Neujahrsgruß der Vorsteherin

Von Wertschätzung und Wertschöpfung

5. Januar 2022
von Karin Schmidt-Friderichs

2021 war kein einfaches Jahr und auch die Aussichten für 2022 sind ungewiss. Die Vorsteherin des Börsenvereins ist dennoch zuversichtlich und ermuntert die Buchbranche zu mehr Selbstbewusstsein. Ein Gruß zum Jahreswechsel.

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins

Liebe Kolleg:innen,

während ich diese Zeilen an Sie schreibe, spricht der neue Gesundheitsminister davon, vor Weihnachten gebe es keinen Lockdown. Und danach? Während ich diese Zeilen schreibe, übertreffen sich die Schlagzeilen mit Omikron-Analogien wie einer sich »auftürmenden Wand, auf die wir ungebremst zufahren«. Während ich diese Zeilen schreibe, strömen Kurzentschlossene noch in die Buchhandlungen, um ihren Lieben und sich selbst Lektüre für die Feiertage zu sichern und der Aufholjagd, mit der die Branche das Jahresergebnis von 2019 zu erreichen sucht, Flügel zu verleihen. Hinter uns liegt ein heftiges Jahr und über 2022 eine gewisse Sorge. 

Das kann und will ich nicht beschönigen, aber ich möchte Sie zu etwas einladen, das Resilienz-Trainer:innen in schweren Zeiten raten: sich auf Stärken zu besinnen und Erfolge zu feiern. Daraus Kraft zu schöpfen und Mut. Und so den Widrigkeiten die Stirn zu bieten. 

Wer hätte gedacht, dass wir als Buchbranche so souverän auf Onlinekommunikation und -vertrieb umstellen können? Dass wir eine Frankfurter Buchmesse als »Insel im Coronasturm« durchführen und Buchbegeisterung und Buchbegegnung zelebrieren? Dass wir den Umsatzrückgang im Lockdown sportlich nehmen als eine Art Gegenstromanlage, der wir es mit Kreativität und Kund:innennähe schon zeigen werden? Dass wir Lieferengpässen und Personalknappheit trotzen und den Leser:innen gute Unterhaltung und gut recherchierte, lektoratsgeprüfte Fakten ohne lange Wartezeiten liefern?

Darüber können wir uns freuen und, ja, auch ein bisschen stolz darauf sein. Mit dem Stolz haben wir es nicht so in der Buchbranche, und ehrlich gesagt macht das mir die Branche immer schon sympathisch. Was ich mir und der Branche aber wünsche, ist Selbstbewusstsein. Mehr Selbstbewusstsein. Im Sinne von: sich seiner selbst bewusst sein. Also inklusive Selbstkritik und Selbstreflexion. Dann können wir Stärken ausbauen und Schwächen angehen, können wachsen und an der Zukunft arbeiten. 

In der Pandemie haben uns Leser:innen gespiegelt, wie wichtig Bücher ihnen sind, besonders haben das auch jüngere Menschen getan, Digital Natives, die »kostenlos« kennen und vielleicht gerade deshalb den Mehrwert schätzen, den wir schaffen – Zeit, dass auch wir uns dieses Werts bewusst werden! Das heißt noch nicht »macht Bücher teurer!«, aber kennen wir wirklich die Schwellenpreise in den Köpfen unserer Kund:innen und geben wir unseren Produkten den Preis, der dem Wert (aus Leser:innensicht) entspricht?

In der Pandemie hat sich die Vielfalt im Handel bewährt, das Leben besteht nicht nur aus 1-a-Lagen (aber auch!). Als den Menschen Beratung und Anregungen in Form von Lesungen und anderen Live-Events fehlten, vertrauten sie umso mehr der profunden Marktkenntnis ihrer Buchhandlung. Bilden ­unsere Konditionenmodelle diesen Einsatz ab? 

In der Pandemie hat sich die Branchenlogistik bewährt, wir brauchen den Onlineriesen nicht zu fürchten, wir sind agil. Und das gilt nicht nur für Bestseller, Schnelldreher und Titel aus großen Verlagen. Nein, auch hier bieten wir unseren Kund:innen Vielfalt. Und diese Vielfalt bedeutet Auswahl, ­Facettenreichtum ohne Wartezeiten, die »draußen« nicht mehr akzeptiert werden. Wissen wir das zu würdigen?

Ich glaube, dass uns und unserer Arbeit mehr Wertschätzung entgegengebracht wird als wir das bislang in Wertschöpfung zu wandeln verstehen. Eigentlich liegt vor uns eine schöne Aufgabe!