Kolumne von Martina Bergmann

Mehr Einsame in der Buchhandlung

12. Oktober 2020
von Börsenblatt

Den Corona-Sommer in der Buchhandlung mit den vielen Einsamen und Gesprächsbedürftigen hat Martina Bergmann als ziemlich anstrengend empfunden. Ihren Kolleg*innen rät die Börsenblatt-Kolumnistin und Buchhändlerin aus Borgholzhausen: Seien Sie nett zu sich selbst!

Martina Bergmann

Während des Lockdown zitierte eine Freundin am Telefon den "Herbsttag" von Rainer Maria Rilke: "Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben". Das war im April, bei herrlichster Sonne. Ich hatte allerdings nicht den Eindruck, dass mir viel fehlte. Dieses und jenes Sommerplaisir, meinetwegen. Aber ich würde mich nicht zu einer Klage darüber versteigen, dass ich mich im Freibad anmelden, dass ich im Restaurant meine Telefonnummer hinterlegen sollte. Ich fand und finde, wir wurden und werden in Deutschland gut regiert. Beschwerden, kundenseitig, kamen dann auch vor allem von dort, wo sich immer aufgeregt wird. Zuhören, ja, das schon. Im Einzelhandel lauscht man vielem, den lieben langen Tag. Und dass ich mir vieles von jenen anhöre, denen sonst niemand ein Ohr gibt, ist wohl auch Teil des Jobs.

Corona-Sommer: Mehr Einsame in der Buchhandlung

Neben den immer schon Einsamen, die in jede Buchhandlung gehören wie der Piximann und, irgendwo, ein Kater Findus, die Tigerente und einige verblichene Lesezeichen mit Motiven von Munch und Klimt: Das ist normal. Es wurden nur, gefühlt, in diesem warmen, hellen Sommer immer mehr. Postkarten von Edward Hopper, um im Bild zu bleiben. Ich habe eine ganze Wand von Situationen der Verlassenheit vor meinem inneren Auge - und da war es jeweils warm. Man konnte draußen sein, sich auch vor der Ladentür auf Stühle setzen und, auf Abstand, länger reden. Ich hatte nicht den Eindruck, irgendwelchen Personen aufgrund von Corona Kommunikation schuldig zu bleiben. Aber ich merkte, der Sommer zehrte. Das tut er sonst nicht. Normalerweise strengen mich der späte Oktober an, ein dunkler November und, im neuen Jahr, der letzte Winterrest. Dann haben die Menschen oft einen Flor von Tristesse, der mich müde macht.

Kein Abstand, weder körperlich noch bei den Gesprächsinhalten

Umfrage bei Kolleg*innen: Geht es euch genauso? Sie verstehen mich alle, interessanterweise davon unabhängig, ob sie im Dorf oder in Städten arbeiten, ob ihnen die Buchhandlung gehört oder sie angestellte Mitarbeiter*innen sind. Sie berichten, mit den Masken sei es zäh, und längst nicht jeder hielte den gebotenen Abstand, ob nun körperlich oder auch den Gesprächsinhalt betreffend. Als müssten die Kund*innen ihren Content irgendwo lassen, ohne Rücksicht auf die Konvention.

Das stimmt, auch hier. Viele Besucher bemerken nicht, wenn man innerlich abschweift. Wie oft habe ich in diesem Jahr gesagt: "Jaja", hoffend, mein Gegenüber deute es als die freundliche Aufforderung, den Monolog zu beenden. Wie oft habe ich dazu geschwiegen, dass irritierend viele Personen auf konkrete Fragen nicht sinnhaft antworten? Etwa die Entscheidung zwischen Festeinband und Taschenbuchausgabe mit "Dienstags essen wir Nudeln" kommentieren oder zwischen Papp- und Plastikschnellhefter sich für einen Adventskalender entscheiden, im August?

Seien Sie nett zu sich selbst!

Sind Gespräche ein Format, das man so schnell verlernt? Ich vermute, die Leute haben anderes im Kopf, reale Sorgen oder, abstrakt, Angst. Das kann ich nachvollziehen, und doch strengt es mich an. Egal, wie schön die Kassen gerade klingeln und wie gern uns all die Amazon-Retouren neuerdings haben: Noch nie war ein Sommer im Buchladen so anstrengend. Da Corona sich wieder stark verbreitet, die dunkle Jahreszeit erst kommt und, insbesondere, dies eine Kolumne für den Buchhandel ist, hier eine Meinung zum gesunden Überwintern: Seien Sie nett zu sich selbst! Hängen Sie lichte Bilder auf, belohnen sich stetig und loben sich für Ihre eigene Kraft. Das tut sonst nämlich keiner. Die vielen einsamen Seelen da draußen sind mit sich beschäftigt, die nehmen mehr als dass sie geben. Mit Rilke: Schreiben Sie lange Briefe, an Menschen, die Sie mögen oder auch an mich. Damit Sie Ihre Kraft bewahren und bei Gesundheit und Laune weiter Bücher verkaufen.  

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