Buchmessediskussion zum Thema Gendern

Schwierigkeiten mit dem Sternchen

20. Oktober 2021
von Sabine van Endert

"Gendern: Wie Sprache elegant für alle gelingt": Fernsehmoderatorin Petra Gerster, Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum, Aufbau-Verlegerin Constanze Neumann und dpa-Redaktionsleiter Bernward Loheide haben debattiert. Man war sich doch einig: Die Sprache wird sich verändern und gendergerecht werden. Das kann aber noch dauern.

Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum, Fernsehmoderatorin Petra Gerster, dpa-Redaktionsleiter Bernward Loheide und Aufbau-Verlegerin Constanze Neumann

Nicht nur im universitären Bereich oder in den Medien, sondern auch in Unternehmen wie Lufthansa oder Audi werde immer mehr gegendert, so Kathrin Kunkel-Razum, seit 2016 Chefredakteurin des Dudens, zugleich werde der Versuch, alle Menschen ansprechen zu wollen, von vielen lächerlich gemacht. Für Personen, die das Gendersternchen nicht nur schreiben, sondern auch sprechen, gilt das ganz besonders. 

Petra Gerster, Fernsehmoderatorin und Autorin und bis Ende Mai Sprecherin der ZDF-Nachrichtensendung Heute, war überrascht, wie heftig die Reaktionen ausfielen, als sie es Klaus Kleber nachtat, und zwischen "Zuschauer" und "innen" eine hörbare Pause einbaute. Bitterböse Briefe habe sie bekommen und Päckchen mit ihren Büchern, weil man von so einer Autorin nichts im Regal haben wollte. "90 Prozent der Absender waren Männer über 65", so Gerster, "alte weiße Männer, die um ihre Privilegien bangen". Das neue Gendern mit dem Sternchen mache sie seit einem Jahr: "Die Form finde ich elegant und ökonomisch. Man muss es nicht konsequent machen, aber ein, zwei mal pro Sendung, das fühlt sich richtig an", so Gerster. 

Constanze Neumann, Verlegern und seit kurzem auch in der Geschäftsführerin der Aufbau-Verlagsgruppe, bekommt eher Zuschriften, wenn jemand meint, die Sprache des Verlags sei an manchen Stellen nicht sensibel genug. In den Aufbau-Verlagen entscheiden die Autor*innen, ob sie in ihren Texten gendern möchten oder nicht. Im Katalog und in der verlagsinternen Kommunikation wird mit Doppelpunkt gegendert, bei den die Klappentexten wiederum orientiert man sich an den Autor*innen. Sie sei überrascht, wie selbstverständlich und ohne irgendwelche Schwierigkeiten junge Menschen mittlerweile beim Schreiben und Sprechen gendern würden. "Für mich ist das spannend, in meiner Rolle als Verlegerin beobachte ich mit großer Freude, wie sich das entwickelt und was Autorinnen daraus machen", so Neumann. 

Bernward Loheide, Redaktionsleiter der  Nachrichtenagentur dpa und Mitglied im Rat für Deutsche Rechtschreibung, glaubt, dass es noch eine Weile dauern werde, bis Sternchen oder andere Formen gendergerechter Sprache sich durchgesetzt haben werden. "Aus meiner Sicht hat ein Großteil der Bevölkerung noch Schwierigkeiten mit den Sonderzeichen, aber sie sind in Sicht", so Loheide. Die dpa selbst habe im Juni beschlossen, das generische Maskulinum zurückdrängen zu wollen und diskriminierungssensibler zu Schreiben. Nicht mehr und nicht weniger. Grundsätzlich gehe es nicht nur um Geschlechtergerechtigkeit, sondern grundsätzlich darum, Minderheiten zu berücksichtigen. 

Ebenso wie die Duden Redaktion und der Rat für Deutsche Rechtschreibung schaut auch die Nachrichtenagentur dpa, wie sich Sprache entwickelt, zum Beispiel mithilfe von Korpusanalysen. Und was von den Kunden gewünscht wird: Eine Umfrage habe ergeben, dass sich die Nachrichtenredaktionen von dpa einerseits wünschen, dass den sprachlichen Veränderungen Rechnung getragen werden sollte, sie aber andererseits auch nicht Vorpreschen sollten.