Die Sonntagsfrage

„Wir suchen die Prosumer“

16. Mai 2021
von Börsenblatt

54books ist als Blog gestartet und hat sich schnell zu einem feinen Online-Literaturmagazin entwickelt, das von immer mehr Menschen gekannt und genutzt wird. Verglichen mit den klassischen Feuilletons in Zeitungen und im Rundfunk: Worin unterscheidet sich die Idee von Literaturkritik? Was macht 54books so besonders? Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Das lesen Sie in der heutigen Sonntagsfrage

Das Team von 54books: (v.l.) Simon Sahner, Berit Glanz, Tilman Winterling, Johannes Franzen

Wir versuchen, als Redaktion unter anderem Themen und Debatten abzubilden, auf die wir in den sozialen Medien aufmerksam werden. So finden wir immer wieder online interessante Stimmen, die auf Twitter oder Facebook eine Diskussion angestoßen haben und bitten sie, ihre Gedanken für uns ausführlich aufzuschreiben. Das unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Arbeit der etablierten Feuilletons, führt bei uns dann aber zu Beiträgen über Sitcoms, historische Romane, Reality TV, Netzphänomene oder Lyrik auf Twitter, die möglicherweise so oder zumindest in dem Umfang im etablierten Feuilleton keinen Platz bekämen.

Uns interessiert dabei, wie man sich kulturjournalistisch auch mit sehr populären Genres auseinandersetzen kann. Vielleicht liegt der Unterschied eher darin, dass wir uns trauen, Beiträge, gerne auch lange Essays, zu Themen zu bringen, die sich oft nicht im klassischen Feuilleton finden lassen, beispielsweise in Texten zu Fragen nach queeren Themen im Literaturbetrieb, Literaturen aus kleinen Sprachen oder zum Thema Sorgearbeit. Viele Texte sind politisch, manche analysieren das Feuilleton aus einer Meta-Perspektive, fragen also beispielsweise nach Misogynie in der Literaturkritik oder sie beteiligen sich an aktuellen Debatten. 

Diesen Fokus haben wir bewusst beim Relaunch der Seite als Magazin Anfang des vergangenen Jahres gelegt. In unserer Wahrnehmung hat die klassische Rezension oder das Gespräch mit Autor*innen, die bei uns ebenfalls noch stattfinden, immer weniger Aufmerksamkeit bekommen. Lange Texte, gerne auch zu abseitigen Themen, werden dagegen weiterhin viel gelesen. Und das von einer Zielgruppe, der immer mal wieder Feuilletonmüdigkeit angedichtet wird: Über ein Drittel unserer Leser*innen ist zwischen 25 und 34 Jahre alt und zwei Drittel sind unter 45.

Neben den bei uns veröffentlichten Texten suchen wir dazu online das Gespräch mit unseren Leser*innen. Die Texte sind oft in ein Gespräch eingebettet, das in den sozialen Medien weitergeführt wird. Es geht nicht allein um den Text, sondern auch um die Gemeinschaft an Lesenden, die darüber diskutiert. Das kann im Streitgespräch auf Twitter sein oder der Austausch im Rahmen eines Live Videos bei Instagram über Neuerscheinungen. 

Wir versuchen so, den Diskurs aus den sozialen Netzwerken bei uns abzubilden, dann aber auch in diese Gemeinschaft zurückzutragen. Was wir suchen, sind aktive Leser*innen, das was die Medienwissenschaft Prosumer nennt, die die Inhalte auf 54books durch ihren Input im Gespräch erweitern.

TERMINE:

Berit Glanz von 54Books, Autorin und Kulturwissenschaftlerin, hält am 31. Mai auf einer Fachkonferenz in Potsdam einen Vortrag zum Thema “Quo vadis Literaturkritik?“. An diesem Tag treffen sich im Garten der Villa Schöningen Menschen aus der Literatur- und Medienbranche, um über „Schreiben und Publizieren im digitalen Zeitalter“ zu diskutieren. Die Konferenz ist zugleich Auftakt der Festivalwoche LIT:potsdam. Konzept und Programm der Fachtagung (auf der die Branche nach vielen Monaten Zeit der Einschränkungen sich erstmals wieder physisch und real treffen kann) wurden von Klaus Kluge und der Agentur Werkside entwickelt.