"Das politische Buch 2023"

Golineh Atai für Iran-Buch ausgezeichnet

27. März 2023
von Börsenblatt

Für "Iran. Die Freiheit ist weiblich" erhält die Journalistin und Autorin Golineh Atai die Auszeichnung "Das politische Buch" 2023 der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Jury lobte die "analytische Beschreibung der Missachtung von Menschenrechten". 

Cover

Der Widerstand gegen das unmenschliche Mullah-Regime im Iran ist weiblich – das zeige Golineh Atai eindrücklich und berührend anhand der Geschichten von neun iranischen Frauen, die seit langem mit unglaublichem Mut für ihre Rechte und für die Freiheit der iranischen Gesellschaft kämpfen. Dieses Buch verleihe ihnen eine Stimme, schreibt die Friedrich-Ebert-Stiftung.

In der Jurybegründung heißt es: "Golineh Atai ist ein großartiges Buch über die Kraft des weiblichen Widerstandes gegen bestehende Ordnungen gelungen. Das Buch ist eine analytische Beschreibung der Missachtung von Menschenrechten." Und weiter: "Die Feindschaft gegen die Frauen gehört zu den Grundpfeilern des politischen Systems im Iran. Die Angst des Regimes vor der Veränderungskraft der Frauen zieht sich wie ein roter Faden durch die Schicksale, die die Autorin porträtiert."

Die Porträts der neun Frauen würden uns eindrucksvoll das Ausmaß der wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen Tragödie des Irans zeigen. Der Widerstand der Frauen gegen die bestehende Ordnung ist untrennbar mit dem jahrzehntelangen Kampf um Gleichberechtigung verbunden. "Frau Atai hält uns den Spiegel vor und kritisiert das mangelnde Interesse der westlichen Öffentlichkeit, das den 'unsichtbaren Heldinnen' ein Gefühl der Missachtung vermittelt."

Zum Inhalt des Buches:

In "Iran. Die Freiheit ist weiblich" (Rowohlt Berlin, 2021) zeichne Golineh Atai ein hochspannendes Bild der iranischen Gesellschaft seit der Islamischen Revolution – mit Erkenntnissen und Einblicken, wie sie kein Außenstehender bieten könnte. Atai war fünf Jahre alt, als sie mit ihren Eltern den Iran verließ – aber das Land und seine Entwicklung haben sie immer beschäftigt; der Iran ist ihr Herzensthema. Wie der Gottesstaat der Mullahs seit mehr als vierzig Jahren das Land im Griff hält und jede demokratische Regung erstickt, zeigt sie in ihrem Buch, das den Iran auf ganz besondere Weise porträtiert: aus dem Blickwinkel von neun Frauen. Dabei erzählt Atai, wie aus der Tochter eines Geistlichen, die um ihr Recht auf Schulbildung kämpfen musste, eine international bekannte Aktivistin wurde. Oder wie eine junge, regierungsnahe Angestellte mitten in Teheran ihr Kopftuch auszog – eine revolutionäre Tat, die unzählige Iranerinnen inspirierte, bis zu den jüngsten Protesten nach dem Tod von Mahsa Amini, die von der Polizei wegen "unislamischer Kleidung" verhaftet wurde. Andere berichten von Gefängnis und Flucht, vom täglichen Kampf für ein Stück Würde und darum, ihre Stimme öffentlich zu erheben oder auch nur das Haar im Wind wehen zu lassen. Sie empfinden Wut, Trauer, fühlen sich von der Welt verlassen. Sie wissen: Nur die Freiheit der Frau kann die Freiheit der Gesellschaft hervorbringen.

Zur Preisträgerin

Golineh Atai, geboren 1974 in Teheran, war von 2006 bis 2008 für die ARD als Korrespondentin in Kairo und von 2013 bis 2018 in Moskau tätig. Seit 2022 leitet sie das ZDF-Studio in Kairo. Die Journalistin und Autorin wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. als "Journalistin des Jahres 2014", mit dem Peter-Scholl-Latour-Preis, dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis und dem Marie-Juchacz-Frauenpreis. 2023 wurde sie für ihre Berichte aus der Arabischen Welt für den Grimme-Preis nominiert.

Zur Auszeichnung

Der Preis "Das politische Buch" zählt zu den wichtigsten Sachbuchpreisen im deutschen Sprachraum und ist mit 10.000 Euro dotiert. Er wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung jährlich für eine herausragende Neuerscheinung verliehen, die sich kritisch mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragestellungen auseinandersetzt, richtungsweisende Denk- und Debattenanstöße gibt und ihre Inhalte einem breiten Publikum verständlich macht. Die Entscheidung trifft eine unabhängige Jury.

Zu den bisherigen Preisträger_innen zählen u. a. Geert Mak, Swetlana Alexijewitsch, Hans Magnus Enzensberger, Václav Havel, Carolin Emcke, Heinrich August Winkler, Colin Crouch und Thomas Piketty.

Weitere von der Jury besonders empfohlene Bücher 2023:

  • Jo Angerer: "Wenn Widerstand weiblich ist. Die Revolution der Frauen in den postsowjetischen Staaten", Goldmann, München 2022.
  • Teresa Bücker: "Alle_Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit", Ullstein, Berlin 2022.
  • Lukas Haffert: "Stadt, Land Frust. Eine politische Vermessung", C.H.Beck, Edition Mercator, 2022.
  • Pia Lamberty und Katharina Nocun: "Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik", Bastei Lübbe, Köln 2022.
  • Yascha Mounk: "Das große Experiment. Wie Diversität die Demokratie bedroht und bereichert", Droemer, München 2022.
  • Ronen Steinke: "Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich. Die neue Klassenjustiz", Berlin Verlag, Berlin 2022.