Interview mit Stephan Schierke und Harald Horstmann, VVA

"Es wird immer volatiler bestellt"

30. Juli 2021
von Michael Roesler-Graichen

Effizienzsteigerung und Automatisierung bei Auslieferungen sind auch Antworten auf das veränderte Bestellverhalten im Buchhandel, nicht erst seit Corona. Die VVA in Gütersloh hat daher 2020 ein automatisches Shuttle-System in Betrieb genommen, das die Schlagzahl deutlich erhöht. VVA-Geschäftsführer Stephan Schierke und Harald Horstmann, Bereichsleiter Technik / Logistik bei der VVA, über das neue System und seine Nachhaltigkeitseffekte.

Stephan Schierke  und Harald Horstmann (von links)

Automatisierung ist für die gesamte Buchbranche ein Thema, auch für den Zwischenbuchhandel. Wann hat die VVA damit begonnen?
Stephan Schierke: Spätestens vor mehr als 40 Jahren mit dem Bau des vollautomatischen Hochregallagers und dem Fahrerlosen Transportsystem. Ein Quantensprung war dabei die Einführung des "Ware-zur-Person"-Prinzips vor 15 Jahren. Mit dem Intra-Logistikspezialisten SSI Schäfer haben wir seinerzeit ein automatisches Kleinteilelager (AKL) für diverse Lagerartikel und zahlreiche hochdynamische Karussellsysteme für B- und C-Artikel konzipiert. Damit wurden die Wege im Lager deutlich verkürzt und die Schlagzahl erheblich erhöht. Insgesamt gibt es 24 Karussells, die mit je 1.000 Artikeln bestückt sind und die bestellten Bücher direkt an den Arbeitsplatz bringen.

In den vergangenen Jahren gab es viele Neuzugänge. Sind Sie da an Kapazitätsgrenzen gestoßen?
Schierke: Ja, durchaus. Um das stark steigende Volumen zu bewältigen und weiter wachsen zu können, haben wir 2020 ebenfalls mit SSI Schäfer ein automatisches Shuttle-System in Betrieb genommen, das den Artikeldurchsatz erheblich gesteigert hat. Pro Jahr können  allein hier 16 Millionen Buchexemplare umgeschlagen werden, dafür stehen rund 40.000 Lagerplätze zur Verfügung.

Worin unterscheidet sich das Shuttle-System von der Bestandsanlage?
Schierke: Durch den automatisierten Transport von Artikeln innerhalb der Regalfächer kann es die Vorzüge eines AKL mit denen der Karussellsysteme kombinieren – und dies auf kleinster Fläche. Unser Shuttle-System kommt mit nur 900 Quadratmetern aus. Jeder der fünf neuen Arbeitsplätze kann zudem in kürzester Zeit mit jedem Artikel bedient werden, so dass die ansonsten notwendigen Stopps an mehreren Arbeitsplätzen vermieden werden können.

Es ist branchenübergreifend das weltweit erste System, das in allen seinen Ausprägungen so gebaut wurde.

Stephan Schierke

Wird die Shuttle-Technologie erstmals in einer Verlagsauslieferung eingesetzt?
Schierke: Es ist branchenübergreifend das weltweit erste System, das in allen seinen Ausprägungen so gebaut wurde.
Harald Horstmann: Es handelt sich um die erste Anwendung der 3D-Matrix Solution von SSI Schäfer in Kombination mit einem Shuttle für jede Lagerebene in jeder Gasse. Durch die Integration in die Regale konnte die Anzahl der Heber für den vertikalen Transport und damit die Leistungsfähigkeit des Systems deutlich erhöht werden. Zudem wurden erstmalig die Arbeitsplätze direkt auf dem Lagerblock installiert. Dadurch wurde die besonders hohe Flächeneffizienz erreicht.

Wie viel haben Sie in die neue Anlage investiert?
Schierke: Unter dem Strich deutlich über zehn Millionen Euro. Kostenintensiv war insbesondere die vorsichtige Einbindung in die Bestandsanlage im laufenden Betrieb, Schritt für Schritt. Genauigkeit ging hier vor Geschwindigkeit.
Horstmann: In der Tat haben wir die neue Anlage an die bestehenden Schäfer-Systeme und das Hochregallager angeschlossen, ohne die Produktion zu beeinträchtigen. Am Ende hatten wir keinen einzigen Tag Produktionsausfall. Nach der Inbetriebnahme des Shuttle-Systems wird aktuell die Bestandsanlage in einem Retrofit-Projekt modernisiert.

Das Shuttle-Lager soll weiteres Wachstum ermöglichen. Gibt es weitere Interessenten?
Schierke: Wir hatten viele Neuzugänge in der jüngsten Zeit, unter anderem den Taschen Verlag. Und wir wissen bereits, dass bis Mitte 2022 drei weitere namhafte Verlage zu uns wechseln, die bereits zugesagt haben. Sobald wir unser Retrofit-Projekt abgeschlossen haben, erhalten wir Kapazität für weitere sechs Millionen kleinteilig bestellte Bücher, die wir für das bevorstehende Wachstum benötigen. Außerdem gibt es bereits erste Pläne zur Erweiterung des neuen Shuttle-Systems.

Reagieren Sie damit auch auf das veränderte Bestellverhalten der Kunden?
Schierke: Das Geschäft ist in den vergangenen Jahren immer kleinteiliger geworden, die Bestellmengen werden kleiner, die Zahl der Bestellungen nimmt zu – mit dem Ergebnis, dass unsere Auslastung steigt. Genau darauf ist das Shuttle-System die richtige Antwort.
Horstmann: Es wird zudem immer volatiler bestellt, nicht nur während der Corona-Pandemie. Die Anlage – und mit ihr die IT – hilft bei der Anpassung, aber natürlich nur in begrenztem Umfang. Auch die Personaldisposition wird durch die aktuellen Entwicklungen nicht einfacher.

Nachhaltigkeit ist bei uns schon lange ein Thema. Zum Beispiel betreiben wir seit 2013 ein eigenes Blockheizkraftwerk zur Stromerzeugung, dessen Abwärme wir im Winter zum Heizen nutzen und im Sommer in Kälte für das Arvato Rechenzentrum umwandeln.

Harald Horstmann

Wie wirkt sich das Shuttle-Lager auf die Nachhaltigkeitsbilanz der gesamten Anlage aus?
Schierke: Wegen der kleineren Fläche ist der Ressourcenverbrauch niedriger, sowohl bei Heizung und Lüftung als auch bei der Energie, die für die Fördertechnik benötigt wird. Und auch die Gesundheit der Mitarbeiter*innen, im Durchschnitt rund 50 Jahre alt, steht im Fokus: Die fünf neuen Arbeitsplätze im Shuttle sind ergonomisch so gestaltet, dass unnötige Belastungen vermieden werden können: Die Arbeitshöhe ist individuell einstellbar, Lagerbehälter und Versandkartons sind auf einer Ebene angeordnet und frei zugänglich, um nur drei Beispiele zu nennen.
Horstmann: Nachhaltigkeit ist bei uns schon lange ein Thema. Zum Beispiel betreiben wir seit 2013 ein eigenes Blockheizkraftwerk zur Stromerzeugung, dessen Abwärme wir im Winter zum Heizen nutzen und im Sommer in Kälte für das Arvato Rechenzentrum umwandeln.
Schierke: Derzeit errichten wir zudem eine über 10.000 Quadratmeter große Solaranlage am Standort Gütersloh. Mit all diesen Projekten unterstützen wir das Bertelsmann-Ziel, bis 2030 klimaneutral zu arbeiten.

Wie weit sind Sie bei der Rationalisierung der Transporte zu den Kunden gekommen?
Schierke: Wir verfügen über 50 Jahre Bündelungserfahrung und haben Transportwege und -fahrzeuge konzentriert. Für uns besteht der Spagat darin, die sehr individuellen Belieferungsmodelle unserer Kunden mit einem möglichst sparsamen Fahrzeugeinsatz und Kilometerverbrauch in Einklang zu bringen. Um flexibler reagieren zu können, haben wir vor einigen Jahren beschlossen, geplante Lieferungen zu jedem Zeitpunkt neu zu priorisieren. Zum Beispiel wird ein Express-Auftrag, der nicht mehr abgeholt werden kann, geringer priorisiert als ein Bücherwagen-Auftrag, der noch übergeben werden kann. Insgesamt haben wir hierdurch die durchschnittliche Gesamtdauer der Lieferungen um einen halben Tag verkürzt.