Hamburger Literaturdenkmal ist restauriert

Bücherstube Stolterfoht erstrahlt im neuen Glanz

20. Februar 2026
Redaktion Börsenblatt

Sieben Monate dauerte die denkmalgerechte Sanierung des Pavillons der Bücherstube Stolterfoht in Hamburg – nun ist sie abgeschlossen. Die Buchhandlung setzt den Betrieb am historischen Ort fort. 

Außenansicht der restaurierten Bücherstube Stolterfoht, von Schnee umgeben

Außenansicht der restaurierten Bücherstube Stolterfoht

"Nichts fehlt an diesem Gebäude"

Nach Abschluss der Sanierung, die von Juni bis Dezember 2025 lief und circa 500.000 Euro kostete, übergibt die Hermann Reemtsma Stiftung den Pavillon in der Rothenbaumchaussee 100 wieder an die Stiftung Denkmalpflege Hamburg, heißt es in der gemeinsamen Mitteilung (7. Januar). Die Buchhandlung Stolterfoht setzt den Betrieb am historischen Ort fort. Das kleine Ladengeschäft wurde 1949 vom bekannten Architekten Werner Kallmorgen (1902–1979) für die Buchhändlerin Greta Stolterfoht (1897–1971) errichtet. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Entgegen aller Trends und Veränderungen habe sich die Bücherstube durch den Einsatz des Betreibers Frank Bartling und einen Kreis treuer Kunden und Unterstützer im Originalzustand und in ihrer ursprünglichen Funktion erhalten.

Nach 76 Jahren waren umfassende bauliche Maßnahmen notwendig, um diesen Lieblingsort vieler Hamburgerinnen und Hamburger zu bewahren. Die Arbeiten starteten im Juni 2025 und dauerten sieben Monate, währenddessen ging der Buchverkauf in einem benachbarten Container nahtlos weiter. Die Bücherstube Stolterfoht sei nicht nur ein architektonisches Schatzkästchen, sondern auch ein lebendiges Literaturdenkmal: "Denn so bescheiden dieser Pavillon mit seinen gerade mal 44 Quadratmetern Nutzfläche auch ist, symbolisiert er doch wie kein anderer Ort in Hamburg den Neuanfang, nachdem 12 Jahre Diktatur die Menschen innerlich regelrecht entstellt hatten. Die Bücherstube Stolterfoht gab den jungen Schriftstellern und Lesern Helmut Heißenbüttel, Peter Härtling und vielen anderen Hoffnung", wird Jan Bürger, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, in der Mitteilung zitiert.

Werner Kallmorgen war ein prägender Architekt der Hamburger Nachkriegsmoderne. Zu seinen bedeutenden Bauten gehören der Wiederaufbau des Thalia Theaters, die Siedlung Groß Borstel, der Kaispeicher A (heute Teil der Elbphilharmonie), das Spiegel- und IBM-Hochhaus sowie das Ernst Barlach Haus. Mit der Bücherstube Stolterfoht schuf Kallmorgen ein architektonisches Kleinod: "Nichts fehlt an diesem Gebäude, nichts ist zu viel, ein Gebrauchsgegenstand von vollendeten Proportionen – und, wenngleich recht klein und somit das Sortiment beschränkend, funktionstüchtig bis heute. Die Zier: Bescheidenheit", sagte der Architekturkritiker Manfred Sack.

Blick ins Innere der frisch restaurierten Bücherstube Stolterfoth

Neuer Glanz: Blick ins Innere der frisch restaurierten Bücherstube Stolterfoth

Langfristiger Mietvertrag für Buchhändler Frank Bartling

Um den Fortbestand des denkmalgeschützten Pavillons der Bücherstube Stolterfoht langfristig zu sichern, habe die Hermann Reemtsma Stiftung einen ungewöhnlichen Lösungsweg entwickelt. Sie stellte in Aussicht, die dringend notwendige Sanierung der denkmalgeschützten Hamburgensie in vollem Umfang zu fördern, sofern es für das Gebäude eine langfristige Perspektive in gemeinnütziger Trägerschaft gebe. Ein Modell dafür lieferte sie gleich mit, brachte die Partner zusammen und koordinierte die Umsetzung: Im Frühjahr 2025 übertrug Buchhändler Frank Bartling, der Betreiber der Bücherstube Stolterfoht, das Eigentum am Kallmorgen-Pavillon an die gemeinnützige Stiftung Denkmalpflege Hamburg. Der Buchhändler erhielt einen langfristigen Mietvertrag zu angemessenen Konditionen, so dass der seit 1949 bestehende literarische Buchhandel im Kallmorgen-Pavillon fortgesetzt werden kann. In die Denkmalliste der Freien und Hansestadt Hamburg eingetragen, liegt sein Erhalt im öffentlichen Interesse.

Nachdem die Voraussetzungen geklärt waren, übernahm die Hermann Reemtsma Stiftung die Verantwortung für die denkmalgerechte Sanierung des historischen Holzgebäudes – sowohl für die Finanzierung, als auch für die Organisation. Der Pavillon wurde behutsam auseinandergebaut, die Teile nummeriert, wo nötig in Werkstätten aufgearbeitet und dann wieder zusammengesetzt. Ziel war der größtmögliche Erhalt von Originalsubstanz. Erstmals seit 1949 erhielt es den schon damals geplanten Wasseranschluss und ein WC. Nach historischen Fotografien gefertigt und ergänzt wurden der Zaun und die Markise, der Zaun als ein wesentliches architektonisches Element, die Markise zum Schutz der Bücher vor der Sommersonne. 

Kunden, Nachbarn und Passanten nahmen lebhaft Anteil am Baugeschehen, anfangs mit Sorge, die Buchhandlung könnte schließen und das Gebäude verschwinden, währenddessen mit großer Neugier und gegen Ende voller Freude, dass dieses Kleinod gerettet und restauriert wurde, berichten die beiden Stiftungen.

Cornelie Sonntag-Wolgast: "Kleinod am Rothenbaum. Die Bücherstube Stolterfoth kommt originalgetreu zurück"

Cornelie Sonntag-Wolgast: "Kleinod am Rothenbaum. Die Bücherstube Stolterfoth kommt originalgetreu zurück"

"Rückwärts bei Hagel auf einem Bein hinhüpfen"

Zum Anlass erschien im Verlag Hans-Jürgen Otte gerade eine von Cornelie Sonntag-Wolgast herausgegebene Broschüre: "Kleinod am Rothenbaum. Die Bücherstube Stolterfoth kommt originalgetreu zurück". Im Vorwort lobt Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda den "kleinsten Buchladen der großen Medienstadt Hamburg" als einen gut durchdachten "Lieblingsort für viele Menschen in dieser Stadt". Die Politikerin und Journalistin Cornelie Sonntag-Wolgast geht auf die Sanierung und die Geschichte der 1933 von Greta Stolterfoth gegründeten Buchhandlung ein, zeichnet ein Bild der späteren Mitinhaberin Lisi Drascher, "'die Seele des Ganzen', belesen, gut vernetzt, zudem kaufmännisch versiert". Und gibt eine Kostprobe aus dem Gästebuch des Ladens: "Wäre die Bücherstube nicht genialerweise um die Ecke, ich würde rückwärts bei Hagel auf einem Bein hinhüpfen, um dort hin und wieder ein halbes Stündchen zu stöbern ..." Hans-Jürgen Otte, der auch den Pavillon-Architekten Werner Kallmorgen vorstellt, interviewt den Sohn von Lisi Drascher und Schriftsteller Helmut Heißenbüttel (der in der Buchhandlung ein- und ausging): Martin Drascher erinnert sich im Gespräch, wie er einen Teil seiner Kindheit im Laden verbrachte, an Peter Härtling und Horst Janssen, die hier Kunden waren.