Gefälschte Interviewanfragen an Autor:innen

Betrugsmasche im Vorfeld der Buchmesse

26. August 2026
Sabine Cronau

Ein Interview zur Frankfurter Buchmesse: Welcher Autor, welche Autorin würde dazu schon Nein sagen - erst recht, wenn die Anfrage von einer namhaften Kulturredaktion kommt? Doch Vorsicht: Seit einigen Wochen kursieren Fake-Mails, die im Namen der ARD-Sender verschickt werden, aber reinste Abzocke sind.

Computer mit Mails und Warnhinweis

Achtung: Nicht jeder Mail ist ohne weiteres zu trauen.

Der Ton der Mails ist sehr persönlich

Der Fall liegt schon bei der Staatsanwaltschaft: Seit einigen Wochen machen betrügerische E-Mails die Runde, die offenbar mit KI erstellt wurden und Autor:innen ein Interview oder ein Podcast-Gespräch zur Frankfurter Buchmesse anbieten – im Namen von Kulturredaktionen der ARD. Zu den Betroffenen gehört zum Beispiel Katrin Schumacher, Literaturredakteurin beim MDR (u.a. für "Druckfrisch"). Der Ton der gefälschten Mails, die in ihrem Namen verschickt wurden, ist sehr verbindlich, die Autorin wird persönlich und mit Verweis auf ihre Bücher angesprochen. Dort heißt es zum Beispiel: 

"Ich melde mich im Namen des Redaktionsteams von MDR KULTUR – Unter Büchern, da wir derzeit unsere redaktionelle Berichterstattung zur Frankfurter Buchmesse 2026 vorbereiten. (…) Wir schätzen Ihre Arbeit besonders dafür, dass Ihre Thriller nicht ausschließlich von überraschenden Wendungen leben, sondern gleichzeitig starke, menschlich greifbare Figuren und emotionale Beziehungen entwickeln. (…) Für MDR KULTUR – Unter Büchern würden wir Sie daher sehr gerne vorstellen und mit Ihnen über Ihr Schreiben und die Entstehung dieses Romans sprechen."

Das Ziel: Geld erschleichen

Unterzeichnet ist die Mail von Katrin Schumacher – die diese Nachricht allerdings nie geschrieben hat. Der Account setzt ihren Namen kurzerhand vor eine falsche gmail-Adresse und erweckt damit den Eindruck, dass sie die Absenderin ist.

Das Perfide daran: Bekunden Autor:innen Interesse an dem Interview, kommt eine zweite Mail, die drei kostenpflichtige Pakete für den Medienauftritt zur Buchmesse verkauft. Das "Essential Autor Feature" für 200 Euro bewirbt einen konkreten Titel und verspricht nebulös eine "Veröffentlichung im Rahmen unserer Berichterstattung zur Frankfurter Buchmesse 2026". Das teuerste Paket kostet 500 Euro ("Signature Autor Feature") und verspricht ein "erweitertes redaktionelles Autorengespräch".

Die gefälschten Mails diskreditieren zum einen unsere journalistische Arbeit, weil wir ja niemals Geld für ein Interview verlangen würden. Zum anderen wird mit dem Vertrauen und den Erwartungen der Autor:innen gespielt.

Katrin Schumacher, MDR

Fünf ARD-Anstalten sind bislang betroffen

Aufmerksam wurde Schumacher auf die Betrugsmasche, weil sich betroffene Autor:innen oder ihre Verlage an die Redakteurin gewandt haben: Die Mails kamen ihnen merkwürdig vor. Allein in Schumachers Fall sind bislang 10 solcher Falschnachrichten ans Tageslicht gekommen.

Die Fake-Welle erfasst allerdings auch Kulturredaktionen anderer ARD-Anstalten – darunter SWR, WDR, Radio Bremen und der SR. "Natürlich wissen wir nur von den Fällen, in denen sich Autorinnen und Autoren gemeldet haben und nicht auf die Masche reingefallen sind", berichtet Schumacher: "Die ersten Betroffenen waren Christine Westermann und Mona Ameziane vom WDR-Podcast ‚Zwei Seiten‘, mittlerweile sind ARD-weit Literaturformate in Mitleidenschaft gezogen."

Aus Schumachers Sicht richtet die Betrugsmasche gleich in zweierlei Hinsicht Schaden an: "Zum einen diskreditiert sie unsere journalistische Arbeit, weil wir ja niemals Geld für ein Interview verlangen würden. Zum anderen wird mit dem Vertrauen und den Erwartungen der Autor:innen gespielt, die sich eine größere Sichtbarkeit ihrer Literatur auf dem Buchmarkt erhoffen." Die betroffenen ARD-Anstalten haben durch die Bank Anzeige erstattet, der Fall liegt Schumacher zufolge bereits bei der Generalstaatsanwältin.

Oft handelt es sich um Absender-Adressen von privaten Accounts (Yahoo, Gmail) oder die Mails weisen inhaltliche Ungereimtheiten auf.

Thomas Koch, Börsenverein

Was der Börsenverein rät

Auch der Börsenverein sieht in den sogenannten Phishing-Mails ein großes Ärgernis für die Literaturszene: "Durch die Betrugsmasche werden renommierte Literaturredaktionen in Misskredit gezogen, Erwartungen von Autor:innen und Verlagen enttäuscht", so die deutlichen Worte von Pressesprecher Thomas Koch.

Der Börsenverein rät: "Empfänger:innen solcher Angebote sollten diese sehr aufmerksam prüfen. Oft handelt es sich um Absender-Adressen von privaten Accounts (Yahoo, Gmail) oder die Mails weisen inhaltliche Ungereimtheiten auf. Man kann solche Mails beim Provider als Spam oder Betrug melden. Und es ist gut, dass die betroffenen Sender Anzeige erstattet haben, damit diese Praxis strafrechtlich verfolgt werden kann."

Wir alle wissen, wie schnell es im Alltag manchmal gehen muss – und wie schnell man damit auf solche Fake-Mails hereinfallen kann.

Christina Knecht, Hanser Verlag

Auch der Hanser-Verlag kennt das Problem

Dass die gefälschten Interviewanfragen zur Buchmesse kein Einzelfall sind, zeigt ein Blick auf den Hanser-Verlag, der gleich von vier etwas anders gelagerten Phishing-Versuchen berichtet. Beispielsweise hat Pressesprecherin Christina Knecht vor kurzem eine Mail bekommen, die mit "Liebe Christina" überschrieben war, mit "Sebastian" endete  – und angeblich von Kulturredakteur Sebastian Hammelehle kam, den Knecht gut kennt. Der Absender bat sie angeblich darum, ihm das neue Manuskript von Bestsellerautor John Green zuzusenden – weil die "Zeit" darüber berichten wolle und er sich länger vorbereiten müsse. Nur: Hammelehle arbeitet beim "Spiegel".

Der Versuch, trotz strikter Geheimhaltungsanweisung des US-Verlags vorab ans Manuskript zu kommen, war damit rasch enttarnt. "Aber wir alle wissen, wie schnell es im Alltag manchmal gehen muss – und wie schnell man damit auf solche Fake-Mails hereinfallen kann", warnt Christina Knecht. Ihre Empfehlung: Wachsam sein und lieber zweimal hinschauen.

Auch die Betrugswelle, die gerade die ARD-Anstalten beschäftigt, hat den Hanser Verlag schon erreicht. Autorin Helene Bracht bekam eine Interview-Anfrage von SWR2 – auf Englisch. Was ihr dann doch so zweifelhaft vorkam, dass sie erst einmal bei ihrem Verlag nachfragte.

Die erste Mail hat uns im Juni erreicht, im Moment greift die Masche um sich.

Patricia Keßler, Droemer Knaur

Bei Droemer Knaur gilt: "Human in the Loop"

Bei Droemer Knaur sind ebenfalls schon Fake-Anfragen eingegangen - etwa an Autor Jacob Eder, im Namen von Mona Ameziane (WDR): "Die erste Mail hat uns im Juni erreicht, im Moment greift die Masche um sich", so Patricia Keßler, Pressesprecherin bei Droemer Knaur.

Wachsam müsse man bei Mail-Adressen sein, die nicht dem Firmen-Account entsprechen, bei fehlenden Signaturen – und bei einer Sprache, die offensichtlich KI-gestützt formuliert sei: "Mit dem zunehmenden Einsatz von KI im Arbeitsalltag, erkennt man sofort diese übertrieben positiven, bestätigenden Formulierungen." Nicht zuletzt deshalb gelte bei Droemer Knaur die grundsätzliche Devise: "Human in the Loop".

Das Verlagsteam ist gerade dabei, seine Autor:innen für das Thema zu sensibilisieren – nicht per Rundmail, sondern gezielt im direkten Austausch: "Für Autor:innen und ihre Bücher ist Sichtbarkeit sehr wichtig. In der sich verändernden Medienlandschaft wird es ohnehin immer schwieriger, Interviews, Porträts oder Rezensionen in den Medien zu platzieren", so Patricia Keßler: "Genau das nutzen die Betrüger:innen aus."

HR-Beitrag zum Thema

Der HR hat am heutigen Mittwoch (26. August) einen Beitrag zu den Phishing-Mails ausgestrahlt, der das Thema weiter vertieft. Dabei geht es unter anderem um den Autor Paul Rheinfels, der seine Bücher selbst veröffentlicht – und darum, wie er auf eine Fake-Mail im Namen des MDR reagiert hat.