Kolumne von Martina Bergmann

"Die Politik verspielt ihr Vertrauen"

4. Februar 2021
von Börsenblatt

Unsere Kolumnistin Martina Bergmann gewinnt zunehmend den Eindruck, Politiker und Verwaltungsleute würden Corona aussitzen. "Warten, dass die Inzidenzen sinken, dass der Frühling kommt ist gefährlich", meint die Buchhändlerin und Verlegerin aus Borgholzhausen. 

Martina Bergmann

Es regnet. Es hat die ganzen letzten Jahre viel zu wenig geregnet, und jetzt auf einmal macht das Wetter seinen Job. Von der Politik kann man das schon lange nicht mehr sagen. Möglicherweise war es unvermeidlich, die Geschäfte wieder zu schließen. Falsch: Es war unumgänglich, und ich bin auch nach wie vor keine, die nach überstürzten Öffnungen schreit - weder von Kitas und Schulen noch des Einzelhandels und, besonders, der geschundenen Gastronomen. Sie sind allerdings bald ein Vierteljahr ohne Umsatz, und wie man hört, klappt es mit den behördenseitigen Zahlungen genau gar nicht.

Viel wurde versprochen und wenig eingehalten

Im Einzelhandel ähnliche Bilder: Viel wurde versprochen und wenig eingehalten. Das wäre die Kindergarten-Ebene. Wir sind aber nicht beim Ärgern und Vertragen; wir sind eine große Gesellschaft mit vielfältig verteilten Aufgaben. Es wurde von dem uns Zugesagten quasi nichts erledigt. Man denkt schnell, in den Verwaltungen arbeiten sie wohl nicht. Angeblich gibt es aber komplizierte Gründe, die mit dem Föderalismus und Vergaberecht zu tun haben, angeblich muss es in Deutschland immer lange dauern. Was mich daran stört: Verwaltungspersonen werden bezahlt, während sie mit und für uns abwarten.

Verwaltungspersonen werden bezahlt, während sie mit und für uns abwarten.

Angestellte im öffentlichen Dienst kennen Liquiditätsprobleme weder beruflich noch privat

Diese Leute jammern manchmal. Sie beschweren sich über Befristungen und Teilzeitverträge und was einem sonst widerfährt, wenn man einen öffentlichen Arbeitgeber hat. In anderen Zeiten als diesen würde ich sagen, ja nun. Ihr habt euch das so ausgesucht, also regt euch ab. Die Alternative lautet Umsatzerlöse weniger Kosten gleich Ertrag. Es ist manchmal mühsam, aber es ist eben die Freiheit.

Im Moment machen mich solche Klagen böse. Denn Angestellte im öffentlichen Dienst kennen Liquiditätsprobleme weder beruflich noch privat. Und selbst wenn sie knapp wären, gäben ihnen Banken neues Geld. Die Zauberwörter lauten Sicherheiten und Regelmäßigkeit. Spätestens hier wird es ungerecht. Ich finde, wenn Deutschland uns warten lässt oder meinetwegen warten lassen muss, dann sollte es wieder einen Vertrauensvorschuss in Geld geben.

Die eigentliche Währung von Politik ist Vertrauen. Dieses ist verbraucht, und umso mehr bei denen, wo es tatsächlich um den Groschen geht.

Aussitzen ist gerade gefährlich

Politiker wie Verwaltungspersonen meinen, es ist gar nicht so eilig. Wir sitzen das mal aus. Warten, dass die Inzidenzen sinken, dass der Frühling kommt. Ich halte dies für gefährlich. Man kann von Verwaltungsleuten wie Politikern als Geschäftsperson nie viel erwarten, weil ihnen das Modell Umsatzerlöse weniger Kosten gleich Ertrag nicht persönlich vertraut ist. Vielleicht ist das sogar die eine mentale Hürde, die man überwunden haben muss, um dauerhaft selbständig zu sein. Man muss akzeptieren, sie lassen einen im Zweifel vor die Wand laufen, weil es ihnen einfach scheißegal ist, für ihr Bruttoinlandsprodukt und für sich selber, ob es eine Buchhandlung mehr oder weniger gibt. Aber Geld ist das eine; Geld sind Zahlen. Die eigentliche Währung von Politik ist Vertrauen. Dieses ist verbraucht, und umso mehr bei denen, wo es tatsächlich um den Groschen geht.

Mein Eindruck ist, dass 2021 spannend wird

Und was machen wir darin, wir Buchhändler*innen? Wie immer: Wir sind da. Wahrscheinlich geht es uns neben Textilern, Schuhgeschäften und reinen Geschenkartikelläden sogar gut. Die Ware verliert nicht so schnell an Wert, und die Kernkundschaft ist eher solvent. Vor Corona fand ich manchmal schwer zu vermitteln, dass eine Buchhandlung nicht von Gratis-Kulturarbeit und Leseförderung lebt, sondern vom Umsatz. Geld schien etwas zu sein, dessen Vorhandensein vorausgesetzt wurde. Dies ist nun anders, und darin sehe ich eine Chance. Wer es bis hierher geschafft hat, dem ist das mit Geld gelungen, das die Kunden ins Geschäft getragen haben und eben nicht mit Subventionen.

Mein Eindruck ist, dass 2021 spannend wird. Wir werden womöglich andere Bücher verkaufen, neue Sortimente. Wir werden uns immer wieder Neues überlegen, denn an Krisenerfahrung mangelt es wahrlich nicht. Seien wir aber vorsichtiger in der Annahme der Schleifchen und Urkunden. Ganz ehrlich: Ich möchte keine öffentlichen Belobigungen mehr, keine Preise, Zertifikate und all das andere Prestige-Gelumpe. Ich möchte von Politikern einfach, dass sie ihre Arbeit machen. Das Wetter und der Buchhandel tun das nämlich auch.