Gebrauchtbuch

Bücherschränke wie Sand am Meer

28. Juli 2022
von Börsenblatt

2016 gab es etwa 1.500 öffentliche Bücherschränke in Deutschland, in nur sechs Jahren hat sich die Zahl fast verdoppelt: 2.909 Bücherboxen, Bücherzellen und Bücherschränke zum Austausch von gebrauchten Büchern listet Wikipedia mittlerweile auf. 593 gibt es allein in Baden-Württemberg, Berlin kommt mit nur 83 Bücherschränken aus. 

Bitte zugreifen! Das Sortiment wechselt häufig

Das Prinzip ist simpel: Der Schrank steht im öffentlichen Raum, für jedermann zugänglich. Wer mag, nimmt sich Bücher heraus, wer mag, stellt welche hinein. Kostenlos, unverbindlich, anonym ist das Ganze, und frei von Formalitäten: Es gibt keine Mitgliedschaft, keine Beiträge, keine Leihfristen. Ziel ist ein Austausch zwischen Lesenden, der einem gebrauchten Buch im besten Fall zu einem zweiten oder gar dritten Leben verhilft. Die Liste der Betreiber ist nahezu unerschöpflich: städtische Projekte, gemeinnützige Vereine, Privatpersonen, Autohäuser, Geldinstitute engagieren sich. Regeln? Braucht es nicht. Oder doch: Pornografie, politische und religiöse Schriften werden aussortiert.

Bookcrossing mit festem Standort

Das Konzept der öffentlichen Schränke wird häufig mit dem des Bookcrossing verglichen, jener virtuellen Bibliothek, bei der ein Nutzer sein Buch im Internet registriert und anschließend frei lässt – in einem Zug, auf einer Parkbank, in einem Hörsaal. Wer das Exemplar findet, kommentiert kurz auf bookcrossing.com, so zumindest die Theorie. Im Idealfall kann der ursprüngliche Besitzer verfolgen, wo sein Buch gelandet ist. Öffentliche Bücherschränke erweitern diese Idee um einen festen Standort.

Konkurrenz für den Buchhandel?

In einer 2016 auf börsenblatt.net veröffentlichten Umfrage waren 37 Prozent der Befragten der Meinung, öffentliche Bücherschränke würden das Geschäft beleben, 63 Prozent hielten sie für umsatzschädigend.  

Konsalik, Readers Digest, Simmel: Wer aktuellen Lesestoff sucht, dürfte bei den meisten Bücherschränken nur mit Mühe fündig werden. "Bevor der Simmel schimmelt", überschrieb der Schriftsteller Frank P. Meyer seine Kolumne zum Bücherschrank-Phänomen Anfang des Jahres, und weiter: "Die Bücherschränke sind eine wichtige Entsorgungseinrichtung für Lesestoff, der uns einmal wichtig war und bei dem es wehtun würde, ihn in die Papiertonne zu werfen. Stattdessen geht das so: 'Schatz, haste gehört, bei uns am Marktplatz macht ein öffentlicher Bücherschrank auf.' – „Na, dann hol schnell die Kiste mit der Konsalik- und der Carnegie-Sammlung aus dem Keller."