Betriebsferien im Buchhandel

Sommerpause oder offen halten?

30. Juli 2020
von Sabine van Endert

Die Buchhandlung Barz in Kiel macht Sommerpause, die Buchhandlung Eberl in München hat in der zweiten Augusthälfte geschlossen, Prior und & Mumpitz in Berlin-Prenzlauer Berg ist am 3. August wieder für ihre Kunden da. Betriebsferien sind im inhabergeführten Buchhandel keine Seltenheit – und Corona hat nichts daran geändert.

 

Sinnvoll kalkulieren: Sparen Betriebsferien mehr Kosten, als die Öffnung Umsatz einbringen würde?

„Wir begeben uns 10 Tage in den Lockdown, um unseren Lesestapeln die Chance zur Verflüchtigung zu geben“, kündigte das Wiesbadener Buch-Cafè Nero39 ihren Urlaub auf der Website an. Corona hat den kleinen Unternehmen einiges abverlangt, da tut eine kleine Auszeit gut.

Die Buchhandlung in der Nerostraße hat auch in den vorherigen Jahren ein bis zwei Wochen im Sommer ihre Türen geschlossen. Eine Pause, „um zu regenieren und mit frischem Geist und neuen Ideen unser Buch-Café Nero39 weiterzuentwickeln“, wie Inhaber Christopher Deyer sagt.
Als reiner Familienbetrieb hat die Buchhandlung keine Angestellten, die übernehmen könnten.

Die Urlaubszeit mit einer Zweitbesetzung zu überbrücken, ist für Deyer zwar eine Option, einfach zu realisieren scheint es ihm aber nicht: Über eine Urlaubsvertretung durch mobile Buchhändler habe man schon nachgedacht, tendiere mittelfristig aber dazu, „fest integrierte Neroianer anzustellen“. Das besondere Konzept mit deutschen und englischsprachigen Büchern plus Gastronomiebereich stelle „doch recht spezifische Herausforderungen an das Tagesgeschäft“, meint Deyer.

Und die Umsatzverluste während der temporären Schließung? Viele Stammkunden würden im Sommer ihrerseits aus der Stadt flüchten, vor und nach den Betriebsferien käme es zu kleinen Peaks im jeweiligen Wochenumsatz. Obwohl Deyer seine Ferien auf allen Kanälen inklusive Kassenbon ankündigt, kommt die Nachricht nicht bei allen Kunden an: Nicht selten würde er von Kunden angesprochen, die dann doch vor verschlossener Tür gestanden hätten. Verständnis hätten seine Kunden aber durchaus.

 

Kundenkommunikation im Stadtteil

Auch Klaus Kowalke schließt seine Buchhandlung Lessing und Kompanie in Chemnitz in der Ferienzeit regelmäßig für eine Woche. Eine weitere Woche führt seine Mitarbeiterin den Laden allein, allerdings mit leicht verkürzten Öffnungszeiten. Kowalke: „Wir können und dürfen unserer Mitarbeiterin keine 11-Stundenschicht aufbürden und dies noch ohne Pause.“ In der Kundenkommunikation sieht er kein Problem: „Unsere Öffnungszeiten sind ganzjährig unverändert, die Kommunikation mit unserem Stammpublikum läuft so gut, dass wir keine Probleme mit einer kurzfristigen Veränderung haben. Wir sind eine Stadtteilbuchhandlung, hier kennt man sich ...“ Mobile Buchhändler könnten sich nicht in seine Buchhandlung nicht kurzfristig vertieft einarbeiten, außerdem wären die zusätzlichen Kosten nicht rentabel im Hinblick auf den Umsatz in dieser Zeit, meint er.

"Meine Auftragslage ist seit März bescheiden", sagt Maria Hermann, die dem Buchhandel am mobile Buchhändlerin Lösungen für Engpässe anbietet. Durch Corona seien mehrere Aufträge storniert worden, da die Buchhändler ihren geplanten Urlaub nicht hätten antreten können. 

Betriebsberater Jörg Winter

Jörg Winter: "Verlässliche Öffnungszeiten sind ein hohes Gut"

Jörg Winter arbeitet seit über 30 Jahren als Trainer, Coach und Berater für Handelsunternehmen, u.a. für den Buchhandel:  

Was raten Sie dem Buchhandel: Schließen oder offen halten?
Jörg Winter: Ein Ladengeschäft lebt von seiner Kundenfrequenz. Verlässliche Öffnungszeiten sind ein hohes Gut, damit Kund*innen ihr Vertrauen in eine Buchhandlung behalten. Aus Kostengründen Öffnungszeiten deutlich zu reduzieren birgt das Risiko, Kundenbindung dauerhaft einzubüßen. Der Besuch im Laden ist unverändert das entscheidende Kundenerlebnis, das ohne Not nicht beschädigt werden darf. 

Ist es heute leichter, in den Ferien für ein, zwei Wochen zu schließen, weil die Kommunikation mit den Kunden dank Facebook, Newsletter usw. einfacher geworden ist?
Jörg Winter: Was die Online-Kommunikation mit den Kund*innen betrifft: Sicher waren die sozialen Medien in den zurückliegenden Monaten für die Kundenpflege und -kommunikation enorm wichtig. Ein Zusammenhang zwischen Umsatzerfolg und guter Präsenz bei Instagram und Facebook ist meinem Kundenkreis eine eindeutige Erkenntnis. Daraus zu schließen, dass mit diesen Tools Kundentreue über eine Zeit der Ladenschließung gehalten werden kann, halte ich allerdings für sehr gewagt. Unverändert gilt: Machen Sie es Ihren Kund*inne so leicht wie möglich, mit Ihnen Umsatz zu machen. Denn Umsatz ist die wichtigste Messgröße für Kundenzufriedenheit.