Raum für chinesische Staatspropaganda?
In drei Thalia-Filialen bestückt "China Book Trading" Regale offenbar mit Titeln, die regierungsfreundliche Inhalte transportieren. Das stößt auf Kritik.
In drei Thalia-Filialen bestückt "China Book Trading" Regale offenbar mit Titeln, die regierungsfreundliche Inhalte transportieren. Das stößt auf Kritik.
Eine Sinologin hat beim Besuch der Thalia-Filiale am Berliner Alexanderplatz ein Regal mit Titeln chinesischer Staatsverlage entdeckt – und kritisiert dies in einem Facebook-Beitrag. Etliche Medien griffen das Thema auf.
Die erste Freude sei schnell verflogen, schreibt sie in ihrem Post auf Facebook: "Irritiert hat mich dann auf den zweiten Blick jedoch die Aufmachung, die irgendwie so gar nicht in das Design der Filiale passen will, und noch mehr, als ich plötzlich eine Übersetzung von Xi Jinpings 'China regieren' in den Händen hielt." Zudem fielen ihr weitere eindeutig regierungsfreundliche Inhalte auf. Eine Mitarbeiterin habe ihr auf Nachfrage gesagt, die Regale würden "von außen" bestückt. Die Auswahl träfe "China Book Trading", eine Tochter des Fremdsprachenamtes Chinas.
Thalia bestätigte etwa gegenüber ZDFheute, dass an drei Standorten deutschlandweit aktuell "in Zusammenarbeit mit China Book Trading ein chinesisches Buchsortiment" getestet werde. Thalia spreche, so der TV-Sender, von einem "Service für die wachsende chinesische – bzw. China-interessierte – Community in Deutschland". Aber: Der Importeur "China Book Trading GmbH" mit Sitz in Rödermark führt neben Sprachführern und Kochbüchern chinesischer Autoren auch eine ganze Reihe offizieller Publikationen des chinesischen Staates. Das Presseamt des Staatsrates veröffentlicht gemeinsam mit anderen staatlichen Medienhäusern Bücher in zahlreichen Sprachen – auch für den deutschen Markt. Darunter etwa die erwähnte Buchserie "China regieren" des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping mit unkommentiert abgedruckten Reden des Staatschefs. Der Buchimporteur gehöre laut Redaktionsnetzwerk Deutschland (dort werden kritische Stimmen aus der Politik zitiert) zu 100 Prozent der Kommunistischen Partei Chinas.
Update: Statement von Thalia
In einem Statement an die Medien hatte sich Thalia zur Sachlage geäußert. Wir geben es hier noch einmal in Gänze wieder: "Vor allem als Service für die wachsende chinesische ─ bzw. für China Interessierte ─ Community in Deutschland, testet Thalia in Zusammenarbeit mit der CNPIEC – China National Publications Import & Export (Group) Corporation ein chinesisches Buchsortiment. Der Test findet in drei Buchhandlungen statt und ist zeitlich begrenzt. Unsere chinesischen Partner schlagen Bücher vor, die vom Thalia Sortimentsmanagement geprüft und freigegeben werden. Es handelt sich um ein allgemeines Sortiment mit Kinderbüchern, Reiseliteratur, Lyrik und Belletristik sowie zwei Büchern über Politik. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema China findet in unseren Buchhandlungen über kuratierte Thementische und eine große Buchauswahl statt und wird durch den Test nicht beeinflusst."
Rund 100 Titel stünden in den von CNPIEC befüllten Regalen, so Thalia auf Anfrage. Die Bücher lägen zum großen Teil in deutscher und englischer Sprache vor. Der Absatz der Titel sei noch nicht evaluiert worden. Neben Berlin, gebe es das Angebot noch in zwei Filalen in Hamburg und Wien. Es sei nicht geplant, weitere Filialen einzubeziehen. Über die Vertragsdetails habe man Stillschweigen vereinbart. Die Kooperation laufe 2021 aus, gibt Thalia an.
Zum Vorwurf der China-Propaganda in den von CNPIEC bestückten Regalen, äußert sich die Filialist nur indirekt. Thalia biete "ein unabhängiges, sorgfältig kuratiertes China-Sortiment, selbstverständlich auch mit Publikationen, die sich kritisch mit dem Land auseinandersetzen. Die Thementische stehen in unmittelbarer Nachbarschaft."
Gerade zwei Jahre ist es her, dass Deutschlands größte Buchhandelskette so tat, als sei sie nicht allein ein Profiterzwinger auf Kosten von Mitarbeitern und Lieferanten, sondern jenseits des Ritts auf großen schwarzen Zahlen noch irgendwie bei Troste.
„Welt, bleib wach“ – tönte Thalia. Und gerierte sich als Wachrüttler für die Branche wie die Gesellschaft.
Das Wachbleiben, wenn es denn je ernst gemeint war, ist bei Thalia selbst rasch entschlafen.
Nicht nur, dass die Mitarbeiter nun zu unbezahlter Mehrarbeit gepresst werden. Ihr Mitarbeiter seid doch gewiß hellwach geblieben – kann sich von euch jemand erinnern, dass ihr in guten Zeiten am Erfolg beteiligt worden wäret? Aber so ist es, Eigentümer und Manager sacken ein – doch wenn schlechte Zeiten anbrechen, sind nicht sie es, die die Lasten tragen. Nein, diese werden auf die Mitarbeiter abgewälzt.
Allein dies ist moralisch verwerflich. Noch verwerflicher ist es, dem neuen Kaiser von China ganze Bücherregale für verordnete Lobhudelei zur Verfügung zu stellen. Gegen Bezahlung. Selbst wenn diese Aktion vor der Unterwerfung Hong Kongs geplant worden sein sollte – sie nun tatsächlich durchzuführen, ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die für ein demokratisches China eintreten und kämpfen, weggesperrt sind oder ihr Leben gelassen haben.
Seit Jahren ist offenkundig, wie sehr Xi Jinping die Volksrepublik China mit brutaler Ausrichtung kontrolliert und auf seinen gefährlichen Kurs zwingt. Er ist einer der gefährlichsten Herrscher auf dem Erdball. Wohl in 2019 hat er entschieden, fortan keinerlei Rücksichten mehr zu nehmen bei der Durchsetzung seiner aggressiven Politik. ´Kleinere´ Vorfälle vom Südchinesischen Meer bis zum Himalaja, ´größere´ von der Unterdrückung in Tibet und Xinjiang bis zum Übergriff auf Hong Kong sowie immer heftigere Drohgebärden gegen Taiwan geben Zeugnis von der gesteigerten Aggressivität.
Gerade Buchhändler waren die ersten weltweit erkennbaren Opfer. Sie wurden gewaltsam entführt, unter enormen Druck gesetzt, zu ´Geständnissen´ gepresst, psychisch gebrochen. Gui Minhai sei genannt, seit 2015 in der Gewalt chinesischer Behörden und Anfang 2020 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Wenn er nicht im Knast säße – was würde er zur Aktion seiner Buchhandelskollegen in Deutschland sagen?
Eine moralische Bankrotterklärung, würde er sagen.
Ganz offenbar verengen gut gepolsterte Chef- und Eigentümersessel den Blick auf die Welt doch so sehr, dass letztlich schwarze Zahlen alleiniger Maßstab sind und bleiben.
Hartwig Bögeholz, Bielefeld
Geschäftsführer der Jürmker Bücherstube GmbH
Autor von Büchern über China und Hong Kong
Es gibt ja kein Argument, das es nicht gibt ... Ich bin schon gepannt auf die Schriftenreihen von Kim Jon-un und Baschar al-Assad - das wird meine demokratische Gesinnung angenehm stärken.
Auf jeden Fall lässt sich feststellen, dass die autokratische Lektüre in China die chinesische Opposition zum Eintreten für die Freiheit ermuntert.