Stadtratsvorsitzender, aber kein Berufspolitiker. Wenn er aus seinem Feld berichtet, konstatiert er: "Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem." Eigentlich ziehe sich der Gedanke, nicht nur durch ein Kreuz auf dem Wahlschein an demokratischen Prozessen mitzuwirken, durch alle Lehrpläne – selbst im Sportunterricht soll das "Wählen" problematisiert werden. Allerdings: "Aus falsch verstandenem Neutralitätsdenken wird Schule oft als apolitischer Raum verstanden."

Kürzlich hat Riedels Ministerium mit einem Erlass zur politischen Bildung noch einmal nachgeschärft: Es sei explizite Aufgabe der Pädagogen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen. "Liebe Kollegen, darauf habt ihr einen Eid geschworen!" Für manch ältere Lehrer, die zu Zeiten, wo ein Honecker-Bild im Klassenraum hing, den Staat vertreten mussten, offensichtlich ein Dilemma. Riedels Fazit: "Wir haben einen versauten Diskurs. Wir müssen auch mit den Leuten reden, die dem System 'Tschüss!' gesagt haben!"  

Die Pandemie der Verblödung

Was bleibt von der Wahrheit, wenn sich der Macht nichts mehr entgegenstellt? Und wie erzählt man von einem Land, das sich selbst verschlingt? Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew entwirft in seinem aktuellen Roman "Die neue Barbarei" (Matthes & Seitz Berlin) ein furioses Panorama der Gegenwart, in dem Politik, Mythos und persönliche Erinnerungen in grellen Bildern ineinanderfließen. Auf einem vom PEN Berlin organisierten Podium traf er auf die Verlegerin, Lektorin und Literaturagentin Elisabeth Ruge, mit der er seit rund 45 Jahren befreundet ist. Ruge betreute seinen Welterfolg "Die Moskauer Schönheit" (dt. 1990) als Lektorin bei S. Fischer und holte Jerofejew 1994 zum Berlin Verlag. Es war am 27. März 2022, 21.30 Uhr, als auf Ruges Handy die beruhigende Textnachricht "We have just crossed the Finnish border" von Jerofejew einging.

 Elisabeth Ruge und  Viktor Jerofejew

Verlegerin, Lektorin und Literaturagentin Elisabeth Ruge und der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew bei einem vom PEN Berlin organisierten Podium

An diesem Messetag hat der die deutsche Ausgabe seines neuen Romans zum ersten Mal in Händen, was ihn zu einem Loblied ("Es ist eine große Liebesgeschichte") auf Matthes & Seitz veranlasst, der auch die Backlist lieferbar gehalten hat. Enthusiastisches Lob gibt’s auch für Beate Rausch, Jerofejews Übersetzerin seit 1989: "Sie ist die einzige Deutsche, die ihren Lebensunterhalt mit mir bestreitet – und sie lebt gut." Die schöne russische Ausgabe der "Neuen Barbarei" mit rotem Farbschnitt ist kurioser Weise im 2015 in Leipzig gegründeten Isia Media Verlag erschienen.

Zwar sind Viktor Jerofejew und sein Kollege Wladimir Sorokin in Russland nicht als "ausländische Agenten" vermerkt – dort gedruckte Bücher würden aber sofort vom Kreml-Regime einkassiert. Gerade ist Jerofejews Frau Katja aus Moskau zurückgekommen – was berichtet sie? "Einerseits herrscht eine Ruhe wie in Nordkorea, Soldaten und Krieg erwähnt man besser nicht. Aber die Restaurants sind offen, Dior und BMW sind präsent wie eh und je, die europäischen Sanktionen laufen ins Leere. Die Pandemie der Verblödung kommt überall voran."

Im neuen Buch ist Putin vom "Gopnik", dem kleinkriminellen Schläger, zu einem hohlen, in Öl gebackenen Krapfen geworden. Jerofejews Bild von Russland: In einem Hinterhof spielen Kinder mit einem Totenschädel Fußball. Das ist rabenschwarz und manchmal schwer erträglich. Trotzdem sollten wir weiterlesen. "Viktors Bücher", so Elisabeth Ruge zum Abschied, "sind eine aufklärerische Bricolage, die uns helfen kann, Putin nicht auf den Leim zu gehen."