Kolumne von Martina Bergmann

Zwischen Körnern und Klümpchen

27. Juli 2021
von Börsenblatt

"Nachhaltig" hieß früher "alternativ" meint Martina Bergmann. Die Buchhändlerin freut sich, dass das das Alternative von einst unter einem neuen Etikett heute breiter anschlussfähig ist. Selbst in Borgholzhausen. 

Martina Bergmann

Das Thema ist nicht neu, es hieß früher nur anders. Statt "nachhaltig" sagte man "alternativ", und die Attribute waren eher subversiv als moralisch belegt. Personen, die im sogenannten Ökoladen vollwertig einkauften, fuhren mit röhrenden Autos und rauchten oft Kette. Nicht alles daran war glaubwürdig, aber vieles brauchbar und originell.

Die Bücher zum Beispiel. Die alternative Szene der 1980er Jahre kennzeichnete ein publizistischer Elan, der, subversiv oder nicht, durch die Stadtbibliothek noch in konservativste Haushalte geriet. In meine Familie zum Beispiel, wo bis heute ungeklärt ist, ob wir Kinder vollwertig aßen, weil die Bücherei all diese Anleitungen auszuliegen hatte, weil es tatsächlich sehr gesund ist oder auch, weil Teile der Umgebung das wahnsinnig nervte. Sie reichten Nahrungsergänzungsmittel aus dem Werksverkauf von Firma Storck.

Wir wuchsen also zwischen Körnern und den sogenannten Klümpchen auf; unbeschädigt. Dann kam 1989, und anderes wurde interessanter. Ich verlor diese alternative Szene mit ihrer ganz eigenen Folklore aus den Augen, die Bücher sowieso. Im allgemeinen Sortiment waren sie nach meinem Gefühl nie so präsent wie in den Einrichtungen der öffentlichen Hand. Und jetzt? Wir haben in der Buchhandlung mehrere Regalmeter mit Natur- und Gartenbüchern, die anderes wollen. Wilde Gemüse, alte Sorten, Sauerteig.

Bei den Kreativbüchern: Upcycling, nachhaltige Mode, selbst Gestricktes und Gefilztes. Wir verkaufen es alles ziemlich gut, auch in Milieus, die bis heute garantiert kein Reformhaus von innen gesehen haben und (meine persönliche Hölle) nie zu Kannes Brottrunk genötigt wurden, weil der zwar fürchterlich schmeckt, aber man wird 100 oder so. Die nachhaltigen Bücher sind mehrheitsfähig geworden; vielleicht, weil jeder sieht und spürt, es ist allerhöchste Zeit, dem Plastik abzuschwören. Deswegen ist jedes verkaufte (und gelesene) Buch über Nachhaltigkeit eins für den guten Zweck.

Nachhaltigkeit ist aber auch ein Feld der Distinktion. Das war schon so, als die von strengen Eltern gefürchteten rotgefärbten Studienrätinnen im VW-Bulli ihre Kinder zu verderben drohten. Damals ging es aber nicht um Geld. Heute zeigt, wer ein opulentes Kochbuch kauft, damit auch an, er kann sich die Mandelmilch, den Tofu leisten. Privatsache? Ja und nein. Als Buchhändlerin geht es mich nichts an; mögen die Leute kaufen, was sie wollen.

Als das heute nostalgische Körnerkind von einst: War ich bei Mama, am Wochenende. Habe die viel geliebten, abgenutzten Bände betrachtet: Strawbridges "Selbstversorger", den "Biogarten" von Marie-Luise Kreuter und verschiedenes braun oder grün Gedruckte auf grobem Papier. Vieles davon Konterbande, die man auf eng linierten Kärtchen gegen Rückporto von sonstwo beschaffen musste. Insofern ist es also doch ganz schön, dass das Alternative von einst unter einem neuen Etikett heute breiter anschlussfähig ist. Man kann es mit dem Bücherwagen kommen lassen, welcher ja schon nachhaltig war, als das noch lange nicht so hieß. 

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