Streamingplattform für Literatur

Literaturkanal.tv: Netflix für Literatur

1. Dezember 2021
von Nils Kahlefendt

Ja, ist denn heut’ schon Weihnachten? Das Literaturhaus Berlin hat mit literaturkanal.tv eine Streamingplattform gestartet, die Online-Literaturangebote intelligent bündelt, kompetent kuratiert – und kostenlos zur Verfügung stellt.   

Josefine Zach, literaturkanal.tv

Wie hätten Sie’s denn gern? Statt „Breaking Bad“ und „True Detective“ vielleicht mal ein Deep-Talk in Spielfilmlänge mit Dietmar Dath über seine bisher mehr als 40 erschienen Bücher? Oder dem mit „Der Zauberer“ auf Thomas Manns Spuren wandelnden Iren Colm Tóibín zusehen, der auf Einladung des Goethe-Instituts Toronto seine US-Kollegin Susan Bernofsky fragt, wie, bitte, sie Thomas Manns „Zauberberg“ ins Englische übersetzt? Eine hochpolitische Diskussion über die Systemrelevanz von Literatur in Corona-Zeiten aus dem Literaturforum im Brecht-Haus? Oder doch lieber sich selbst und die lieben Kleinen mit Saša Stanišić und „Hey, hey, hey, Taxi!“ bespaßen?

Möglich wird das Ganze auf der Plattform literaturkanal.tv, die das Literaturhaus Berlin gerade freigeschaltet hat. In der Fasanenstraße nennen sie das Angebot augenzwinkernd, aber nicht ohne Hintergedanken, das „Netflix für Literatur“ und werben mit dem Slogan „Wir kümmern uns ums Programm. Sie sich ums Popcorn.“

Die Idee ist, wenn man so will, Corona geschuldet. Während Literatursendungen in Fernsehen und Hörfunk gefühlt auf dem Rückzug sind, haben sich Literaturveranstalter in den letzten zwei Jahren digital enorm professionalisiert – und das nicht nur deutschland-, sondern weltweit. Auch am Literaturhaus Berlin, wo man den eigenen Youtube-Kanal vor der Pandemie eher vom Hörensagen kannte, war die Lernkurve steil: Man investierte in Technik und zog, der Not gehorchend, qualitativ hochwertige und spannende Digitalprogramme auf. So konnten Autorinnen und Autoren immerhin weiter auftreten – die auf die Honorare dringend angewiesen sind. „Es sind in Corona-Zeiten so viele tolle Formate entstanden, die aber nur vereinzelt, lokal wahrgenommen werden“, sagt die Literaturhaus-Co-Chefin Janika Gelinek. „Warum muss man sich durch Tonnen von Youtube-Material wühlen, um die Perlen zu finden? Wieso das Digitale nicht ein Stück weiterdenken?“ 

Bei uns ist kein Algorithmus im Spiel, es wird mit Expertise in Handarbeit kuratiert.

Josefine Zach vom Literaturhaus Berlin

Mit literaturkanal.tv ist nun eine Streaming-Plattform online gegangen, auf der die Breite und Vielfalt der an unterschiedlichsten Orten generierten Programme kostenlos und barrierefrei zugänglich gemacht werden. „Bei uns ist kein Algorithmus im Spiel, es wird mit Expertise in Handarbeit kuratiert“, erklärt Josefine Zach, die das Projekt am Literaturhaus betreut. Erste Partner sind nicht nur Berliner Institutionen wie das Literaturforum im Brecht-Haus, das Haus der Kulturen der Welt oder das Haus für Poesie, sondern auch das Goethe Institut, Frankfurter Buchmesse und Buch Wien , die ARD oder die zur ZEIT-Verlagsgruppe gehörende Holtzbrinck Berlin Inspire Together.

Die täglich wachsende Mediathek lässt sich bereits jetzt nach Partnern, Personen, Themen, Sprachen (von Arabisch bis Türkisch, obwohl das Deutsche dominiert), Formate und Genres durchsuchen. Auch der aufgeräumte Look und die Usability der Seite gefallen. Das Literaturhaus drängt sich mit den eigenen Beiträgen nicht über Gebühr in den Vordergrund; der demokratische Ansatz bleibt gewahrt. Vielleicht ist es etwas erbsenzählerisch, aber: In der Beschreibung der Beiträge fehlt häufiger – und nicht nur im Slider – die Datierung der Lesungen, Diskussionen oder Events. „Ein Gespräch zwischen Mithu Sanyal und Simon Strauß“, entgegnet Gelinek, „ist auch nach zwei Monaten noch interessant!“ Punkt für sie.

Ausschnitt aus der Übersichtsseite von literatur.tv

Ein Gespräch zwischen Mithu Sanyal und Simon Strauß ist auch nach zwei Monaten noch interessant!

Janika Gelinek, Co-Chefin im Literaturhaus Berlin

Für die beteiligten Partner ist der Service gratis. „Natürlich muss die technische Qualität des Materials stimmen“, sagt Projektleiterin Zach, „wir stellen keine verwackelten Handyvideos ein. Auch die Rechteklärung liegt bei den Partnern.“ Zach kann sich durchaus vorstellen, dass auch Verlage oder Buchhandlungen Programmteile einspeisen. Auch „digitale Büchertische“ zu einzelnen Veranstaltungen oder Buchtipp-Videos von Buchhändlerinnen sind denkbar.

Reserven gegen das charmante Angebot aus der Hauptstadt hat Janika Gelinek noch nicht erlebt. „Eher lautet die erste Frage: Und was steht im Kleingedruckten? Kann es sein, dass ihr das einfach so für uns macht?“ Kann offenbar, so Gelinek: „Wir sind keine Samariter – aber es macht einfach Sinn!“

Das sah offensichtlich auch die Bundeskulturstiftung so: Aus dem Topf von dive in, einem Programm für digitale Interaktion, konnten Projektkoordination und Website anschub-finanziert werden; etwas Glück und das Wohlwollen des neu-alten Kultursenators Klaus Lederer vorausgesetzt, kann das Portal auch am Netz bleiben, wenn der Corona-Spuk irgendwann vorbei ist. Jetzt gilt es erst einmal, uns Nutzer davon zu überzeugen, dass wir ohne literaturkanal.tv nicht mehr leben wollen. Egal, ob’s dazu Popcorn gibt oder nicht.