Lage in Belarus

Friedenspreisträger fordern Ende der Repressalien

11. September 2020
von Börsenblatt

Angesichts der Bedrohungen, denen Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und ihre Landsleute in Belarus ausgesetzt sind, solidarisieren sich Preisträger*innen des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ihre Laudator*innen und der Stiftungsrat mit der belarussischen Bevölkerung und geben eine Erklärung ab. Der Börsenverein unterstützt den Appell.

Swetlana Alexijewitsch

Die Erklärung, die der Börsenverein in einer Pressemitteilung verschickt, im Wortlaut:

"Am Dienstag, den 8. September 2020, erschienen vor der Minsker Wohnung der belarussischen Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahre 2013, des Nobelpreises für Literatur im Jahre 2015 und zahlreicher anderer internationaler Auszeichnungen, 'Männer in schwarzen Masken' (Swetlana Alexijewitsch). Bereits am 26. August war sie vorgeladen worden zu einem Verhör der Staatsanwaltschaft in Minsk, die Ermittlungen führt gegen die Mitglieder des Koordinationsrates der oppositionellen Kräfte, zu dem auch die Schriftstellerin gehört.

Dies ist ein weiterer Versuch der Regierung Alexandjar Lukaschenkas, die friedliche Volksbewegung gegen die Fälschung der Wahlen am 9. August mit Polizeiterror, Folter und Entführungen zu zerschlagen. Nach der Verhaftung, Entführung und Zwangsexilierung ihrer Freund*innen vom Koordinationsrat ist Swetlana Alexijewitsch die einzige, die nicht festgenommen wurde. In ihrem Gespräch mit Journalist*innen am 8. September hat sie alle Beschuldigungen Lukaschenkas wegen angeblicher Staatsstreichabsichten zurückgewiesen und ihn zum Dialog mit der Volksbewegung aufgefordert.

Sie hat nichts anderes getan als das, wofür sie mit dem Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Jahre 2013 ausgezeichnet worden ist: die Wahrheit auszusprechen und ihre Stimme all jenen zu leihen, die sich auflehnen gegen Erniedrigung, Ungerechtigkeit und Missachtung der Menschenwürde – ob dies die Opfer des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion waren, die im Afghanistan-Krieg gefallenen sowjetischen Soldaten, die Opfer der Atomkatastrophe von Tschernobyl oder der menschlichen Tragödien in der nachsowjetischen Welt. Ihre Bücher bewegen Millionen von Leser*innen in Deutschland, ja in der ganzen Welt. Swetlana Alexijewitsch steht in der besten Tradition einer Intelligenzia, die immer schon in Europa für ihre Wahrheitsliebe, ihr Engagement für die 'Erniedrigten und Beleidigten' und für ihren Mut geachtet und geliebt wurde.

Wir solidarisieren uns mit Swetlana Alexijewitsch und ihren Gefährt*innen vom Koordinationsrat und fordern die Einstellung der Einschüchterung, der Terrormaßnahmen gegen sie wie gegen die bisher so friedlich verlaufene Bewegung des belarussischen Volkes. Wir fordern alle, wo immer sie tätig sind – ob in Regierungsämtern, in der Diplomatie, in Kultur- und Gelehrtenkreisen –, auf, ihren Einfluss geltend zu machen, dem Versuch Aleksjandar Lukaschenkos, Swetlana Alexijewitschs und ihre Gefährt*innen mundtot zu machen und die Freiheitsbewegung zu ersticken, entgegenzutreten."

Zu den Unterzeichnenden des von Karl Schlögel, Historiker und Laudator von Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, initiierten Aufrufs gehören unter anderem Aleida und Jan Assmann, Carolin Emcke, David Grossman, Navid Kermani, Jaron Lanier, Wolf Lepenies, Liao Yiwu, Claudio Magris und Orhan Pamuk sowie ihre Laudator*innen und der Stiftungsrat des Friedenspreises unter dem Vorsitz von Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins.

Eine vollständige Liste der Unterzeichnenden sowie weitere Informationen sind abrufbar auf der Website des Friedenspreises.

Börsenverein unterstützt Appell

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bekräftigt den Appel seiner Friedenspreisträger*innen. "Für die Buchbranche ist die Einhaltung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit einer der Grundpfeiler unseres Selbstverständnisses", so Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. "Deswegen werden auch wir alles dafür tun, dass Swetlana Alexijewitsch und das belarussische Volk ihre Rechte und Freiheiten wahrnehmen können. Die Einschränkung der Freiheit des Wortes ist für totalitäre Machthaber eines der perfidesten Instrumente, um autokratische Systeme zu errichten oder zu stützen. Wir unterstützen die Bundesregierung dabei, entschieden gegen solche Entwicklungen vorzugehen und konsequent für Menschen- und Freiheitsrechte einzustehen."