Das empfiehlt die Polizei

Herr Urban: Der Diogenes-Dieb klaut deutschlandweit

16. November 2021
von Charline Vorherr

Erst Bücher klauen - vorzugsweise Diogenes-Bände - dann unter falschem Vorwand gegen Bargeld umtauschen. Mit dieser Masche ist ein Betrüger in vielen deutschen Buchhandlungen seit Jahren erfolgreich. Und ebenso berüchtigt. Betroffene Buchhändler*innen berichten von dem Mann, der sich früher mit "Urban" vorgestellt hat. Was empfiehlt die Polizei Betroffenen?

Ladendiebstahl

Vera Kahl hat nicht zum ersten Mal mit dem großgewachsenen Herrn, etwa Mitte 40, stets adrett gekleidet, zu tun. Mittlerweile hat der Dieb mindestens zum fünften Mal in der Buchhandlung Blattgold in München-Moosach gestohlen oder fremde Bücher umgetauscht. Viele weitere Buchhändler*innen deutschlandweit berichten ihren Kolleg*innen in der Facebook-Gruppe Buchhandelstreff immer wieder von einem Besuch des Diebs. Inzwischen ist Vera Kahl, wie viele ihrer Branchenkolleg*innen, sauer, denn der Dieb ist mindestens so auffällig wie geschickt und wendet die immergleiche Masche an.

Es handelt sich um einen großgewachsenen, athletischen Mann, etwa Mitte 40, mit europäischem Aussehen und dunklem Teint, der stets elegant, aus mehreren Schichten bestehend, bekleidet ist. Im Winter hat er einen dicken Mantel, im Sommer einen Trenchcoat an. Zusätzlich trägt er eine Reisetasche, Aktentasche oder einen Koffer mit sich. Vera Kahl berichtet, dass er jene immer betont auffällig auf ihren Besuchersessel abstelle, „als sei er zuhause“, um sich den Laden mit freien Händen anzuschauen. Sein Besuch sei ebenso merkwürdig: „Er läuft kreuz und quer, mit großen Schritten durch den Laden. Blättert unachtsam in Büchern, weil er denkt, dass man das in Buchhandlungen so mache und schaut sich dabei nach den schwer überschaubaren, unauffälligen Ecken um“, berichtet Vera Kahl. „So verhält sich kein normaler Kunde.“

Dann beschäftigt er das Personal mit einer mühseligen Frage, hin und wieder bestellt er sogar einen Titel auf einen falschen, wechselnden, Namen. Beim letzten Besuch bei Vera Kahl hat er nach einem ausgefallenen Bildband gefragt, beim ersten Mal nach einer Liste mit allen englischsprachigen Titeln von Dan Brown. Er wolle sichergehen, dass er alles gelesen habe. Vera Kahl erklärt die unverschämte Masche des Diebs: „In der Zeit, in der ich am Bildschirm recherchierte, die Liste ausdruckte, packte er unter seinem Sakko ein. Zwischendrin hat er er sich noch ganz entspannt mit mir unterhalten.“

Die Umtausch-Masche

Eine freche, aber ebenso erfolgreiche Masche, die mit dem Diebstahl noch nicht zu Ende ist. In anderen Buchhandlungen versucht er das Diebesgut – meist drei Bücher an der Zahl – ohne Kassenbon umzutauschen. Davon berichten besonders viele Buchhändler*innen. Er sei doppelt, meist von seiner Mutter, beschenkt worden und habe keine Verwendung für die Titel. Bei Vera Kahl hatte er damit schon zweimal Glück. Einmal habe er sich im Vorhinein über sie als Inhaberin informiert und sich bei einer Kollegin auf sie berufen. Er sei ein Bekannter von ihr. „Das sei mit Vera abgesprochen“, zitiert Vera Kahl. Wenn sich Buchhandlungen weigern die Titel zurückzunehmen, werde er unhöflich und rede den Service schlecht.

Martina Bollinger von der Bollinger Bücherwelt in Oberursel berichtet sogar von wüsten Beschimpfungen und lautem Schreien, sodass man schnell umtausche, um den Mann loszuwerden.

Meist handelt es sich bei den geklauten Büchern um Besteller-Titel aus dem Diogenes-Verlag, aber auch andere Bestseller-Autoren wie Dan Brown und Sebastian Fitzek seien Titel, die der Mann klassischerweise versucht, zurückzugeben. „Diogenes-Titel sind nicht groß und schwer, sondern schön teuer und schmal und gehen in allen Buchhandlungen über die Theke“, erklärt Vera Kahl die Wahl des Diebesguts. 

Die Buchhändlerin berichtet, dass der Dieb bei seinen Tathergängen immer darauf achte, bei einer anderen Mitarbeiterin bedient zu werden. Dabei ist den Buchhändler*innen von Blattgold aufgefallen, dass der Verdächtige schon vorher einige Zeit vor dem Laden auf- und abläuft.  Als er das letzte Mal nach Moosach kam, wartete er, bis Vera Kahl die Buchhandlung für ein paar Minuten verlassen hatte, und die Praktikantin allein im Laden war. Als die Buchhändlerin ihm bei Rückkehr begegnete, habe er den Laden sichtlich erschrocken schnell verlassen. Vera Kahl, die einige Minuten gebraucht hat, ihn wiederzuerkennen, sei ihm noch nachgelaufen, aber da sich die Buchhandlung in einem kleinen Einkaufszentrum befindet, habe sie ihn aus den Augen verloren.

So gehen andere Buchhandlungen mit "Urban" um

Man könnte bei dem Diogenes-Dieb schon beinahe von einer Urban Legend sprechen. Ironisch - stellte sich der Dieb doch früher bei seinen Bestellungen und Recherchefragen vor allem mit dem Nachnamen Urban vor. Inzwischen ist er allerdings deutschlandweit in Buchhandlungen bekannt. So warnen Buchhändler*innen aus Heidelberg, Freiburg, Stuttgart, Schwabach, dem Rhein-Main-Gebiet oder Ruhrgebiet ihre Kolleg*innen vor dem Herrn, der sich mittlerweile mit wechselnden Namen vorstellt.

Bei der Buchhandlung am Amtshaus in Dortmund-Mengede hat es der „mysteriöse Herr Urban“ auch schon mehrfach versucht. „Mit einem Fitzek und zwei Diogenes-Titeln in der Hand betrat er unseren Laden. Da ich ihn gleich mit einem ‚Sie sind bundesweit gesucht, Herr Urban‘ begrüßt hatte, verließ er fluchtartig unverrichteter Dinge den Laden“, berichtet Michael Nau in der Facebook-Gruppe Buchhandelstreff. Im Gespräch erklärt er, dass der Herr bei ihm bisher noch nie etwas gestohlen hat, mit dem Umtausch sei er in der Vergangenheit allerdings mehrere Male erfolgreich gewesen.

Auch Martina Bollinger berichtet von zwei Besuchen des Mannes. Beim ersten Mal war er erfolgreich, beim zweiten Mal wurde er trotz des Schreiens, entschieden abgewiesen. Mittlerweile sind in ihren Filialen Sicherheitskameras installiert. Umgetauscht wird nur noch gegen Gutscheine statt. Sie empfiehlt ihren Branchen-Kolleg*innen, das gleiche zu tun. 

Jetzt, nach dem fünften Mal, hat Vera Kahl Anzeige bei der Polizei erstattet. Am Telefon habe man ihr gesagt, dass insbesondere bei gewerblichen Tätern die Chance auf Erwischen bestehe und auch andere Buchhändler*innen Anzeige erstatten sollen. Gelernt hat die Buchhändlerin auf jeden Fall daraus: Bücher ohne Kassenzettel nimmt sie nur noch bei Stammkunden zurück und ihren Humor hat sie auch nicht verloren. „Wenn er Bücher bei mir umtauscht, verliere ich zwar die Marge, habe aber immerhin Bücher. Man muss ihm lassen, dass er keine schlechtverkäuflichen Bücher hat.“

Das empfiehlt Börsenvereins-Justiziarin Susanne Barwick

Susanne Barwick, stellvertretende Justiziarin beim Börsenverein, empfiehlt wie die betroffenen Buchhändler, sofort Anzeige zu erstatten, wenn man den Diebstahl bemerkt. „Wenn man den Herrn bereits im Laden erkennt, sofort das Hausrecht ausüben und/oder die Polizei rufen. Präventiv Kameras installieren“, so Suanne Barwick.

Zur Umtausch-Masche schreibt sie, dass ein Umtausch, wenn das Buch keine Schäden habe, sowieso reine Kulanz sei. "Es gibt kein rechtliche Pflicht zum Umtausch, weil dem Kunden das Buch nicht gefällt oder er es bereits besitzt. Buchhändler*innen müssen also Bücher grundsätzlich gar nicht umtauschen." Und auch wenn der Umtausch in der Buchhandlung üblich sei, so empfiehlt sie, Bücher nur mit dem passenden Kassenzettel zurückzunehmen. "Bei einem Kunden, der das nicht akzeptiert und anfängt zu drohen, kann man das Hausrecht ausüben und ihn bitten zu gehen. Tut er dies nicht, muss man zur Not die Polizei rufen.“

Das sagt die Polizei: So schützen Sie sich vor Ladendiebstahl

Marc Aigner, Pressesprecher der Polizei München, ermutigt jede betroffene Buchhandlung grundsätzlich, Anzeige zu erstatten oder die 110 zu rufen, wenn sich ein Kunde oder „Urban“ konkret auffällig verhält und der Verdacht eines möglichen Diebstahls oder Betrugs vorliegt.

Wichtig sei es bei der Anzeige oder im Gespräch mit dem Streifendienst, alle Information zu geben, die man habe. „Auch Infos, von denen Sie denken, dass sie unwichtig sind, können uns helfen, den Täter zu überführen“, so Aigner. „Da wir ein Alias-Namensregister führen, sind auch alle Namen, mit denen sich ein Betrüger vorstellt, von Bedeutung. Sollten Sie den Verdacht haben, von einem seriellen oder gewerblichen Dieb betroffen zu sein, sind auch Hinweise auf andere betroffene Buchhandlungen, von denen Sie wissen, wichtig. Das ist essenziell." 

Aigner betont, dass in diesen Fällen den Polizeibeamten unbedingt der Zusammenhang erklärt werden soll, insbesondere wenn es sich um "Urban" handelt. 

Das Bedürfnis, das eigene Hausrecht auszuüben und „Urban“ oder einen anderen potenziellen Betrüger direkt abzuweisen, versteht Aigner. Er empfiehlt dennoch, die Polizei einzubeziehen, und die 110 anzurufen, wenn sich der „Kunde“ noch im Laden befindet.

Außerdem betont er, dass Sicherheitskameras und entsprechende Hinweise auf eine Videoaufzeichnung Täter abschrecken können – oder bei der Auflösung nach dem Diebstahl von Bedeutung sind.