Deutscher Jugendliteraturpreis

Jutta Richter für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet

9. Oktober 2026
Redaktion Börsenblatt

Vor 1.500 Zuschauer:innen wurden auf der Frankfurter Buchmesse die besten Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnet - und Jutta Richter für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk. Hier die Preisträger:innen:

bunte Illustration: In einem Esszimmer sitzt ein Kind unter einem Tisch und liest

Eine "hoch engagierte, verschworene Gemeinschaft" sei es, die zur Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises In den vollbestzten Saal Harmonie gekommen war, meinte Moderatorin Vivian Perkovic  - um die Menschen zu feiern, die sie möglich machen" wie Prof. Julia Abel als stellvertretende Vorsitzende des Dachverbands Jugendliteratur in ihrer Begrüßung sagte. "Mit diesen nominierten Büchern trauen jungen Menschen mit diesen Büchern etwas zu", so Abel. Jugendliche hätten ein Recht auf kulturelle Teilhabe, was bedeutet: "Lesekompetenz zu stärken und Literatur zu öffnen. Literatur darf irritierend, eigenwillig und fordernd sein. Leseförderung braucht aber auch eine dauerhafte finanzielle Unterstützung - nicht irgednwann, sondern jetzt!", forderte Abel unter Applaus der 1500 Zuhörer:innen. Die Unterstützung der Politik sei in diesem Punkt äußerst dürftig, konstatierte auch der Vorsteher des Börsenvereins, Sebastian Guggolz. Wenn er drei Wünsche freihätte. welche wären das? , fragte Perkovic. Guggolz' Antwort: "Unterstützung, Geld und Dauerhaftigkeit." Eingesetzt für den Jugendliteraturpreis  habe sich dagegen Juergen Boos, so perkovic, Boos bekam einen langen langen Beifall - und ein Bilderbuch mit seinen Auftritten beim Jugendliteraturpreis.

Man könne die PISA-Ergebnisse als schockierend empfinden, aber auch als Start dafür, etwas zu verändern, so Staatssekretärin Petra Bahr. Lesefähigkeit entstehe da, wo Lust auf Lesen sei. dazu brauche es Bücher, die sie erreichen; die aktuellen Nominierungen zeigten, Themen und Stoffe, die nicht im TikTok-Rhythmus daherkommen.

Bestes Bilderbuch

Als bestes Bilderbuch wurde "Hier kommt ein T-Rex vor" von Julie Douine und Noémie Favart ausgzeichnet, übersetzt von Anha Kootz, erschienen bei Aladin."Die Leser sollen das, was sie im Herzen tragen", war der auf der Bühne geäußerte Wunsch der Autorin.  Übersetzerin Anja Kootz machte auf einen Misstand aufmerksam: Die Sichtbarkeit der Übersetzer:innen sei zwar zunehmend gestiegend, die Wertschätzung schlage sich jedoch nicht in der Bezahlung nieder:" Wir haben dieselben Honorare wie seit Jahren." 

Jurybegründung:
In einem sozial prekären Hochhausviertel stärken Vater und Tochter ihre Resilienz durch die Magie des „Urban Storytelling“. Während er mit seinen Geschichten den Blick zurück in die Vergangenheit richtet, entwickelt sie Visionen für eine lebenswertere Zukunft. In der Tristesse der Betonwüste soll ein Baum wachsen. Durch eine heimliche Pflanzaktion lässt der alleinerziehende Vater diese Idee seiner Tochter Wirklichkeit werden. In der Folge werden die Lesenden zu Zeugen der nachhaltigen Auswirkungen dieser liebevollen Aktion.
Die Geschichte zeichnet das Porträt eines Mädchens mit Migrationsgeschichte, das gestärkt durch väterliche Zuwendung seine Potenziale entdeckt, gesellschaftliche Verantwortung übernimmt und sein Lebensumfeld aktiv mitgestaltet.
Die detailreichen Illustrationen fangen gekonnt den schrittweisen Wandel des städtischen Umfelds ein. Phantasie und Realität gehen dabei fließend ineinander über, variantenreiche Bildausschnitte und -kombinationen erzeugen Dynamik. Zeitsprünge werden sichtbar. Die Übersetzung nimmt sensibel den mündlichen Erzählgestus und die phantastische Tiefe der Geschichte auf

cover rex

Julie Douine (Text), Noémie Favart (Ill.)
Hier kommt ein T-Rex vor. Und das ist erst der Anfang!
Aus dem Französischen von Anja Kootz
Aladin
ISBN 978-3-8489-0331-3
16,00 €
Ab 6

Bestes Kinderbuch

In der Sparte Kinderbuch gewann Anna Maria Praßlers Roman "Keine Party ist auch keine Lösung", illustriert von Theresa Strozyk, erschienen bei Klett Kinderbuch. Staatssekretärin Petra Bahr, die die Momo-Figuren als Preisfigur verlieh, wies darauf hin, wie viele Kinder derzeit in Frauenhäusern wohnten, Praßler auf die Selbstermächtigung und den Instinkt, mit dem die Protoagonistin die Paryt im Frauenhaus plant.

Jurybegründung:
Schwungvoll und mit einer Prise feiner Ironie greift dieser Roman Themen und Lebensrealitäten auf, die in der Kinderliteratur bislang unterrepräsentiert sind: Armut, häusliche Gewalt und den Alltag in einem Frauenhaus. Die neunjährige Jagoda lädt die neue Mitschülerin Mia spontan zu ihrer Geburtstagsfeier ein, obwohl sie im Frauenhaus lebt und eine Party dort unmöglich ist. Aus Sicherheitsgründen darf Jagoda ihre Adresse nicht preisgegeben, und zudem fehlt das Geld für eine Feier. Da nur noch vier Tage verbleiben, setzt ein rasanter Vorbereitungscountdown ein, der auf Wegen voller Überraschungen zum ersehnten Ergebnis führt.

Der Roman erweist sich als ein originelles Beispiel für Empowerment-Literatur: Er zeigt eine resiliente Heldin, die allen Widrigkeiten trotzt und im Eiltempo helfende Hände rekrutiert. Die Schwere der Gesamtsituation wird adressatengerecht durch Sprachspiele und Zungenbrecher aufgelockert – alle rund um die Farbe Blau, denn Jagodas Name steht zu ihrem Leidwesen im Polnischen für „Blaubeere“. Erzählt wird authentisch-frech aus kindlicher Perspektive. Dieser humorvolle, angenehm leichte Ton spiegelt sich auch in den Zeichnungen wider. Die Illustrationen in Schwarz und Blau unterstreichen die Unbeschwertheit der Geschichte, die auf explizite Gewaltschilderungen verzichtet.

cover party

Anna Maria Praßler (Text), Theresa Strozyk (Ill.)
Keine Party ist auch keine Lösung
Klett Kinderbuch
ISBN 978-3-95470-311-1
16,00 €
Ab 9

Bestes Jugendbuch

Maja Nielsens Roman "Das falsche Leben" (Gerstenberg) siegte in der Sparte Jugendbuch. Wie detailliert muss man eine Geschichte erzählen, wie viele Kenntnisse von West- und Ostdeutschland haben, um zu verstehen?, wollte Moderatorin Perkovic wissen. "Man muss vor allem glaubhaft erzählen, der Kern der Geschichte muss wahr sein, drumherum kann man etwas dazu erfinden.", so Maja Nielsen. Wer mehr zu dem Buch und zu anderen Büchern von Maja Nielsen sowie über ihre Art zu schreiben wissen möchte: Im aktuellen Podcast "Die Kinderbuchpraxis" erzählt die Autorin davon: "Von der Theaterbühne zum Jugendroman"

Jurybegründung:
Hannover, 1979. Unter dem Vorwand, den todkranken Großvater auf Usedom besuchen zu wollen, reist Thomas mit seiner Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in die DDR. Dort stellt sich heraus, dass Thomas’ Vater in Wahrheit ein DDR-Spion ist, der enttarnt wurde. Sämtliche Fluchtversuche zurück in den Westen scheitern, und die Familie muss fortan ein „falsches Leben“ führen, mit Fahnenappell, Stasibespitzelung, Verhör und Inhaftierung.

Der hohe Innovationscharakter dieses ebenso spannenden wie informativen Jugendromans, der auf der wahren Geschichte von Thomas Raufeisen basiert, liegt im Perspektivwechsel begründet: Der Protagonist hat seine Kindheit und Jugend zunächst in Westdeutschland verbracht und findet sich anschließend in der von Misstrauen, ständigen Kontrollen und Verrat geprägten DDR wieder. Auch die Rebellion gegen den eigenen Vater, dessen Doppelleben die Familie in eine existenzielle Bedrohungslage bringt, wird auf eindrückliche Weise erzählt. Es wird deutlich, was es heißt, unter Unrecht und Willkür nicht den Mut zu verlieren. Und das sagt auch viel aus über die Bedeutung freiheitlicher Demokratie.

cover

Maja Nielsen 
Das falsche Leben
Gerstenberg
ISBN 978-3-8369-6355-8
15,00 €
Ab 13

Bestes Sachbuch

Als bestes Sachbuch kürte die Kritikerjury Birgit Weyhes Graphic Novel "Schweigen" (avant Verlag). In Bildern können man etwa Gewalt sofort vermitteln, aber das Zusammenspiel von Bild und Text eröffne einfach viel mehr Möglichkeiten, so Weyhe. "Wir dürfen Empathie nicht verlernen", mahnte Weyhe."Wir können Dinge verändern, wenn wir beharrlich sind - aber wir brauchen Mut."

Jurybegründung:
Diese Graphic Novel erzählt vom Verschwinden von Menschen in Diktaturen und dem daraus resultierenden Schweigen. Birgit Weyhe entfaltet ein Panorama individueller Erfahrung und kollektiver Verantwortung zwischen der NS-Zeit in Deutschland und der Militärdiktatur in Argentinien. In den miteinander verwobenen Geschichten zweier Frauen wird sichtbar, wie weitreichend die zerstörerische Kraft staatlicher Diktaturen ist. Die 1939 nach Argentinien emigrierte Ellen Marx muss dort während der Militärdiktatur das spurlose Verschwinden ihrer Tochter erleben. Die seit 1970 in Argentinien lebende Elisabeth Käsemann wird dort 1977 als Regimegegnerin erschossen.

Erzählt wird von Menschenrechtsverletzungen in ihrer politisch-gesellschaftlichen Dimension und zugleich von ganz individuellen Schmerzen. In jedem Pinselstrich und jedem Wort verbindet Weyhe historische und biografische Genauigkeit mit künstlerischer Reflexion. Großflächiges Schwarz, sparsame Farbeinsätze und wiederkehrende Muster und Motive strukturieren die Seiten und verdichten die Themen Freiheit, Gewalt, Erinnerung und Verlust. Die Komposition aus Text und Bild folgt einem präzisen Rhythmus aus Wiederholung und Variation und es entsteht eine Dramaturgie, die Verschwiegenes tastend umkreist.

cover

Birgit Weyhe
Schweigen
avant
ISBN 978-3-96445-141-5
39,00 €
Ab 16

Das beste Buch der Jugendjury

Die Jugendjury entschied sich für Delpine Minoouis Roman "Badjens" (Orlanda Verlag), übersetzt von Astrid Bührle-Gallet. Der Roman sei "poetisch und ehrlich und entwickele einen mitreißenden Sog", begründete die Jugendjury auf der Bühne in Frankfurt am Main die Wahl, "und der Roman fordert auf, aufmüpfig zu sein statt wegzuschauen."

Die Jugendjury besteht aus sechs Leseclubs:
Die LesArtigen
des Berliner Zentrums für Kinder- und Jugendliteratur 
EVAs Leseclub
im Evangelischen Schulzentrum Muldental, Grimma
Jugendleseclub
der Stadtbücherei Landshut 
Jugendleseclub Lesezeichen
der Buchhandlung "Neuer Weg", Würzburg
Lesewölfe
der Buchhandlung Krumulus (Berlin)
LiteraTüröffner
der Thüringer Gemeinschaftsschule Wenigenjena

Jurybegründung:
Das persische Wort „Badjens“ bedeutet „nicht akzeptabel“, übersetzt aus dem Alltagspersischen auch „schelmisch“ oder „aufmüpfig“. Zahra ist nicht Zahra, sie ist „Badjens“.

Es ist die Geschichte eines Mädchens im Iran, die Geschichte einer Rebellion. Eine Rebellion, die im Zimmer des Mädchens online beginnt und ihren Höhepunkt auf einer Demonstration gegen das frauenfeindliche System findet: „Frau, Leben, Freiheit.“ Inmitten der aufgebrachten Menge steigt Badjens auf einen Müllcontainer. Ihr Ziel: Das ihr aufgezwungene Kopftuch zu verbrennen. In diesem Moment sieht sie ihr Leben vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Es ist ein Leben, das für ihren Vater bereits mit einer schlechten Nachricht begann: ihrer Geburt, der Geburt eines Mädchens. Es ist ein Leben, das geprägt ist vom Kampf um freie Selbstentfaltung und darum, Erfahrungen machen zu können, die für das Erwachsenwerden wesentlich sind.

Aktueller denn je berührt der Roman von Delphine Minoui in der Übersetzung von Astrid Bührle-Gallet mit erschütternder Ehrlichkeit und einem mitreißenden Schreibstil. Durch die komplexen Beziehungen der Protagonistin zu ihren Eltern, zu Internet-Kontakten und Freundinnen wird ihre Perspektive eindrucksvoll dargestellt. Mit seiner poetischen Sprache bleibt der Roman auch nach seinem Ende noch im Kopf und regt zum Nachdenken und zu Gesprächen an.

Sonderpreis Neue Talente

Bei den Neuen Talenten beeindruckte die Jury Franziska Hörners "Und mir bleibt der hässliche Hund" (Thienemann). Die Jury beeindruckte die Art, wie Hörner von Tiefschlägen und Selbstfindungsprozessen erzählt. 
Jurybegründung:
Nach dem Unfalltod seiner Eltern und seiner jüngeren Schwester Isa verändert sich für den 16-jährigen Felix schlagartig alles. Nur Isas hässlicher Hund Bolt überlebt das Unglück. Aus der Ich-Perspektive schildert Felix die Monate nach dem Verlust, wobei trotz aller Schwere auch humorvolle Momente aufkeimen. Bolts Verhalten spiegelt feinfühlig die Gefühlswelt von Felix wider. In der Therapie lernt Felix den ebenfalls traumatisierten Mo kennen. Die lebensfrohe Marie komplettiert das Trio. Gemeinsam verbringen sie den Sommer, versuchen ihre Ängste und Panikattacken zu überwinden und wachsen an ihren gemeinsamen Erlebnissen.

Der Jugendroman von Franziska Hörner beeindruckt durch seine authentische, tieftraurige und dennoch hoffnungsvolle Erzählweise. Der emotionale Kontakt zwischen Mensch und Tier dient als Motor, um Trauer zu verarbeiten und Heilung zu ermöglichen. Trotz des tragischen Sujets bleibt der Roman leichtfüßig, sorgt für Komik und lässt Raum für eine zarte Liebesgeschichte. Hörner fokussiert sich auf das Wesentliche und bleibt nah an ihren starken Charakteren. Am Ende steht die zuversichtliche Erkenntnis, sich auch nach schweren Schicksalsschlägen als „Glückskind“ fühlen zu können, weil das eigene Überleben neue Perspektiven eröffnet.

cover

Delphine Minoui
Badjens
Aus dem Französischen von Astrid Bührle-Gallet
Orlanda
ISBN 978-3-949545-79-5
21,00 €
Ab 14

Gesamtwerk

Für das literarische Gesamtwerk wurde Jutta Richter ausgezeichnet. das "Man muss Kindern auch mal was zutrauen", ziehe sich wie ein Motto durch Jutta Richters Werk, so die Begründung. Gewürdigt wurde ihre Fähigkeit, kindliche Perspektiven nicht von außen sondern von innen sichtbar zu machen. "Richters Protagonisten dürfen ungerecht sein, und sie dürfen scheitern, sie hat einen sensiblen Blick auf Natur und Tiere, eine frech-komischen Stil." Ihre Texte blieben versöhnlich, ohne zu verharmlosen, "nicht alles wird so, wie man es sich wünscht, aber die Veränderung belibt immer möglich."

In ihrer Dankesrede überraschte Richter die Zuschauer:innen: "Unter dem Motto Geschichten für alle möchte ich Lesungen verschenken. Mir ist aufgefallen, dass ich noch nie in Sachsen-Anhalt, auch in Mecklenburg-Vorpommern und in Thüringen war ich noch in den letzten 30 Jahren nicht …  Schulen, die es nicht bezahlen können, sollen sich bei mir melden – es wäre mir eine Herzensfreude, diese Kinder kennenzulernen", sagte Jutta Richter unter großem Applaus. "Und, liebe Lehrer: Geben Sie keine Arbeitblätter aus, sondern zeigen Sie den Kindern, wie wunderbar der frische Geruch eines Lesebuchs ist – man kann süchtig danach werden!"