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"2022 wird die Buchmesse einen strategischen Move schaffen müssen"

26. Oktober 2021
von Börsenblatt

Wiedersehensfreude, Neustart und Kontroverse um die Grenzen der Meinungsfreiheit - die 73. Frankfurter Buchmesse ist über die Bühne gegangen. Sechs Branchenleute ziehen Bilanz. 

Ulrich Störiko-Blume hat verschiedene Verlage geleitet, zuletzt Hanser Kinderbuch. Heute ist er Inhaber der literarischen ProjektAgentur in München.

Ulrich Störiko-Blume, ProjektAgentur

Die Buchmesse war schon deshalb einen Besuch wert, weil die überall zu verspürende gute Stimmung darauf beruht, dass viele Verlage sich ideenreich, tatkräftig und unbeirrbar von der Krise nicht unterkriegen lassen. Bislang war die Messe eine weltweite Drehscheibe, auf der sich Lizenzkäufer und Rechteverkäufer persönlich getroffen haben. Das hat sich geändert – der Lizenzhandel hat digitale Wege gefunden, und ausländische Verlage werden nicht mehr im gewohnten Umfang kommen. Im Lizenzhandel erlebe ich drei unterschiedliche Haltungen: Die einen treffen sich hier nach wie vor mit Kollegen, auch wenn diesmal das transkontinentale Gegenüber fehlt, die zweiten treffen sich nur noch digital, und die dritten machen beides. Nicht wenige Verlage nehmen eine Umgewichtung vor: Die Standpräsenz dient mehr der Werbung und dem Image des Verlags, als dass es wie früher darum ging, konkrete Geschäfte und Verträge abzuschließen. 

 Auf Instagram aktiv: der Buchhändler Florian Valerius und sein Format »Literarischer Nerd«.

Florian Valerius, Buchhändler und Buchblogger:

Was ich nicht ertragen kann, ist, wenn die Messe von einigen totgesagt wird – wir sind ja trotzdem alle hier, um uns live zu treffen, miteinander zu sprechen, über Ideen auszutauschen. Ich bin ein Fan des Digitalen, aber die rein digitale Messe hat 2020 nicht funktioniert: Die Präsenzmesse ist nicht ersetzbar. Das Wichtige sind gerade die Zufallsgespräche, die auf dem Gang, nebenbei, auf Partys usw. stattgefunden haben. Insofern ist die reale Buchmesse 2022 nicht zu ersetzen – und wir freuen uns doch schon alle darauf. 

Sabine Cramer

Sabine Cramer, verlegerische Geschäftsführerin im DuMont Buchverlag

Die Frankfurter Buchmesse 2021 war quasi eine Taschenbuchausgabe – diese Formulierung einer Kollegin fand ich sehr passend.  Wir sind mit kleinerem Team nach Frankfurt gekommen, allein schon, weil so viele internationale Partner gefehlt haben. Meine Lücken im Kalender habe ich auch genutzt, um Kolleginnen und Kollegen aus  deutschsprachigen Verlagen zu treffen – auch dafür haben im letzten Jahr ja die Anlässe gefehlt, Literaturfestivals zum Beispiel.

Katja Meinecke-Meurer, Tessloff-Verlegerin

Für uns hat sich die Buchmesse total gelohnt, unser angepasstes Konzept ist voll aufgegangen – am Mittwoch ging es noch geruhsam los, ab Freitagmittag waren dann unglaublich viele Familien in Halle 3.0, und man hat richtig die Begierde nach Büchern gespürt, auch wenn man bei uns nur digital blättern konnte. Die Dinosaurierfigur am Stand hat für großen Zulauf gesorgt, auch unsere täglich 900 WAS IST WAS Taschen und unser Dino-Eis auf der Agora gingen weg wie nichts. Samstag standen die Besucher in langen Schlangen vor der Festhalle, um in die Veranstaltungen zu kommen, und Hugendubel hatte gut zu tun. Obwohl die asiatischen und transatlantischen Gesprächspartner gefehlt haben, waren die Gespräche mit Fachbesucherinnen intensiver und werthaltiger als früher, auch weil wir mehr Zeit hatten. Ich persönlich habe die vielen Momente der zufälligen Begegnung und besonders den Raum für Ideen genossen, die nur aus dem Moment der Situation entstehen. Und man darf die mediale Berichterstattung nicht vergessen, die ein großes Marketing für unsere Branche ist.  

Nach der Messe stellen alle Verlage ihre Budgets für 2022 auf, und da muss festgelegt werden, welche Mittel für den Messeauftritt 2022 eingeplant werden. Ich bin der Meinung, dass sich eine Standpräsenz auch mit Blick auf die Endkunden lohnt. Gerade die Stände der Kinderbuchverlage waren oft attraktiv gestaltet, aber auch der Stand von Katapult zum Beispiel hat die Freude der Macher ausgedrückt. Ebenso war der Schweizer Stand mit den bunt gemischten Verlagen sehr lebendig und immer belagert: Das können Modelle für 2022 sein. Ich denke, es wird eine Abkehr vom immer größer, höher, mehr geben – die Masse macht es nicht, sondern es kommt auf die Qualität des Auftritts an. Ich hoffe, wir können da in der Branche ein gutes Miteinander finden. Und wenn Endkunden wie in diesem Jahr fragen ‚Wieso ist denn der Verlag X nicht da?‘, dann zeigt das, welch großen Stellenwert die Buchmesse hat. Wir jedenfalls planen fest mit der Buchmesse 2022.

Britta Kierdorf, ars edition

Britta Kierdorf, Pressechefin von ArsEdition

Multilaterales Netzwerken gelingt online nicht: Im Digitalen spricht immer nur eine oder einer, das gleichzeitige Sprechen von mehreren, die lebhafte Runde – das geht nur in „echt“, das haben wir hier eindrucksvoll in Frankfurt erlebt. An unserem Stand haben sich permanent Menschen für unsere Produkte interessiert, und das wird auch 2022 so sein. 

Renate Herre, Carlsen-Verlegerin

Für 2022 wird die Messe einen strategischen Move schaffen müssen, um die Leserinnen und Leser stärker einzubeziehen – das Publikum wird immer wichtiger. Da gilt es auch, Konzepte und Lösungen zu finden für einen unkomplizierten Verkauf – die Leute stöbern am Stand, finden ein Buch toll und möchten das abends lesen. Ich denke, die Gewichtung von Fachbesuchern und Endkunden wird sich hin zu letzteren verschieben. Die Verlage werden deshalb auch verstärkt Standflächen schaffen, auf denen sie ihre Autor*innen und Themen live präsentieren können.