Geschwister-Scholl-Preis: Pressegespräch mit Dina Nayeri

"Ich bin ein Chamäleon"

27. November 2020
von Andreas Trojan

Die iranisch-amerikanische Schriftstellerin Dina Nayeri bekommt den Geschwister-Scholl-Preis 2020. Beim virtuellen Pressegespräch ging es um die aktuelle Lage von Flüchtlingen - und die perfide Seite der Corona-Proteste in Deutschland.

Covid-19 hat auch die Preisverleihung des Geschwister-Scholl-Preises verändert. Statt einer feierlichen Vergabe des Preises in der großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität München stand diesmal eine digitale Pressekonferenz im Vordergrund.

Diesjährige Preisträgerin ist die iranisch-amerikanische Schriftstellerin und Publizistin Dina Nayeri, 1979 in Isfahan geboren. 1988 flüchtete sie mit ihrer Familie vor der Islamischen Revolution, mit Stationen in Dubai und Rom. 1990 bekam sie schließlich Asyl in den USA. Sie studierte an den Universitäten Princeton und Harvard, arbeitete als Consultant unter anderem für McKinsey. Heute lebt Dina Nayeri in Paris, schreibt Kurzgeschichten, Essays und bislang zwei Romane, die in Übersetzung im Mare Verlag erschienen sind (darunter "Drei sind ein Dorf").

Buchcovere "Der undankbare Flüchtling"

"Der undankbare Flüchtling" von Dina Nayeri

Dina Nayeris Buch ist ein Plädoyer, die Würde eines jeden Menschen anzuerkennen.

Jury-Begründung zum Geschwister-Scholl-Preis 2020

Dina Nayeri erhält den Geschwister-Scholl-Preis 2020 für ihr Buch „Der undankbare Flüchtling“ (Kein & Aber). Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert. In der Jury-Begründung heißt es:

„Dina Nayeri führt ihre Leserinnen und Leser zur Auseinandersetzung mit der Frage, was es bedeutet, in einem anderen Land zu leben, in Sicherheit zwar, doch immer unter Vorbehalt und zur steten Dankbarkeit verpflichtet. Ihr Buch „Der undankbare Flüchtling“ ist damit ein Plädoyer, die Würde eines jeden Menschen anzuerkennen.“

Damit erfüllt Dina Nayeris Buch für die Jury Forderungen, wie sie Sophie und Hans Scholl in den Flugblättern der „Weißen Rose“ formuliert haben: Jeder Einzelne habe ein Recht auf einen „brauchbaren und gerechten Staat“ sowie auf die „Güter der Welt“. Dina Nayeris Buch sei, so die Jury, „in dieser zutiefst humanistischen Überzeugung“ geschrieben.

Das Warten, das ewig lange Nichtwissen, wann das Warten ein Ende haben wird - das ist das Schlimmste.

Dina Nayeri, Preisträgerin, über ein Leben auf der Flucht

Dina Nayeri nahm in der Pressekonferenz auf die Gegenwart Bezug. Die Unsicherheit in Zeiten von Corona verbinde die Menschen weltweit mit der Situation der Flüchtlinge. Es ist die Ungewissheit, wann die Situation sich zum Besseren ändern wird. Flüchtlinge seien Menschen, die als Objekte hin und her geschoben würden, ohne zu wissen, wann und ob sich ihre prekäre Lage in ein normales, geordnetes Leben wandeln wird.

„Das Warten, das ewig lange Nichtwissen, wann das Warten ein Ende haben wird, ist das Schlimmste“, erklärte Dina Nayeri. So hat sie in ihrem Buch ein Motto vorangestellt, das vom französischen Essayisten und Philosophen Roland Barthes stammt: „Warten lassen: ständiges Vorrecht jeder Macht; jahrtausendalter Zeitvertreib der Menschheit.“

Dass sich Demonstranten als Opfer sehen und sich als Nachkommen von Sophie und Hans Scholl bezeichnen, ist ein skandalöses Verhalten und kann in keiner Weise akzeptiert werden.

Michael Then, Vorsitzender des bayerischen Landesverbands im Börsenverein

Michael Then, der als Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern die Pressekonferenz leitete, ging zu Anfang auf ein deutsches Phänomen der Corona-Krise ein: Dass sich Demonstranten als Opfer sehen würden und sich offiziell als Nachkommen von Sophie und Hans Scholl bezeichneten, sei schlichtweg perfide: „Das ist im Namen des Widerstands und der Opferbereitschaft der Geschwister Scholl ein skandalöses Verhalten und kann in keiner Weise akzeptiert werden“, so Then.

Diana Nayeri stimmte dieser Einschätzung zu hundert Prozent zu und kam dabei auf die Situation jetziger Flüchtlinge zu sprechen. Ihre Lage habe sich durch die Pandemie verschlechtert: Sie würden nun nicht nur als ein gesellschaftliches Problem in den Ankunftsstaaten wahrgenommen, sondern gerieten als potenzielle Träger des Virus in den Verdacht, eine gesundheitliche Gefahr darzustellen. Dabei sei ihre Situation in den Lagern ohnehin ausgesprochen schwierig, Integration dadurch eine doppelte Herausforderung.

Mit meinem Buch möchte ich den Flüchtlingen eine Stimme geben. Denn Flüchtlinge haben keine.

Dina Nayeri, Schriftstellerin

Dina Nayeri bedankte sich für den Geschwister-Scholl-Preis auch auf sehr persönliche Weise. Da ihre Mutter zum Christentum konvertiert war, erlebte sie im Iran hautnah mit, was es bedeutet, in einem muslimischen Staat einer „Untergrund-Kirche“ anzugehören. – „Auch in diesem Sinn bedanke ich mich herzlich für den Erhalt des Preises. Sophie und Hans Scholl sind in den Untergrund gegangen, um Widerstand zu leisten, aber auch um anderen zu helfen. Sie gaben den Unterdrückten eine Stimme. Mit meinem Buch möchte ich den Flüchtlingen eine Stimme geben. Denn Flüchtlinge haben keine“, erklärte Dina Nayeri.

Sie persönlich habe in all den Jahren ihrer Integration begriffen, dass man sich als Flüchtling anpassen müsse, aber auch das Selbstwertgefühl nie verlieren dürfe. Sie sei zwar jetzt eine Iranerin mit amerikanischem Pass, die in Paris lebt, sie habe aber auch erlernt, sich als eigenständiges Wesen zu begreifen. Sie sei also selbstständig und zugleich ein Chamäleon. In ihrem Buch „Der undankbare Flüchtling“ schreibt die Autorin: „Die Flucht erschafft ein Chamäleon, eine wachsame Kreatur, immer in Verkleidung.“ Doch Träger dieser Kleidung, wie Dina Nayeri, sind dennoch bei sich angekommen, als offene, wachsame und hilfsbereite Weltbürger. 

Alle Reden am 30. November online zum Nachlesen

Weil die ursprünglich für den 30. November geplante, feierliche Preisverleihung in München corona-bedingt nicht stattfinden kann, werden die Rede-Manuskripte der geplanten Ansprachen hier auf der Website des Geschwister-Scholl-Preises veröffentlicht:

  • Die Würdigungen der Stifter, vertreten durch den Oberbürgermeister Dieter Reiter und den Vorsitzenden bayerischen Landesverbands im Börsenverein, Michael Then
  • die Laudatio von Dr. Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrum München,
  • die Erwiderung der Preisträgerin Dina Nayeri.