Der Kampf um die Deutungshoheit
Der Streit um die zurückgezogenen Titel des Ravensburger Verlags offenbart eine Debattenkultur, die das Ende jeder sinnvollen Auseinandersetzung bedeutet. Ein Kommentar von Michael Roesler-Graichen.
Der Streit um die zurückgezogenen Titel des Ravensburger Verlags offenbart eine Debattenkultur, die das Ende jeder sinnvollen Auseinandersetzung bedeutet. Ein Kommentar von Michael Roesler-Graichen.
Der Fall "Der junge Häuptling Winnetou" offenbart einmal mehr, wie es um die Debattenkultur in unserem Lande, nicht nur in der Buchbranche, steht. Eine Reihe von Personen, darunter womöglich auch Menschen indigener Herkunft, empören sich darüber, dass der Ravensburger Buchverlag Bücher zu einem Film herausgibt, der angeblich rassistische und postkolonialistische Klischees oder Stereotype befördere. Ob das überhaupt zutrifft, sei zunächst einmal dahingestellt. Der betroffene Verlag zieht die Titel zurück und begründet dies mit einer sorgfältigen Abwägung zwischen den Interessen der Liebhaber:innen eines klassischen Erzählstoffs und den Empfindungen derjenigen, die darin eine Verharmlosung oder Verdrängung des Genozids und der Unterdrückung der indigenen Völker Nordamerikas sehen.
Zwei Fragen hätte ich noch zu dem Thema:
1.) Wer sind die "Menschen indigener Herkunft", die sich von den Kinderbüchern verletzt fühlen? Und wo leben diese? (Kennt man Ravensburger in den USA?)
2.) Welches Bücher müssen als Nächstes aus dem Programm genommen werden? Das romantisierende Bild mit vielen Klischees, das Rosamunde Pilcher von Cornwall gezeichnet hat, blendet völlig die Probleme von Teilen der dortigen Landbevölkerung aus, die von Arbeitslosigkeit und Alkoholismus betroffen sind. Also liebe Rowohlt-Kolleg*innen, auf zur Backlist-Bereinigung! ;-)
Es wurde nicht die NS-Zeit verharmlost, sondern vor der nächsten Bücherverbrennung gewarnt.
Meine Rhetorik mag Meinungsstark sein und soll auffordern nachzudenken. Agressiv ist sie nicht! Ich schüchtere keine Menschen ein, verbreite gegenüber keinen Menschen Angst und drohe auch keine körperliche oder seelische Gewalt gegenüber einen anderen Menschen an.
Es ist hilfreich bei Diskussionen Begriffe nicht falsch zu verwenden und damit gewollt oder ungewollt Diskutenten zu diffamieren.
Während auf der anderen Seite, mal wieder, lauter Leute stehen, die politisch und gesellschaftlich Macht innehaben und behaupten, sie würden von Menschen unterdrückt, die all das nicht haben.
Und alle diskutieren über Dinge, die mit der eigentlichen Causa überhaupt nichts mehr zu tun haben. So aufgeheizt, wie die Stimmung ist, würde man nun auch intensive Recherche benötigen, um den Anfängen des Ganzen auf die Spur zu kommen. Da Sie sich die Arbeit sicher gemacht haben, um diesen Kommentar zu schreiben: Inwiefern gab es denn "Einschüchterung, Drohung oder [den] Wunsch[,] die andere Meinung auszulöschen" gegenüber Ravensburger? Ich habe davon nichts mitbekommen (trotz der progressiven Kreise, in denen wir uns auch online bewegen). Wohl aber mitbekommen habe ich die Empörungsspirale, die anschließend losgetreten wurde.
Gleichzeitig sehe ich mit Sorge, wie weit die Moral Panic über "woke Communities", "Political correctness" und kürzlich "CRT" in den USA ursprünglich rechtsextreme Inhalte in den bürgerlichen Diskurs geschoben haben. Und wie das auf allen gesellschaftlichen Ebenen derzeit Früchte trägt. Und deshalb sehe ich besonders bei denjenigen, die z.B. ihre Meinung regelmäßig in Zeitungen veröffentlichen dürfen, eine große Verantwortung, sich mit der Causa ernsthaft zu beschäftigen, bevor man sich empört. Ganz besonders, wenn die potentiellen Leidtragenden Angehörige von ohnehin marginalisierten Gruppen sind...
Caroline Fourest, Generation beleidigt - Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei, Edition Tiamat 2020
Und bitte, liebe Leute: Mit "Links" oder "Rechts" findet man in der heutigen Zeit keine entsprechenden Schubladen mehr, wir müssen zurück (oder eher wieder voran-)kommen zu Grundwerten - Gleichheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Frieden, Empathie, ... - und danach die Menschen, die Sachverhalte und -lagen beurteilen und uns darüber auseinandersetzen, statt Aburteilen, Wegdrücken, einfach aus dem Blick drängen.
Die Antwort auf diese Frage ist leicht zu recherchieren und man kann der Antwort zustimmen oder nicht, und das dann entsprechend begründen. Im Buch bleibt es aber bei derartigen Suggestivfragen. So ist keine ernsthafte Auseinandersetzung mit irgendwas möglich und meinem Eindruck nach ist das auch nicht gewollt. (Und mit den von Ihnen genannten Grundwerten hat ein solcher Umgang mit anderen Meinungen auch nichts zu tun)
Ich habe unseren Kund*innen stattdessen „Triggerwarnung“ aus dem Verbrecher Verlag empfohlen, wo eine ernsthafte und kritische Auseinandersetzung mit sog. Identitätspolitik und Diskursdynamiken versucht wurde.
vielen Dank für Ihren ausgewogene Analyse dieser überhitzten Debatte!
Eine echte Diskussion findet nicht statt, da vor allem die junge Generation felsenfest davon überzeugt ist, auf der "richtigen" Seite zu stehen.
In Gesprächen in meinem beruflichen und privaten Umfeld, stelle ich fest, dass es offenbar einen Generationengraben gibt. Die unter 30jährigen springen sofort auf die Seite der "Aktivisten", obwohl sie teilweise noch nie etwas von diesem Karl May gehört haben, geschweige denn, etwas von ihm gelesen zu haben.
Lennart Schaefer ruft in seinem Kommentar dazu auf "Die eigenen Irrtümer mit(zu)denken". Nach meiner Beobachtung ist die Fähigkeit zur Selbstkritik speziell in seiner Generation nicht sehr stark ausgebildet. Wenn man als Kind immer im Mittelpunkt seiner Eltern und Großeltern steht, und alles immer "supertoll" macht, dann glaubt man wahrscheinlich irgendwann selbst daran, immer "richtig" zu sein und auf der "richtigen" Seite zu stehen.
Lesetipp: https://www.nzz.ch/feuilleton/unwohlsein-der-gefuehlsterror-fanatischer-aktivisten-ld.1699209