Filialisten gründen gemeinsame Vertriebsgesellschaft

Osiander und Thalia schreiten Seit' an Seit'

22. Oktober 2020
von Torsten Casimir

Es gibt Entscheidungen, die verändern ein Unternehmen. Und es gibt welche, die verändern eine ganze Branche. Die sind historisch. Um solch eine Entscheidung geht es in dieser Geschichte.

Hartmut Falter, Michael Busch, Christian und Heinrich Riethmüller (von links)

"Abbau der Geheimnistuerei"

Zwei Rückblenden. 1971 wurde die Osiandersche Buchhandlung 375 Jahre alt. Zu dem Anlass machte sich der damalige Geschäftsführer Konrad-Dietrich Riethmüller, Vater von Hermann-Arndt und Heinrich, festschriftliche Gedanken über die Zukunft des Buchhandels. Der Quereinsteiger (er hatte zuvor ein Fuhrunternehmen) schrieb Folgendes: „Mit dem Abbau der Geheimnistuerei unter den Kollegen wird Hand in Hand ein dringend notwendiger Ausbau der Kooperation gehen. Warum sollen Kollegen am Ort nicht beim Einkauf zusammenarbeiten können, um dadurch bessere Konditionen erzielen zu können? Warum sollen sie nicht auch verschiedene Hilfsmittel und Geräte zusammen anschaffen und verwenden können?“

Im Juni 2016 feierte Osiander im Tübinger Sparkassen-Carré das 420-jährige Bestehen. Dort sagte der Geschäftsführer Christian Riethmüller mit Blick auf den zuletzt forcierten Wandel im Unternehmen: „Osiander hat immer den Mut, sich zu verändern und neue Wege zu gehen.“ Und der als Festredner gebuchte Philosoph Richard David Precht sekundierte: „Es kommen extrem turbulente Zeiten auf uns zu.“

Osiander-Vertriebs-Gesellschaft OVG

Genug der Prologe – zur Gegenwart: Sie kommt, wie von den Herren vorausgedacht. In seinem 425. Jahr hat sich der führende süddeutsche Buchhandelsfilialist zu einer umfassenden Partnerschaft mit dem nationalen Branchenprimus im stationären Buchhandel Thalia Mayersche entschlossen: Zusammengeführt in einer „Osiander-Vertriebs-Gesellschaft“ (OVG), an der Thalia Mayersche die Anteilsmehrheit hält, werden künftig IT, Webshop, Einkauf und Logistik vollständig auf der neuen Plattform des Partners aus Hagen betrieben. Dessen Infrastruktur – das SAP-Warenwirtschaftssystem Thawis ebenso wie der Thalia-Webshop, das Zentrallager in Hörselgau sowie das gesamte Steuerungs-Netzwerk – steht den Tübingern zur Verfügung. Thalia übernimmt damit wichtige zentrale Dienstleistungen für Osiander.

Das "interne Geschäftsmodell" auf einen Satz gebracht: Die OVG bezahlt für die Nutzung der technologisch in den vergangenen Jahren hoch aufgerüstete Plattform von Thalia. Hartmut Falter, Co-Geschäftsführer von Thalia Mayersche, beziffert die Investitionen, die in die Thalia-Plattform geflossen sind, auf einen "hohen einstelligen Millionen-Betrag".

Christian Riethmüller

Christian Riethmüller sieht für Osiander-Kunden viele Pluspunkte der Kooperation. „Es gibt neue Omnichannel-Services, etwa eine Reservierungsfunktion, die App, die Chance, an Payback teilzunehmen, die gegenseitige Akzeptanz von Gutscheinen“, zählt er auf. Im Omnichannel-Handel freuen sich die Tübinger auf ihren Aufstieg in die Champions League der Einzelhändler. „Unsere Suchmaschine im Webshop wird besser. Wir haben stationär wie online ein stark erweitertes und gut verfügbares Produktangebot. Und unser Kundencenter verbessert sich durch die weiterentwickelte Infrastruktur.“

Osiander-Chef Heinrich Riehtmüller

Heinrich Riethmüller

Christians Onkel und Co-Geschäftsführer Heinrich Riethmüller ist überzeugt, dass ein Bündel an Vorteilen für die Verlage eine große Chance bedeutet. „Die Verlage werden von unserer Stabilität langfristig profitieren, sie werden weitere Umsatzsteigerungen erleben, gerade auch im Webshop. Und vor allem können wir mit den neuen technischen Möglichkeiten viel genauere Analysen unserer Verkäufe anbieten und gemeinsam die damit verbundenen Möglichkeiten nutzen.“ Das sei eine gute Grundlage dafür, „auch neue Umsatzpotenziale zu heben“, ergänzt Christian. Er sei sicher, „dass die Verlage die Chancen und Vorteile dieses Modells erkennen und nutzen werden“.

Die Verlage werden von unserer Stabilität langfristig profitieren

Heinrich Riethmüller

Im Prinzip ein Joint Venture

Osiander gibt seine rechtliche Eigenständigkeit nicht auf. Die Buchhandlungen, das Personalwesen, alle weiteren Expansionspläne, die Sortimentsgestaltung und das Marketing bleiben in Tübinger Regie. „Wir stützen uns auf die Sortimentsauswahl von Thalia, wählen daraus aus und runden das Sortiment dann mit Osiander-spezifischen Sortimentsschwerpunkten ab. Die Abwicklung  unseres gesamten Warenflusses  erfolgt aber über die Thalia-Plattform“, sagt Heinrich Riethmüller.

Die OVG müsse man sich „im Prinzip als ein Joint Venture vorstellen, an dem Thalia die Mehrheit hält“, erläutert Christian Riethmüller. Es werde Dienstleistungsverträge der OVG sowohl mit Thalia als auch mit Osiander geben. Osiander wird Christian Riethmüller und seinen kaufmännischen Leiter, Thomas Reif in die OVG-Geschäftsführung entsenden, Thalia schickt Ingo Kretzschmar, der in seinem Haus für den stationären Buchhandel Verantwortung trägt. Riethmüller wird Sprecher dieser neuen Geschäftsführung. Weiteres Personal ist für die OVG, deren Sitz Tübingen sein wird, nicht geplant.

Tübingen und Hagen Seit‘ an Seit‘: Das ist nun der mit Spannung erwartete Pilot zu dem von Thalia vor einem Jahr angekündigten Partnerschaftsmodell für unabhängige Buchhandlungen. „Wir wollen weiterhin kleinere Buchhandlungen und regionale Filialisten davon überzeugen, auf die Branchen-Plattform von Thalia zu kommen und dabei die eigene regionale Verwurzelung zu erhalten“, hatte Anfang August 2019 Thalias CEO Michael Busch erklärt – das war kurz nach der Megafusion mit der Mayerschen. Unter allen denkbaren Piloten ist es jetzt das XXL-Format geworden.

Die mächtige Konstellation hat, wie Thalia-Chef Michael Busch am Donnerstag in einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz erläuterte, mehr als nur eine nationale strategische Komponente. Es gehe letztlich um nicht weniger als darum, "die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Buchhändler gegenüber multinationalen Konzernen zu stärken".

Der Feind meines Feindes...

Emotionsseitig muss zwischen Tübingen und Hagen eine Menge passiert sein. Noch in den späten Nullerjahren gehörte zu den beliebten Erzählvorräten der Riethmüllers die Geschichte, wie man als Platzhirsch in Reutlingen den Avancen von Michael Busch widerstand, der dort ein Auge auf Osianders Großfläche geworfen hatte; wie es daraufhin Thalia 2006 auf eigene Faust probierte, sich zu etablieren, was sieben mühsame Jahre später mit dem kleinlauten Rückzug der Hagener enden sollte.

Michael Busch

Heute reden Heinrich und Christian Riethmüller mit hohem Respekt über den einstigen Wettbewerber und vor allem über dessen Chef. Die Beziehung sei seit Jahren „vertrauensvoll und freundschaftlich“, beteuert der Jüngere. „Michael Busch ist für mich ein faszinierender Unternehmer. Der hat eine Vision. Und was er sagt, das gilt“, lobt auch der Ältere. Michael Busch äußert sich ebenfalls wertschätzend über die neuen Partner im Verbund: "Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit in klar definierten Themenfeldern mit einer weiteren bedeutenden Unternehmerfamilie unserer Branche."

Alle Beteiligten glauben mittlerweile an den strategischen Vorteil großer Allianzen – ein Lieblingsthema Buschs seit Jahren. Der hat solche Verbundprojekte bereits mehrmals erfolgreich geformt, mit der tolino-Allianz, später durch den Zusammenschluss mit der Mayerschen, in der akuten Corona-Krise dann mit der spartenübergreifenden Web-Initiative „Shop daheim“, bei der Osiander mit im Boot sitzt. „Unser großer, gemeinsamer Wettbewerber heißt Amazon“, sagt Heinrich Riethmüller. „Allein sind wir alle in der Branche zu klein, um dieser Übermacht etwas entgegenzusetzen.“

Das alte Lied: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Hat quasi Amazon die Thalia-Osiander-Freundschaft gestiftet?

Als Inhaber lebt und denkt man noch einmal anders.

Christian Riethmüller

Am Rand der Wirtschaftlichkeit

So formuliert, wäre der Befund den Riethmüllers zu kurz gegriffen. Das Vertrauen zueinander sei von anderer Qualität als ein bloß marktstrategisches Kalkül. „Michael Busch ist heute nicht mehr nur Geschäftsführer, er ist auch Inhaber, und als Inhaber lebt und denkt man noch einmal anders“, betont Christian Riethmüller, der in seinem eigenen Unternehmen auch schon seit 16 Jahren zum Gesellschafterkreis gehört. „Wenn Thalia heute noch in den Händen eines Private-Equity-Investors liegen würde, hätte ich einer so weitreichenden Partnerschaft nie und nimmer zugestimmt.“

So aber spricht die Tübinger Buchhändlerfamilie, auch mit Blick auf den Dritten im Bunde, die Mayersche, von einer Freundschaft der Inhaberfamilien, von einem gemeinsamen Verständnis der Tradition, vom besonderen Wert familiengeführter Unternehmen. Alle bei den Riethmüllers wie auch alle Nicht-Familienmitglieder der Geschäftsleitung stünden „komplett hinter dieser Kooperation“, versichern Heinrich und Christian unisono. Das sei übrigens auch für Manuel Herder, den Thalia-Mehrheitsgesellschafter, und Michael Busch eine unabdingbare Voraussetzung gewesen: „In so eine Partnerschaft können wir nur reingehen, wenn die ganze Familie es will“, sollen sie gesagt haben.

Zur ökonomischen Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Riethmüllers es zuletzt nicht gut nicht hätten wollen können. Osiander hat mit Krisen zu kämpfen, die selbst ein gesundes Traditionsunternehmen an den Rand seiner Wirtschaftlichkeit bringen. Die Tübinger mussten in kurzer Folge gleich mehrere Rückschläge einstecken:

•          Im Mai 2019 brachte ein Computervirus die Buchhandlungen wochenlang zum Stillstand, IT-seitig ging nichts mehr. Es muss schlimm gewesen sein, so schlimm, dass rückblickend selbst ein ausgewachsener Optimist wie Christian Riethmüller das Wort „Existenznöte“ ins Spiel bringt.

•          Das gemeinsam mit der Mayerschen (vor deren Fusion mit Thalia) ins Werk gesetzte SAP-Projekt gelangte nicht ins Ziel. Noch immer leidet Osiander unter einem veralteten, unsicheren und instabilen IT-System.

•          Schließlich betrat das Coronavirus die Bühne, der Lockdown wurde verhängt, das stationäre Geschäft brach vorübergehend ein.

In einer solch angespannten Lage haben Aussichten auf performantere Technik, effizientere Prozesse, bessere Einkaufskonditionen und am Ende höhere Renditen etwas Unwiderstehliches. So kommunizieren es die Riethmüllers auch ihrer Belegschaft: „Wir sichern eine leistungsgerechte Bezahlung. Wir können langfristig möglichst viele Arbeitsplätze erhalten. Und wir bekommen durch ein deutlich besseres IT-System endlich in vielen Bereichen die Arbeitserleichterungen, auf die unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter warten.“ Auf diese Punkte bringt Heinrich Riethmüller die internen Vorteile der Kooperation mit Thalia.

Jobverluste nicht zu vermeiden

An einer Stelle wird es dennoch zu Jobverlusten kommen. 32 Arbeitsplätze werden mit dem Ende des nicht mehr benötigten (und ohnehin längst überlasteten) zentralen Wareneingangs von Osiander in der Waldhörnlestraße, einer Tübinger Randlage, wegfallen. Ein Teil betrifft studentische Aushilfen. Etwa 15 Mitarbeiter in der Logistik seien aber schon lange bei Osiander beschäftigt, erläutern die Geschäftsführer; diese Beschäftigten wolle man „bei der Suche nach einem neuen Job unterstützen“.

Mit der Bekanntgabe der Kooperationsabsicht setzt nun eine kartellrechtliche Prüfung ein. Die Riethmüllers hoffen auf grünes Licht der Wettbewerbshüter noch in diesem Jahr. Läuft alles nach Plan, könnten bei Osiander im April 2021 die ersten Läden auf das neue Modell umgestellt werden, bis Ende September will man dann schrittweise mit allem durch sein. Bis dahin müssen die alte Logistik und das in die Jahre gekommene IT-System noch ihren Dienst tun.

2021 soll dann abermals gefeiert werden: der 425. Firmengeburtstag steht an. Vermutlich werden die Nachgeborenen noch einmal aus der 1971er Festschrift zitieren. Konrad-Dietrich Riethmüller schloss damals seine Überlegungen zur Zukunft mit diesen Worten: „Wichtig ist, dass wir mit der Zeit, in der wir leben, vernünftig weitergehen, dass wir das Erhaltenswerte bewahren und für das Neue kritisch wägend aufgeschlossen sind.“

Es gibt Entscheidungen, die trifft eine Geschäftsführung ohne viel Federlesens allein. Nach viereinviertel Jahrhunderten Unternehmensgeschichte gibt es aber auch welche, die sind historisch. Dann greifen die Heutigen dankbar auf Argumente der Altvorderen zurück. Erst recht, wenn deren Worte sich lesen, als seien sie erst gestern geschrieben worden.

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