Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs zum Anti-Kanon

Denis Scheck am Stammtisch

19. Juli 2021
von Börsenblatt

Der Literaturkritiker Denis Scheck macht eine Liste der für seinen Geschmack schlechtesten Bücher der Weltgeschichte auf. Effekthascherei auf schwachem Niveau, meint die Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs.

Karin Schmidt-Friderichs

Dieser Meinungsbeitrag wurde Freitag früh verabredet. Er kommt erst jetzt, weil heute das Nachwuchsparlament in Frankfurt tagte und weil ich als Vorsteherin dort teilgenommen habe. Inzwischen ist einiges zu Denis Schecks Anti-Kanon gesagt – und doch sind noch ein paar Fragen offen:

Ein neues Literaturformat im Öffentlich-Rechtlichen, während andernorts Sendeplätze gestrichen werden – da muss der Börsenverein doch Freudensprünge machen! Ich nehme also Anlauf und klicke.

Man kann sich das Paradies ganz in Weiß und langweilig vorstellen, das ist eine Frage des Geschmacks. Man kann auf der langen Liste der Special Effects Blitze aus der Hand "Gottes" entdecken und Bücher damit "in Flammen aufgehen" lassen. Das kann man auch, ohne dabei an Bücherverbrennung zu denken. Ob der Effekt damit geheiligt ist – ich weiß es nicht.

Man kann dem literarischen Kanon einen Anti-Kanon entgegensetzen und sich wortgewaltig am Verriss erfreuen, das muss sie aushalten, die Branche, die natürlich lieber sähe, wenn sich jemand mit derartiger Sprachkraft auf die Suche nach den vielen Trüffeln der Literatur machte.

Ich schaue also Freitag früh auf der Fahrt nach München Filmchen.

Zu diesem Zeitpunkt ist "Mein Kampf" noch als erstes schlechtestes Buch der Weltgeschichte online. Und Scheck, den ich nie sprachstolpern sah, stockt zumindest. Denn "Mein Kampf" ist nicht als Buch zu besprechen. Dieses Buch ist Kontext pur, so kann der kühnste Verriss auch nur holpern.

Ich weiß nun, wie sich fremdschämen anfühlt und klicke weiter.

In Folge zwei wählt Scheck Paulo Coelho und in mir keimt ein Verdacht: Geht es am Ende nur um Clickbaiting? Man muss ja nur an einer beliebigen Stelle in den "Alchimisten" hineinlesen, er disqualifiziert sich literarisch selbst. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, bei einem seriösen Literaturkritiker nachzuschauen, auf welchen Spitzenplatz der ernsthaften Literatur dieses Buch geklettert ist. Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen wurden schließlich auch noch nie mit der Goldenen Palme in Cannes geehrt.

Nun bin ich dabei und klicke weiter.

Ich muss dazu sagen, dass ich Denis Scheck mag. Ich mag ihn nicht nur, ich schätze und bewundere ihn.

Während ich das denke, lädt Filmchen Nummer drei. Das Weiß nervt nun doch etwas. Scheck tritt nun Sebastian Fitzek mit Füßen und ich stelle mir einen Boxkampf zwischen Wladimir Klitschko und einem Fliegengewicht im dunkelblauen Slimfit-Anzug vor. "Die größte anzunehmende literarische Peinlichkeit auf kleinstem Raum" misst Scheck in einer neuen Maßeinheit, einem Fitzek. Da schleudert ein Wortvirtuose jemanden auf die Matte, der in diesem Sport gar nicht antreten möchte. Das ist kein Fairplay, das ist Bücher-Jahrmarkt. Wahrscheinlich gibt es Lacher.

Eine Frage der Redaktionskultur

Mir bleibt das Lachen im Halse stecken und ich beginne mich zu fragen, wie die Redaktionssitzung beim SWR wohl ablief, auf der dieses Format beschlossen wurde. War es ein Zoom-Meeting und alle hatten Corona-Fatigue, oder haben alle Mails gecheckt und keiner erinnert sich? Gab es gar kein Redaktionsmeeting? Warum hatte von den vielen von mir so geachteten Redakteur*innen keine*r den Mut, zu sagen, dass der Kaiser nackt ist und das Ganze der Humor von zugegebenermaßen wortgewandten, aber eben doch Stammtischparolen? Glaubt ernsthaft einer, das sei eine Verjüngung der Literaturkritik?

In wie vielen heftigen Diskussionen habe ich die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verteidigt, wie oft die Markenqualität "meiner" Sender SWR 2, HR2, WDR 5, Bayern 2, NDR Kultur DLF und anderer gepriesen. Wie besorgt habe ich den Bürgerentscheid in der Schweiz verfolgt, in dem die Rundfunkgebühren abgeschafft werden sollten und wie habe ich gejubelt, als sich über 70 Prozent der Schweizer für den Erhalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks samt der Gebühren aussprachen. Gerade weil dank der Rundfunkgebühren nicht jeder Unsinn zur Volksbelustigung und zum Generieren von Klicks mitgemacht werden muss.

Wo also waren die Stimmen der Markenverantwortung, als der Anti-Kanon beschlossen wurde? Wo will der SWR hin mit Formaten wie diesem?

Hinter uns liegen 16 Pandemie-Monate, Buchhandlungen mussten schließen, Unternehmen um ihre Existenz bangen. Die Menschen suchten und fanden Halt und Ablenkung im Buch, Verlage brachten trotz aller Unsicherheit und abgesagter Buchmessen viele lesens- und besprechenswerte Bücher heraus – und mein geschätzter Morgensender schießt schwungvoll längst vergilbte Trivialliteratur ins Abseits des Krisen-Jahres?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Literaturkritiker heißen Kritiker und nicht Lobhudler – und das ist gut so. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich erneuern, wenn er relevant bleiben will – also neue Wege suchen. Wer Neues wagt, setzt sich Kritik aus und macht Fehler. Das gehört dazu. Und ist kein Beinbruch.

Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass die geballte Kompetenz, Intelligenz und Erfahrung der Literaturredaktion des SWR in einer Redaktionssitzung, die diese Bezeichnung verdient, zu dem Schluss kommt, Mein Kampf, Kassandra, Coelho, Fitzek und den Tod des Märchenprinzen zum Gegenstand einer effektüberladenen Verriss-Parade zu machen.

Am Freitagnachmittag wurde das erste Filmchen Offline gestellt.

Die Animation werde geändert, der buchsprengende oder anzündende Blitz gecancelt. Ich wünsche mir, dass in einem der nächsten Redaktionsmeetings darüber gesprochen wird, was die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in einer Zeit von Hate Speech und Fake News, Corona und Hochwasserkatastrophen ist. Darüber, welche Verantwortung Sender für ihre etablierten und geschätzten Marken haben. Und darüber, ob billige Lacher über Gegner weit unter Niveau die adäquate Währung sind. Wenn das so sein sollte, dann sind auch Sie, lieber – nein geliebter – SWR nicht weit von einem Fitzek entfernt, der vermeintlich größten anzunehmenden literarischen Peinlichkeit auf kleinstem Raum…