Leif Greinus über die Lage der Buchbranche in Belarus

"Die eigene Küche ist der letzte geschützte Raum"

12. Februar 2021
von Michael Roesler-Graichen

Autor*innen und Verlage in Belarus sind durch Repressionen des Lukaschenko-Regimes akut bedroht. Leif Greinus, Verleger von Voland & Quist und Mitglied der IG Meinungsfreiheit im Börsenverein, über die aktuelle Lage.

Leif Greinus, Voland und Quist

Der Verleger des belarussischen Schriftstellers Viktor Martinowitsch, dessen Werke auf Deutsch bei Voland & Quist erscheinen, ist Mitte Januar festgenommen worden. Wissen Sie, wie es ihm geht?
Er hat große Angst, schläft schlecht. Jede Verhaftung in seinem Umfeld vergrößert den Druck. Lesen, letzte Woche war es Meyrinks "Golem", hilft ihm, die Situation erträglicher zu gestalten.

Ist Viktor Martinowitsch auch Repressalien ausgesetzt?
Die Auflage seines Romans "Revolution"  wurde konfisziert, Verleger und Buchhändler zwischenzeitlich inhaftiert, Konten eingefroren, das erzeugt natürlich sehr starke Repression. Alle Inhaftierten mussten unterschreiben, nichts über die Haft zu sagen. Bei gleichzeitiger starker Überwachung durch den Sicherheitsapparat erzeugt das eine tiefe Lähmung bis hin zu Todesangst.

Haben Sie Kontakt zu ihm?
Ja, über diverse Kanäle und bislang ohne Komplikationen.

Ist Ihnen über das Schicksal anderer Autor*innen, Übersetzer*innen und Verleger*innen etwas bekannt?
Die beiden Minsker Verleger Hienadź Viniarski (Verlag Knihazbor) und Andrej Januškievič (Verlag Januškievič) sowie Online-Buchhändler Aleś Jaŭdacha wurden Anfang des Jahres vorübergehend festgenommen. Sie wurden wieder freigelassen, sollten sich aber verpflichten, nicht über die Vorwürfe gegen sie zu sprechen. Die Übersetzerin Volha Kalackaja ist seit dem 18. Januar in Haft.

Durch das Einfrieren von Konten können keine neuen Bücher gedruckt werden, Autorinnen und Autoren erhalten keine Honorare, leider ein sehr wirkungsvolles Mittel.

Leif Greinus, Voland & Quist

Wie hoch ist der Gefährdungsgrad für die belarussische Buchbranche und Literaturszene?
Sehr hoch. Allein aufgrund simpler wirtschaftlicher Gesetzmäßigkeiten. Durch das Einfrieren von Konten können keine neuen Bücher gedruckt werden, Autorinnen und Autoren erhalten keine Honorare, leider ein sehr wirkungsvolles Mittel.

Wo kann man noch offen seine Meinung äußern?
Viktor Martinowitsch tut es beispielsweise weiter offensiv gegenüber ausländischen Medien, allerdings um die Gefahr wissend, dass ihn das ins Gefängnis bringen kann. Vermutlich ist die eigene Küche der letzte geschützte Raum.

Wie kann man von hier aus die belarussische Buchbranche und Literaturszene unterstützen?
Indem wir ihr Beachtung schenken, uns weiter mit den Vorgängen in Belarus beschäftigen und andere Menschen darauf aufmerksam machen. Solidaritätsbekundungen werden kaum direkt zu einer Änderung der Situation führen, sind aber, das bekommen wir immer wieder bestätigt, wichtig für die Menschen dort.


Plant die IG Meinungsfreiheit konkrete Schritte?
Die ist schon aktiv, besonders durch Herstellen von Öffentlichkeit, siehe die Erklärung vom 4. Februar zu Übergriffen auf die Buchbranche in Belarus.