Eröffnungs-PK der Frankfurter Buchmesse

"Wiedersehensfreude satt"

19. Oktober 2021
von Börsenblatt

Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse (20.–24. Oktober) wurde das Programm der kommenden Tage vorgestellt, das unter dem Leitmotiv "Wie wollen wir leben?" steht. Erleichterung und Freude waren darüber zu spüren, das der Austausch vor Ort wieder möglich ist.

Buchmessedirektor Juergen Boos und Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins, bei der Eröffnungspressekonferenz. Gastland ist Kanada

Am Vormittag ab 11 Uhr fand, nach sorgfältiger Einlasskontrolle gemäß der Hygieneregeln, die Pressekonferenz zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse (20.–24. Oktober) auf der in Blau getauchten ARD-Bühne in der Festhalle statt – sie war auch per Livestream zu verfolgen. Die Plätze waren mit gehörigem Abstand besetzt, etliche Kamerateams versammelten sich vor der Bühne.

Den Auftakt machte Börsenvereins-Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs, die mit einem weißen Shirt mit Aufdruck der Initiative "fair lesen" ans Pult trat – und die "lieben Buchbegeisterten" begrüßte. Sie blickte auf die Lockdown-Zeit zurück, die "scheibchenweise" kam, und so besser zu bewältigen gewesen sei, auch durch das Engagement und die Kreativität des Buchhandels. Aber: "Eins fehlte schmerzlich: die Begegnungen, die die Buchbranche ausmachen." Also werde die Frankfurter Buchmesse "Wiedersehensfreude satt" bieten., gemäß dem Motto "Re:connect".  

Zur Entwicklung der Buchbranche in Corona-Zeiten sagte Schmidt-Friderichs: "Wir haben mit der Pandemie einen der größten Stresstests der Geschichte souverän bestanden. Verlage, Buchhandlungen und die Buchlogistik haben mit großem Einsatz und Nähe zu den Kund*innen sichergestellt, dass Bücher auch in herausfordernden Zeiten zu den Menschen kamen."

Wir haben mit der Pandemie einen der größten Stresstests der Geschichte souverän bestanden.

Karin Schmidt-Friderichs

In der Krise habe sich gezeigt, wie fest das Buch in der Gesellschaft verankert sei. Schmidt-Friderichs hierzu: "Social distancing wurde nicht zu Distanz zum Buch. Die Menschen haben die Zeit in den eigenen vier Wänden genutzt, um öfter zu lesen. Das Buch erfüllt in herausfordernden Zeiten wichtige Bedürfnisse: Es gibt Antworten auf drängende Fragen – fundiert und in überschaubarem, abgeschlossenem Format. Es weitet den Blick, es eröffnet neue Welten und zeigt uns andere Lebensentwürfe. Es bietet Denkanstöße, gibt Mut und Hoffnung."

So habe die Branche das Jahr 2020 mit stabilen Umsätzen abschließen können. Auch der Blick auf 2021 stimme zuversichtlich: Über alle Vertriebswege hinweg habe der Umsatz auf dem Buchmarkt mit Ende der KW 40 (10. Oktober) das Vor-Corona-Niveau eingeholt und liege 0,7 Prozent über dem Umsatz des Vergleichszeitraums 2019. Somit stünden die Chancen auf ein positives Jahresergebnis gut.

Nach eineinhalb herausfordernden Jahren stünden überall die Zeichen auf Neustart. Die Buchbranche könne die Gesellschaft auf diesem Weg unterstützen und bei der Lösung wichtiger Fragen helfen: "Gelingt es uns, wirksam gegen den menschengemachten Klimawandel vorzugehen? Wie können wir unsere Innenstädte wieder zu lebendigen Orten machen? Welche Lösungen finden wir angesichts bedenklicher politischer Entwicklungen und Einschränkungen der Meinungsfreiheit um uns herum? Schaffen wir mehr Gleichberechtigung für Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Herkunft? Alle diese Fragen werden auch in Büchern verhandelt", so Schmidt-Friderichs.

Eine entscheidende Frage für die Zukunft der Buchbranche sei die nach der Entwicklung des Urheberrechts. Dieses sei in den vergangenen Jahren zunehmend eingeschränkt worden. Aktuell müsse die Buchbranche befürchten, dass sich die Rahmenbedingungen bei der E-Book-Leihe für sie drastisch verschlechtern. Der Bundesrat habe gefordert, dass Verlage den Bibliotheken künftig alle E-Books ab dem Erscheinungstag für die Ausleihe zur Verfügung stellen müssen. Es bestehe die große Sorge, dass die künftige Bundesregierung diesen Vorschlag aufgreift. Bislang hätten Verlage und Autor*innen die Freiheit, einige wenige Bücher erst nach einem gewissen Zeitfenster in die kostenlose Ausleihe zu geben, um sich die ausschlaggebenden Erlöse durch Verkäufe innerhalb der ersten zwölf Monate zu sichern. Wenn Leser*innen ab Markteinführung eines Buchs bereits kostenlos auf die Leihvariante als E-Book zugreifen könnten, breche Verlagen und Autor*innen diese kommerzielle Erlösmöglichkeit weg. Schmidt-Friderichs verwies hier etwa auf die Filmbranche, der neue James Bond werde zunächst auch nur im Kino ausgewertert. Während bereits fast die Hälfte des E-Book-Konsums auf Bibliotheken entfalle, machten Verlage schon jetzt nur 6 Prozent ihres E-Book-Umsatzes damit.

Schmidt-Friderichs betonte: "Wir setzen uns für den Erhalt der Vertragsfreiheit bei der E-Book-Leihe in Bibliotheken ein. Autor*innen und Verlage, also diejenigen, die davon – und dafür leben – müssen das auch in Zukunft können. Es kann nicht sein, dass der Staat aus Bibliotheken eine mit Steuergeldern finanzierte E-Book-Plattform mit Kostenlosangebot macht. Ich unterstütze daher mit Nachdruck den Appell der Initiative 'Fair Lesen', zu der sich aktuell Autor*innen, Verlage und Buchhandlungen zusammengeschlossen haben. Sie wollen aufzeigen, dass gesetzliche Regelungen wie die einer Zwangslizenz für die E-Book-Ausleihe in Bibliotheken den Buchmarkt gefährden und wichtige Erlösquellen für Autor*innen, Verlage und den Buchhandel zerstören." Man müsse mit Nachdruck rufen: "Schreiben ist nicht umsonst".

Unser Programm ist mit vielen Partnern entstanden. Eine Lehre der Pandemie war für uns, dass wir mehr kooperieren müssen.

Juergen Boos

"'Back to business", heißt nicht back to normal'"

Ein schon heiserer, aber sichtlich gelöster Messedirektor Juergen Boos wies zunächst auf die Zahlen hin: 2.000 Aussteller aus über 70 Ländern, 300 Autor:innen vor Ort und mehr als 1.400 Veranstaltungen an den Messetagen. Räumte dann aber angesichts der Coronamaßnahmen ein: "'Back to business', heißt nicht 'back to normal'". Die Messe werde anders, als alle Messen zuvor – mit 3G-Regel und Masken. Der Hallenaufbau werde großzügiger sein ("Wir wollen, wir müssen Gedränge vermeiden"). Aber Boos freute sich, dass es eine internationale Buchmesse sein werde. Ehrengast Kanada sei an zwei Standorten vertreten, rund 70 englische und frankophone Verlage des Landes präsentierten sich vor Ort, zahlreiche virtuelle Veranstaltungen kämen hinzu.

Das Programm der Buchmesse sei mit vielen Partnern entstanden, eine Lehre der Pandemie: "Wir müssen mehr kooperieren", so Boos.

Aufbau der Frankfurter Buchmesse

Dann ging Boos, wie schon Karin Schmidt-Friderichs, auf das Leitmotiv "Wie wollen wir leben?" ein. Partikularinteressen würden den Blick auf Ziele verstellen, die wie nur gemeinsam erreichen können. Zusammen mit Arte hat die Frankfurter Buchmesse eine Dokumentation zum Motto mit acht Personen erstellt, die am Donnerstag auf arte.de gestreamt wird, am Samstag dann analog im Programm gezeigt wird. Die Acht setzen sich darin mit der Frage "Wie wollen wir leben?" auseinander, waren dafür einen Tag lang auf einem Schiff auf dem Main zusammen. Boos diskutierte mit den Teilnehmer:innen auf einer kleinen, als Bibliothekszimmer eingerichteten Nebenbühne über das Projekt. Die Ausschnitte aus der Doku machten gespannt.

 

Juergen Boos auf der gemütlich ausgestatteten Nebenbühne

Ein Frage thematisierte schließlich das Thema rechte Verlage auf der Messe, weswegen etwa die Autorin Jasmina Kuhnke einen Boykott angekündigt habe. Wie gehe die Messe damit um? Solange rechtlich gedeckt, müsse man im Sinne der Meinungsfreiheit die Präsenz von Menschen aushalten, die man nicht so gern sehen würde, erläuterte Boos hier die Position der Buchmesse. Karin Schmidt-Friderichs ergänzte, das sei "ein Konflikt, mit dem wir leben müssen. Das bildet die Gesellschaft ab."

Programmtipps des Börsenvereins

KUNDGEBUNG | Meinungsfreiheit für Belarus! #FreeBelarus

Samstag, 23.10., 14 Uhr | Goetheplatz Frankfurt

Mit Autor Sasha Filipenko, Alexandra Logovina aus dem Büro von Sviatlana Tsikhanouskaya, Autorin Nina George, Autorin und Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland Regula Venske sowie Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer Börsenverein.

 

DISKUSSION | Schreiben und Cancel Culture – Ist die Kunstfreiheit in Gefahr?

Donnerstag, 21.10., 11 Uhr | ARD-Buchmessenbühne, Festhalle

Mit Autorin Jagoda Marinić, Schriftsteller Matthias Politycki und Verlegerin Antje Kunstmann. Moderation: Bascha Mika.

 

PRESSEKONFERENZ | Gespräch mit Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga

Freitag, 22.10., 10 Uhr | Halle 4.C, Zwischenebene, Räume Alliance und Entente, Bitte um Online-Anmeldung
 

PREISVERLEIHUNG | CONTENTshift Accelerator 2021 – Wer wird das Content-Start-up des Jahres?
Donnerstag, 21.10., 10 Uhr | Livestream