Diese 73. Frankfurter Buchmesse hatte Wichtigeres zu bieten, als es der mediale Lärm um einen kleinen rechten Verlag vermuten lässt. Sie gab Fachbesuchern Gelegenheit zum lang herbeigewünschten Wiedersehen. Sie festigte die Erkenntnis, dass persönliche Begegnungen im Buchgeschäft nicht substituierbar sind. Sie brachte digitale und hybride Formate mit ermutigenden Reichweiten an den Start. Sie führte den Beweis, dass der Ausstieg aus Hochgeschwindigkeitstaktungen einen Gewinn an Business-Qualität mit sich bringen kann. Und sie setzte ihren Weg hin zu einem Bücherfest fort, dessen Publikumsseite immer wichtiger wird: Autoren in den Mittelpunkt zu stellen, ohne im Fachprogramm an Relevanz zu verlieren – das könnte langfristig ein Alleinstellungsmerkmal Frankfurts in der Messelandschaft sein.
Über all das hätte man Interessantes schreiben und senden können. Es kam anders. Ein rechtsextremer Verlag namens Jungeuropa aus Dresden, der realiter klein am Rand und nicht groß im Mittelpunkt stand, ging steil in den sozialen wie auch den traditionellen Medien. Sein Verleger kann sich bei Antirassismus-Aktivistinnen bedanken. Denn die haben mit Boykott und Statements gegen die Buchmesse den akkurat Gescheitelten die Beachtung erst verschafft, die diese nicht verdienen.
Der Streit über die richtige Handhabung der Meinungsfreiheit, um die es auf jeder Buchmesse immer wieder geht, ist dieses Mal missglückt. Gespräche, die auf Verständigung zielen statt auf Erregungsaufbau, gab es zu wenige. Eskalationen, die gegenüber ruhiger Argumentation natürlich mehr Aufmerksamkeit finden, gab es hingegen zu viele.
Auf der einen Seite dominierten giftiges Behaupten; Maßlosigkeit in der Beschreibung von Gefahr; eine Solidaritätsbewegung, der außer Boykott nichts einfiel; politische Trittbrettfahrerei der populistischen Art – alles, und das macht die Sache nicht einfacher, unter dem Schutz unangreifbarer Subjektivität ("Ich fühle mich bedroht") oder bester Absichten ("Ich will, dass alle diese Autorinnen ohne Angst nach Frankfurt kommen können").
Auf der anderen Seite liefen in Endlosschleife die bekannten, sachlich zutreffenden Verweise: auf den hohen grundrechtlichen Rang der Meinungsfreiheit; auf eine seriöse Produktion von Sicherheit in Kooperation mit Polizei und Behörden; auf den Umstand, dass die Frankfurter Buchmesse eine Plattform mit Monopolcharakter ist, weshalb den Verantwortlichen rechtlich die Hände gebunden seien (Zwang zum Vertragsschluss).
So standen sich Aktivisten des Antirassismus und Verteidiger der Meinungsfreiheit wie zwei Gekränkte gegenüber und schenkten einander nichts. Nichts außer Standpunkte. So sieht Meinung in Käfighaltung aus. Der Meinungskäfig ist aber nicht von der Verfassung geschützt.
Hier die weiteren Aussichten: Das geht nächstes Jahr abermals schief. Es sei denn, folgende selbstverunsichernde Fragen bekommen eine Chance auf Entfaltung.
Für das Team Boykott: Was möchte ich eigentlich bewirken? Dass extremistische Kleinverlage vom Rand ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken? Ist womöglich Lust auf Machtausübung mit im Spiel? Was wäre mein nächster Stein des Anstoßes, wenn Jungeuropa tatsächlich die Rote Karte bekäme? Sarrazins Verlage? Klett-Cotta wegen Ernst Jünger? Oder (Absurdität lässt sich beliebig steigern) vielleicht Vittorio Klostermann mit seinem Heidegger?
Für das Team Meinungsfreiheit: Könnte sich die Anstrengung lohnen, in die Details zu gehen? Habe ich anlässlich der "vielen rassentheoretischen Gespräche" (Auskunft der Jungeuropäer zu ihren Messeaktivitäten) gut vernehmbar meine Abscheu zu Protokoll gegeben? Habe ich mit Schwarzen Menschen, insbesondere Frauen, die sich in Nachbarschaft Rechtsgesinnter ängstigen, persönlich und empathisch gesprochen, Verständnis für deren Besorgnis gezeigt und mit ihnen gemeinsam nach Lösungen gesucht?
Unterm Strich hat die Buchmesse die besseren, zu Ende gedachten Argumente auf ihrer Seite. Kommunikativ zog sie diesmal dennoch den Kürzeren. Die Tonalität ihrer Rechtfertigung war unglücklich gewählt. Wer auf die Klage, jemand fühle sich subjektiv bedroht, den Bescheid gibt, objektiv bestehe keine Gefahr, hat in diesem Fall zwar recht, aber auch verloren. Das ist eine bittere Pointe. Die gute Nachricht: Die Pointe bietet sich dafür an, Lehren aus ihr zu ziehen.
Seit über zwanzig Jahren besuche ich regelmäßig die Frankfurter Buchmesse und bin regelmäßig an Verlagsständen vorbei gelaufen, die völlig abstruse Druckerzeugnisse präsentiert haben. Einige Werke von Apokalyptikern und anderen Esoterikern, die Kopfschütteln, aber auch ein Schmunzeln ausgelöst haben und die politischen Bücher, die unser 'verkommenes System' anprangern und am liebsten morgen schon abschaffen würden. Niemand hat mich gezwungen, an diesen Ständen stehen zu bleiben und ich habe die Anwesenheit dieser Verlage ganz einfach toleriert. ("tolerare" lateinisch für: ertragen)
Selbstverständlich hat Herr Casimir Recht, wenn er die "Beschreibung von Gefahr" für maßlos übertrieben hält. Die Politiker und Prominenten, die in den letzten Jahrzehnten über die Buchmesse gegangen sind, wurden i.d.R. von Security-Mitarbeiter*innen begleitet. Den Autor*innen, die sich bedroht fühlen, stellt die Messegesellschaft selbstverständlich Sicherheitspersonal zur Seite. Wer trotzdem erst Ruhe gibt, wenn eine sog. "10qm-Koje" mit rechtem Schwachsinn von der Messe verschwindet, dem geht es einzig und allein um seine Wirkmacht.
Kommt angesichts dieser Situation uns, der Branche und dem Börsenverein des Buchhandels, nicht eine besondere gesellschaftliche Verantwortung zu im Sinne Erich Kästners zu handeln? Haben wir als Verband nicht eine besondere Verantwortung gegenüber Schwarzen Autor*innen, die von Rechtsextremen bedroht werden? Haben wir alle nicht auch eine Verantwortung gegenüber Buchhändler*innen, deren Läden angegriffen und Verleger*innen, die bedroht werden? Dieser Verantwortung werden Börsenverein und Buchmesse in der aktuellen Debatte leider nicht gerecht.
„Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.“ schreibt Erich Kästner. Aber warum halten sich Börsenverein und Buchmesse in ihren öffentlichen Stellungnahmen so sonderbar bedeckt? In keiner Stellungnahme werden die Täter als das benannt was sie sind: „Rechtsextreme“ und „Rassisten.“ Stattdessen geht es in allen Stellungnahmen ganz allgemein um „extreme Positionen“.
Im besten Fall nur gedankenlos konfrontieren Messe und Börsenverein Jasmina Kuhnke mit dem Stand desjenigen Neonazis, der sie aus dem Land verjagen will. Das ist nicht ansatzweise der „respektvolle und tolerante Umgang miteinander“ den BÖV und Buchmesse einfordern. Das ist vielmehr Toleranz gegenüber dem Nazi-Stand, (Hier nähere Informationen: https://twitter.com/natascha_strobl/status/1450821053777842178
) dem von der Messe ein Platz am „blauen Sofa“ zugewiesen wird und Ignoranz gegenüber der von den Nazis bedrohten Autorin.
Es hätte schon viel geholfen, hätten Buchmesse und Böv ihren Fehler erkannt, als solchen benannt und sich entschuldigt. Das passiert leider nicht. Wenn ich stattdessen fast ausschließlich Rechtfertigungen lese und höre frage ich mich, ob die aktuellen Diskussionen und zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Rassismus komplett an den Verantwortlichen vorbei gegangen sind.
Emilia Roig zitiert in ihrem Buch „Why we matter“ Martin Luther King, der sagte „Aufstand ist die Sprache der Unerhörten“. Als solchen verstehe ich den spontanen Boykott von Jasmina Kuhnke und von so vielen Autor*innnen, die natürlich lieber auf der Messe gewesen wären. Mal unabhängig von der Frage, ob die Messe rechtradikale und Nazi-Verlage ausschließen kann, stellt sich für mich die Frage: Wie positioniert sich mein Verband gegen Rechtsradikale, Rassisten und Antisemiten? Wie proaktiv agieren wir Büchermenschen und unser Verband in dieser Frage?
Über das Weiß-sein lese ich bei Emilia Roig: „Sie teilen eines: das Privileg der unsichtbaren Norm anzugehören... sie müssen sich nicht mit Thema Rassismus beschäftigen wenn sie es nicht möchten.“ Dieses Privileg hat Jasmina Kuhnke nicht. Aber statt Respekt, Empathie und Solidarität erlebt sie ausgerechnet von uns tollen toleranten Buchmenschen die ihr bekannte weiße Überheblichkeit und Arroganz. Das ist sehr traurig.
Zur Lektüre empfehle ich auch den Beitrag von Margarete Stokowski bei Spiegel online, die das Ganze sehr gut auf den Punkt bringt:
https://www.spiegel.de/kultur/literatur/frankfurter-buchmesse-boykott-wir-muessen-gar-nichts-aushalten-kolumne-a-b28c47c0-9d03-45f6-bf29-27de62d83bc3