Die Sonntagsfrage

„Wie geht Buchmesse virtuell, Herr Kiehn?“

28. Juni 2020
von Börsenblatt Online

Gleich die erste Ausgabe der Buchmesse Saar musste wegen Corona virtuell stattfinden. Vom 19. Bis 21. Juni gab es im Netz 30 Stunden Live-Literatur und 50 vorproduzierte Veranstaltungen. 180.000 Besucher’innen haben das Angebot genutzt. Organisator Benjamin Kiehn über das geglückte Debüt - und die Buchmesse Saar 2021.

Wie geht Buchmesse virtuell? Eine virtuelle Buchmesse ist nicht mehr und nicht weniger als jedes andere Event. Man braucht Kreativität und Organisation. Aus 18 Jahren Event-Erfahrung kann ich eines sagen: Jedes erfolgreiche Projekt hat ein Herz und eine Botschaft, es hat Ecken und Kanten – und im besten Fall  ein unverwechselbares Profil.

Bei der Buchmesse Saar fiel die die Entscheidung für eine virtuelle Buchmesse in gerade mal zwei Stunden. Wir hatten zuvor 18 Monate für eine physische Buchmesse gearbeitet und gegen viel Vorurteile gekämpft. Jetzt wollten wir beweisen, dass wir es können. Und wir haben es geschafft und quasi aus dem Nichts eine ausgebuchte Buchmesse auf die Beine gestellt. 

"Wir wollten nicht gegen einen Virus verlieren"

Man kann sich leicht vorstellen, wie sehr uns die finale Absage der physischen Messe geschmerzt hat. Aber die Absage hat uns auch angespornt: Wir wollten nicht verlieren, schon gar nicht gegen etwas so Surreales wie einen Virus.

Das Konzept für die Virtualisierung war schnell gefunden: Alles sollte barrierefrei funktionieren und die gängigen Social-Media-Kanäle einbeziehen. Simple and stupid. Systemstabilität, Usability und Reichweite waren für uns Schritt zwei. Denn gerade letzteres ist auch für die Verlage entscheidend.

Aus Schritt zwei entwickelte sich der Budgetplan. Da wir mit Null Euro in die virtuelle Messe gestartet sind, mussten wir Sponsoren_innen und Partner_innen finden, die bereit waren, unsere Philosophie mitzutragen. Ein nicht gerade üppiges Budget von 18.500 Euro musste dann am Ende reichen. Unsere Grundsätze: Bücher müssen Menschen erreichen. Das geht am einfachsten ohne finanzielle Hürden. Also kein Eintritt. Außerdem war klar, einer Branche, die in diesem Jahr schon so viel Geld verloren hat, können wir nicht auch noch Gebühren auferlegen. Aussteller_innen haben also ebenfalls kein Geld zahlen müssen. Ob das zukünftig so bleiben kann? Das hängt von unseren Sponsoren_innen ab.

"Schön schnell und flexibel"

Wir, das sind übrigens drei Menschen, Diana Wolter (Programmdirektorin), Karsten Wolter (Buchhändler und Veranstalter) und ich. Bei einem so kleinen Team sind die Wege kurz - was uns schön schnell und flexibel gemacht hat. Ohne ein Team aus Spezialisten_innen wäre die Buchmesse aber nicht zu realisieren gewesen. Dieses Team haben wir in 15 Ehrenamtlichen gefunden, die ihre jeweiligen Expertisen kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Social Media, Webdesign, Usability, Systemadministration, Marketing, Video, Ton, Film, Moderation, das waren unsere Special Forces. Hätten wir die realen Kosten berechnen müssen, hätte die Messe etwa 35.000 Euro gekostet.

Aber auch 35.000 Euro sind im Vergleich zur erzielten Reichweite von fast 400.000 Menschen eigentlich nichts. Von den 400.000 erreichten Menschen haben sich 200.000 in die Streams, Chats und Mediatheken eingeloggt - darunter 72.000, die nicht nur konsumiert, sondern auch interagiert haben. 72.000 haben kommentiert oder sich in einer anderen Form eingebracht. Das ist ein riesiger Erfolg!

"Eine virtuelle Messe lebt von Agilität"

Genutzt haben wir die Plattformen Discord, YouTube, Twitch, Skype, Instagram und Facebook sowie die Konferenzsoftware ZOOM. Also ein bunter Mix, der es uns ermöglicht hat, sehr viel Menschen zu erreichen. Wir sind stolz darauf, dass es uns gelungen ist, mit ansprechenden Formaten Barrieren abzubauen. So hatte beispielsweise unser Twitchtalk zur "höheren Belletristik" bisher stolze 4.800 Views. Seien wir mal ehrlich - Twitch ist nicht gerade als Plattform für Belletristik-Fans bekannt. Wir haben über diesen Kanal also Literatur an Menschen gebracht, die sonst nicht oder nur sehr schwer erreicht werden.

Unser Erfolg beruhte wesentlich natürlich auf unserem vielfältigen Programm. Überrascht hat uns, dass die Autoren_innen, die gutes Crossmarketing eingesetzt haben, die höchsten Reichweiten erzielt haben. Das bedeutet, dass eine virtuelle Messe in erster Linie von Agilität lebt - und nicht von „großen“ Namen. 

Wir sind gespannt, wie sich die Zugriffszahlen bis Oktober entwickeln. Denn so lange wird es die Buchmesse in der Variante 2020 noch im Netz geben. Wir werden am Konzept der virtuellen Buchmesse festhalten. Und wir werden das Konzept erweitern und partizipativ gestalten.

 

Pläne für die Buchmesse Saar 2021

1. Das virtuelle Erlebnis soll noch interaktiver gestaltet werden, inklusive der Möglichkeit, einzelne Shops aufzusuchen. Gemeinsam mit den Verlagen wollen wir hier attraktive, leicht zugängliche Angebote entwickeln.

2. Durch die Einbindung des örtlichen Buchhandels soll über das gesamte Saarland eine Hybridmesse ausgerollt werden. 

3. Die Buchmesse Saar soll internationalisiert werden. Wir möchten nach dem hohen internationalen Zuspruch zukünftig auch Autorinnen und Autoren aus dem Ausland virtuell einladen und einbinden.

4. Die Buchmesse Saar soll institutionalisiert werden - mit regelmäßigem Content, der über die Messekanäle ausgespielt wird. Diese "Buchmesse-Talks" sind für die Verlage und alle sonstigen Buchmenschen kostenlos. 

5. Die Buchmesse Saar wird künftig Themenportale anbieten, die Schwerpunkte setzen, um den Besucher_innen den Zugriff zu erleichtern. Angebote wie Kinderbuchlesungen sollen dann auch von Kindern und Jugendlichen moderiert.

6. Bildungs-Streams: Die vier Wochen vor der Buchmesse werden genutzt, um gezielt Inhalte in Schulen bundesweit zu streamen - dies immer nach Lehrplaninhalten und Altersgruppen gestaffelt und mit internationalen Autorinnen und Autoren besetzt. Workshops sind so ebenfalls möglich. 

7. Das Event "Virtuelle Buchmesse Saar" selbst wird von drei auf sieben Tage ausgeweitet; mit stetig wachsender Programmdichte. Die größte Programmdichte und echtes "Messefeeling" gibt es in der Kernzeit vom 18. - 20. Juni 2021.

8. Wir wollen Partizipation! Es soll ein Beirat mit Verlagsleuten, Autorinnen und Autoren und allen anderen Buchmenschen eingerichtet werden, der die Buchmesse Saar weiterentwickelt. 

9. Die Buchmesse Saar bleibt ein kostenloses Angebot für alle Besucher_innen.

Manche aus der Szene der Buchmesseveranstalter sehen uns als Rebellen_innen. Was wir gemacht haben war schnell, es war schmutzig, es war anders und so war es auch gut. Grundsätzlich ist Rebellion etwas Gutes, denn sie entsteht aus Hoffnung. Ob die Frankfurter Buchmesse etwas von uns lernen kann? Keine Ahnung. Unser Wissen und unsere Erfahrungen geben wir aber gern weiter. Wir sind Netzwerker_innen und überzeugt davon, dass Leuchtturmdenken nur schadet.