B2B Media Days: Interview mit Marion Winkenbach, Beuth Verlag

"Die Kunden brauchen Smart Standards"

17. Juni 2021
von Michael Roesler-Graichen

Weil Planung und Produktion von Industriegütern heute weitgehend digitalisiert werden, verändern sich auch die Anforderungen an die Lieferanten technischer Fachinformation. Marion Winkenbach, Geschäftsführerin des Beuth Verlags, über die Wandlung vom Inhalteanbieter zum Provider von "Smart Standards".

Marion Winkenbach, Geschäftsführung Beuth Verlag

Neben dem klassischen Geschäft mit Fachbüchern und dem Download von Einzelnormen hat sich der Beuth Verlag zu einem Anbieter von Normen-Management-Lösungen entwickelt. Worum geht es dabei?
Wir wollen die Kunden dabei unterstützen, sich im inhaltlich immer komplexer werdenden Feld der Einzelnormen zu orientieren. Dies ist Voraussetzung, um die Normen rechtssicher anwenden zu können. Wir decken mit unserem Angebot Normen zu allen Themen aus Wirtschaft und Industrie ab – von Energietechnik, Cybersecurity über Maschinenbau bis zu Qualitätsmanagement. Das gilt auch für neue wirtschaftliche Prozesse und übergreifende Themen wie die Circular Economy oder das Building Information Modeling (BIM) im Bauwesen.

Was bedeutet es für die Praxis, dass Normen immer komplexer werden und sich in ihren Anwendungsbereichen teilweise überschneiden?
Für die Kunden wird es immer schwieriger, sich im Content-Angebot zurechtzufinden und sicherzugehen, dass sie den für ihr Geschäft passenden und aktuellen Normencontent zur Verfügung haben. Deshalb wollen wir ihnen Inhalte und Zugangswege bieten, die konkret auf einen bestimmten Bedarf zugeschnitten sind.

Die Kunden erwarten von uns künftig mehr als die vergleichsweise starren Normendokumente im Volltext. Ihre Bedarfe zielen vielmehr auf granulare, auf einen bestimmten Produktions- oder Planungsschritt bezogene Anwendungen.

Marion Winkenbach, Beuth Verlag

Wie reagieren Sie auf veränderte Bedürfnisse der Kunden – gerade im Hinblick auf die Digitalisierung der Prozesse?
Die Kunden erwarten von uns künftig mehr als die vergleichsweise starren Normendokumente im Volltext. Ihre Bedarfe zielen vielmehr auf granulare, auf einen bestimmten Produktions- oder Planungsschritt bezogene Anwendungen. Diese smarten Normen oder "Smart Standards" werden dem Kunden genau für den Kontext ausgespielt, für den er ihn braucht.

Zum Beispiel?
In der Planungs- und Konstruktionsphase eines Autos kann man beispielsweise prüfen, ob ein bestimmtes Material die gewünschten Werkstoffeigenschaften erfüllt. Bei der Konstruktion einer Brücke oder eines Bürogebäudes muss die Statik anhand bestimmter Formeln berechnet werden, die in einer Norm oder mehreren Normen hinterlegt sind. Dabei interessiert weniger der komplette Volltext der Norm, sondern oft nur eine Formel oder eine bestimmte Richtgröße. So könnte man künftig beispielsweise zur Erleichterung von Konstruktionsprozessen in der Werkstoffplanung granulare Normeninhalte einsetzen.

Was bedeutet dieses veränderte Nutzungsszenario für Beuth als Inhalteanbieter?
Wir befinden uns auf dem Weg vom Content-Distributor zum Content-as-a-Service (CaaS)-Provider, der über eine Plattform granulare Normeninformationen bereitstellen kann. Das bedeutet im ersten Schritt die Transformation einer digitalisierten Norm (PDF) in strukturierte, maschinenlesbare Inhalte, die mit Metadaten angereichert werden, um dann am richtigen Punkt eines Konstruktions- oder Prüfungsprozesses zugespielt werden zu können. Wenn man an diesem Punkt angekommen ist, könnte man tatsächlich von Smart Standards sprechen. Das ist jedenfalls unser Ziel. Die Systematik und Datenstruktur wird künftig in der Normenanwendung wichtiger als der Inhalt der Norm selbst.

Haben Sie den Durchbruch zu Smart Standards bald geschafft?
Wir haben dafür in unserer Entwicklungsabteilung Plattformen und Prozesse ein eigenes Team geschaffen, das sich gemeinsam mit der Normenentwicklung des DIN mit der Klärung vieler Fragen im Vorfeld beschäftigt und sich auf die Suche nach den richtigen Lösungswegen macht. Dazu gehört auch die Frage des Geschäftsmodells, die noch offen ist. Noch bewegen uns hier in einem Feld der Grundlagenforschung und schließen dafür auch Kooperationen, zum Beispiel mit Universitäten. Eine Herausforderung wird auch sein, die Aktualität der Normeninhalte ständig zu überprüfen. Unsere Kunden müssen sicher sein, dass sie etwa bei der Zulassung eines Produkts immer auf den aktuellen Stand einer Norm zugreifen können.

Planung, Herstellung und Distribution von Produkten ist in manchen Industriezweigen über den gesamten Globus verteilt. Was bedeutet das für die Anwendung von Normen?
Rein nationale Normen treten mehr und mehr in den Hintergrund zugunsten internationaler Standards: In der EU wird die Mehrzahl der Normen direkt als EN-Norm angestrebt und nur noch auf die nationale Ebene gespiegelt. Die EN-Norm wird dadurch zur nationalen Norm, oder umgekehrt wird die nationale Norm als EN-Norm eingebracht. Analog dazu macht eine Entwicklung hin zu Smart Standards auch nur im internationalen Kontext Sinn. Dabei gemießen der von DIN organisierte und moderierte deutsche Normungsprozess und seine Ergebnisse international eine hohe Reputation. In den USA hingegen gibt es Normungs-Organisationen in jeder Branche. In der Normung spiegelt sich auch die internationale Politik, so zum Beispiel im Bestreben Chinas um wachsende Einflussnahme auf die internationale Normung.

Bei den B2B Media Days der Deutschen Fachpresse hält Marion Winkenbach am 17. Juni um 16.45 Uhr den Vortrag "Auf dem Weg zu Smart-Standards: Stationen digitaler Transformation in der Technischen Fachinformation". Der Online-Kongress hat am 16. Juni mit dem Pre-Conference-Day begonnen und findet bis zum 18. Juni statt. Das Programm finden Sie hier.