Deutscher Buchpreis: Shida Bazyar auf der Buchmesse

"Shidas Kunst ist eine große Schule der Empathie"

9. Oktober 2026
Kai-Uwe Vogt

Auf der Leseinsel der Unabhängigen Verlage stellte sich Autorin Shida Bazyar ("Die Lücken") den Fragen von Börsenblatt-Redakteur Stefan Hauck. Mit auf dem Podium: KiWi-Verlegerin Kerstin Gleba. Die hatte gute Nachrichten fürs Publikum mit im Gepäck.

KiWi-Verlegerin Kerstin Gleba, Börsenblatt-Redakteur Stefan Hauck und Autorin Shida Bazyar. Gleba spricht, die anderen beiden lachen

KiWi-Verlegerin Kerstin Gleba, Börsenblatt-Redakteur Stefan Hauck und Autorin Shida Bazyar

"Die Lücken": Feuilleton-Favorit und Bloggerfavorit

Es gab für den Roman viel Lob im Voraus – "Die Lücken" gilt im Feuilleton als "Roman des Herbstes" und ist als ein Favorit ins Rennen um den Deutschen Buchpreis gegangen. Das Interesse am Roman und Autorin Shiya Bazyar ist gewaltig: Die Leseinsel der Unabhängigen Verlage platzte am Freitag schier aus allen Nähten und konnte – auch akustisch – gar nicht das gesamte Publikum aufnehmen. 

Kerstin Gleba gestikulierend

Kerstin Gleba

Eigene Lücken hinterfragen

"Was stand am Anfang des Schreibprojekts?", wollte Börsenblatt-Redakteur Stefan Hauck wissen.

"Meine eigene große Lücke", erklärt Bazyar. Als 2018 ein Buch über die jüdische Gemeinde in Hermeskeil erschienen ist, wurde sie sich des Schweigens über die Verbrechen der NS-Zeit im ehemaligen "Gaumusterdorf" bewusst. "Ich bin selbst auf das Schweigen hereingefallen", reflektierte sie einen kollektiven Prozess, bei dem das Wort "Verdrängen" zu kurz greift.

Bazyar wollte mit "Die Lücken" einen Aha-Effekt erzeugen, eine Reaktion mit Blick auf die Verbrechen während des Faschismus: "Täter waren die ganz normalen Leute." Beim Schreiben setzte sie sich selbst Grenzen. "Ich wollte nicht historische Personen zu Held:innen meines Romans machen – mir nicht anmaßen, ihre Empfindungen zu erfinden, auch nicht von den Tätern."

Und auch die Perspektive der Täter, das wurde im Gespräch deutlich, spart "Die Lücken" nicht aus. Das ist mitunter heftig. "Ich wollte Figuren beschreiben, die aus Überzeugung gehandelt haben, ich musste mir beim Schreiben immer wieder verbieten, Ausflüchte zu finden. Es ist ja so: Bei den meisten Menschen hat auch später kein Umdenken stattgefunden. Ich wollte aber auch nicht dämonisieren, es ging mir um einen ehrlichen, einen menschlichen Blick", beschreibt Bazyar ihre Herangehensweise. Sie dröselt das Nebeneinander von Grauen und Alltag im Leben der Täter auf: "Wer als Täter während der Novemberpogrome in die Häuser seiner Nachbarn eingedrungen ist, hat auch Kinder erzogen und freundlich gelächelt und seine Kunden bedient."

leseinsel

Bestens besucht: Die Leseinsel der Unabhängigen in Halle 3.0

Internationaler Erfolg

Wie beschreibt die Verlegerin Kerstin Gleba das Buch? "Eine besondere Symbiose aus literarischer, anspruchsvoller Literatur und wichtigen gesellschaftlichen Themen. Ich war sehr beeindruckt von der Größe des Projekts, das Shida vorhatte und von der Fülle der Figuren: Rund Hundert Figuren und ein ganzes Jahrhundert. Sie zeigt, dass es auch in der Gegenwart Schichten abzutragen gibt. Ich musste an 'Dunkelblum' und 'Hundert Jahre Einsamkeit' denken. Ich muss ihr gratulieren, diesen Stoff so gefasst zu haben." Gleba betont, es sei ein "Qualitätsmerkmal der Literatur, sich dermaßen in die Figuren einfühlen zu können – auch wenn es weh tut und wir von schrecklichen Verbrechen reden."

Ein Text wie ein Puzzle

Ihren Text versteht Bazyar als Puzzlearbeit, die nicht nur sie als Autorin, sondern auch der Leser machen muss – ein Drahtseilakt, während des langen Schreibprozesses.

"Ich habe mich immer gefragt: Ist es zu komplex oder zu einfach? Mir war klar, eine gewisse Denkarbeit ist wichtig, sonst erzielt das Buch seinen Effekt nicht. Hier die Waage zu halten, dafür ist ein Lektorat sehr wichtig."

Bazyar hat sich dennoch sehr bewusst gegen eine Schreibsoftware mit Timeline und Materialablage entschieden. "Wenn ich als Autorin den Überblick nicht behalten kann, können es die Leser:innen erst recht nicht."

Am Ende des Gesprächs liest Shida Bazyar noch eine Passage vor

Am Ende des Gesprächs liest Shida Bazyar noch eine Passage vor

Internationaler Erfolg

Bereits Shida Bazyars Debüt ist 2016 bei KiWi erschienen, es ist für den Booker Prize nominiert. Viel Lob gab es auch für den Nachfolger. Lizenzen für "Die Lücken" hat der Verlag bereits in acht Länder verkauft, weitere werden dazukommen. 60.000 Bücher hatte KiWi im September als Startauflage gedruckt - eine selbstbewusste Ansage - konnte kurzfristig nicht die Anfrage nach der Verkündigung des Deutschen Buchpreises bedienen. Doch der Verlag konnte schnell reagieren: "Am Montag haben unsere Herstellerinnen mit der Druckerei telefoniert. Aktuell sind 120.000 Exemplare gedruckt, die ersten Bücher sind heute eingetroffen", berichtet Gleba und fasst das Erfolgsrezept zusammen: "Der Roman vereint literarische Wucht und politische Dringlichkeit", so Gleba – und schließe die Gegenwart mit ein. "Shidas Kunst ist eine große Schule der Empathie, auch bei Figuren, die wir nicht mögen."

Bazyar betont, ihr gehe es nicht darum, Leiden gegeneinander aufwiegen – gerade weil mehrere Regime im Roman vorkommen: Fluchterfahrungen aus einer Diktatur (Iran) in eine ehemalige Diktatur (Deutschland) eine zentrale Rolle spielen. Bazyar setzt dabei auf eine klare Sprache, vor allem, wenn es um das Innenleben der Figuren geht. "Jedes Buch hat seinen eigenen Sound. Jeder Autor hat seine eigene Handschrift. Ich glaube, dass sich jeder Text seine eigene Sprache sucht."