Sebastian Guggolz Rede im Wortlaut:
"Ich möchte hier zum Abschluss dieser Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2026 nicht weniger als die Machtfrage stellen. Wer hat eigentlich die Macht über unser Leben, über unsere Gewohnheiten und über unser Denken. Wer bestimmt, was richtig und falsch ist, was wir sehen und wissen können – und wen lassen wir das bestimmen?
Die Weichen für die Fähigkeit, selbstbestimmt denken, die Welt umfassend verstehen und infolgedessen auch selbstbestimmt leben zu können, werden in der Schule gelegt. Mit der Verantwortung für den Erwerb von Lesefähigkeiten und Lesekompetenzen wird der Staat betraut, das Bildungssystem. Und dieser Verantwortung, so besagen es die jüngsten Studien zur Lesekompetenz und auch die neuste PISA-Studie, wird unser staatliches Bildungssystem nicht mehr gerecht. Ein Drittel aller 15-Jährigen ist nicht in der Lage, einem gelesenen Satz einen Sinn zu entnehmen. Das ist, lassen Sie es mich frei heraus sagen: schlicht eine Katastrophe. Und zwar eine weiter anwachsende.
Dass wir, allen Krisen zum Trotz, nach wie vor in einem der wirtschaftsstärksten und wohlhabendsten Staaten der Welt leben, aber die Grundanforderungen an die Schulbildung nicht mehr erfüllen, kann nicht daran liegen, dass es nicht möglich wäre. Denn zahlreichen, wirtschaftlich weniger potenten Ländern, auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, gelingt es deutlich besser als uns.
Und was haben diese katastrophalen Bildungszahlen für Auswirkungen auf eine demokratische Gesellschaft, die auf dem Engagement und der Teilhabe aller beruht, die vom Versprechen auf Aufstiegsmöglichkeiten und gleichen Zugang zu Bildung für alle lebt? Zum einen erschüttert es unsere Branche, denn die schwächelnde Lesekompetenz schlägt sich sukzessive in den Zahlen derer nieder, die Bücher kaufen und lesen. Darüber hinaus sind die Konsequenzen allerdings noch gravierender: Wenn wir uns nicht mehr selbstbestimmt informieren können, wenn wir nicht mehr lesen, Gedankengänge nachvollziehen und Argumentationen verstehen können, wenn wir nicht mehr aus Texten anderer unsere eigenen Urteile schließen können, dann werden das andere für uns übernehmen.
Andere, das ist vor allem der rechte Rand des politischen Spektrums, der uns leichte Antworten auf komplexe Fragen vorgaukelt, was viele verführt, was jedoch nicht zur Lösung und zum Verständnis der Komplexität der Welt beiträgt. Andere, das kann auch die KI-Industrie meinen, und das hieße, dass wir die Macht über unser Wissen und unser Verstehen noch weiter in die Hände der Tech-Konzerne legen. Denn auch die KI liefert eindeutige Antworten auf jede noch so komplexe Frage. Diese Antworten – wir alle kennen das –, die uns suggerieren, uns zu verstehen, die so tun, als ob sie Faktenwissen präsentieren würden, diese Antworten werden dann von uns nur noch konsumiert. Dass es zu einer Entscheidungsfindung und zu einer fundierten Antwort dazugehört, davor zu recherchieren, verschiedene Quellen vergleichend zu konsultieren, um ein eigenes Bild zu gewinnen, ja, dass vielleicht die Fragestellung und der Weg zur Antwort oft wichtiger sind als die abschließende Antwort selbst, geht dabei verloren. Diese Gefahr ist groß, dass wir die statistisch wahrscheinlichsten Antworten, die uns die KI liefert, als Wahrheiten fehldeuten. Wir erleben gerade auch eine Krise der Medienkompetenz und der Meinungsbildung. Mangelnde Lesefähigkeit befeuert diesen Effekt.
Wie können wir dem beikommen? Denn die Buchbranche leistet bereits nach Kräften, was sie kann. Viele Buchhandlungen betreiben weitgehend auf Eigeninitiative immense Leseförderung – auf eigene Rechnung – mit großer Hingabe. Ganze Schulklassen werden in den Buchhandlungen mit den Möglichkeiten vertraut gemacht, die in den Büchern in den Regalen schlummern, stöbernd, lesend und vorlesend – eine unschätzbare Arbeit, um mögliche Berührungsängste und Hemmschwellen der Kinder den Büchern gegenüber abzubauen. Verlage unterstützen, gemeinsam mit dem Buchhandel und dem Zwischenbuchhandel, Aktionen wie die Lesetüte, um frisch eingeschulte Kinder mit Büchern auszustatten und ihnen die oft allererste Erfahrung mit einem eigenen Buch zu ermöglichen.
Doch das zivilgesellschaftliche Engagement reicht nicht aus. Eine weitere Machtfrage schließt sich daran an: die nach der politischen Macht. Für Infrastruktur und Verteidigung gibt es riesige Struktursondertöpfe, aber wo bleiben die Sonderprogramme für immaterielle Infrastruktur, wo bleiben substanzielle Investitionen in die Schulen, auch in die Fort- und Weiterbildung, ganz unbedingt in die Medienbildung? Denn nicht zuletzt gehört das untrennbar zu einer verteidigungsfähigen, ja, verteidigungswerten Gesellschaft dazu. Zur inneren Wehrhaftigkeit eines jeden Einzelnen. Bildung zählt zu den Kernaufgaben eines demokratischen Staates. Unzureichende Bildung höhlt diesen von innen aus.
Und Macht meint in diesem Fall staatliche Mittel. In den Programmen, die von der Politik ins Leben gerufen oder unterstützt werden, drückt sich staatlicher Wille und Wertschätzung aus. Wo ist dieser staatliche Wille in der Bildungspolitik, angesichts der Lesekrise? Leitet man ihn – abseits von Lippenbekenntnissen und Sonntagsreden – aus den Taten ab, so findet man: Streichungen und Kürzungen beim Programm Lesestart 1-2-3; Streichungen und Kürzungen im bildenden Kulturbereich, etwa bei den Goethe-Instituten; Streichungen und Kürzungen bei den demokratiefördernden Bildungsprogrammen wie der Bundeszentrale für politische Bildung. Was drücken diese Streichungen aus – oder diese »Reformen«, euphemistisch gesprochen? Und wo finden sich die Lösungsansätze? Wie wird mehr Chancengleichheit – unabhängig von sozialer und geografischer Herkunft – bewirkt? Soll wirklich die Einführung von Studiengebühren die Lösung sein, weil sonst das Geld knapp wird?
Die Zeit der Bestandsaufnahmen muss beendet sein, gefragt ist jetzt konkretes politisches Handeln: Sofortprogramme, Bildungspakete, Mittelaufwüchse, Ideen, wie wir dem grassierenden Schwund an Lesekompetenz wirkungsvoll begegnen können. Unsere Branche kann dabei behilflich sein: vom Gütesiegel Buchkita über den Vorlesewettbewerb bis hin zum Leseband: Wir können unsere Erfahrungen und unsere Expertise beisteuern.
Politische Macht besitzt niemand per se. Sie verdankt sich den Stimmen bei den Wahlen, diese verleihen die Macht. Die Ermächtigung, die es bedeutet, wenn ein Kind das Lesen erlernt und die Welt der Bücher – der Kinderbücher, der Literatur, der Sachbücher – für sich entdecken kann, ist dagegen ungleich gewaltiger. Es wäre unverzeihlich, wenn wir das nicht jedem Kind bieten könnten, wenn wir nicht gemeinsam alle Kräfte aufbringen würden, diese Selbstermächtigung durch das Lesen zu ermöglichen. Denn das wissen wir Gäste der Frankfurter Buchmesse doch alle, sonst wären wir nicht hier: Die Fähigkeit zu lesen verändert den Blick auf die Welt, ändert alles: Reading changes everything."
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