Die Sonntagsfrage

Wie steht es um die Diversität im deutschen Buchmarkt, Frau van Lente?

4. Juli 2020
von Börsenblatt

Dr. Sandra van Lente und Dr. Anamik Saha (Goldsmiths, University of London) haben in ihrem Forschungsprojekt „Rethinking ‚Diversity‘ in Publishing“ srukturelle Hindernisse für people of colour in der britischen Literaturbranche unter die Lupe genommen. Nach 113 Interviews mit Menschen aus fast allen Bereichen des britischen Buchmarkts – von Agenturen über Verlage bis hin zu Buchhandlungen – zeigt die Studie klar, dass britische Autor*innen of colour und working-class Autor*innen benachteiligt werden. Und wie sieht das in Deutschland aus? Antworten von Sandra van Lente. 

Sandra van Lente

Während unserer Forschungsarbeit im UK habe ich im Hinterkopf immer mal wieder unsere Beobachtungen mit der deutschen Buchbranche verglichen: Welche Autor*innen sind hier besonders sichtbar? Wie viele BIPoC (Black, Indigenous, und Person of Colour) Autor*innen kenne ich aus den Mainstream-Medien, wie viele über persönliche Empfehlungen und Netzwerke? Gibt es eine echte Vielfalt bei der Art von Geschichten, die publiziert und besprochen werden? Produzieren wir hier auch vorrangig entlang erprobter Erfolgsmuster?

Einige deutliche Unterschiede gibt es natürlich, nicht zuletzt die Buchpreisbindung und die vergleichsweise höhere Zahl von unabhängigen Verlagen und Buchhandlungen in Deutschland: während es im UK neben den 883 unabhängigen Buchhandlungen (Januar 2019) eigentlich nur noch Waterstones und WHSmith gibt, haben wir laut BoeV alleine in Deutschland ca. 3.500 unabhängige Buchhandlungen. Ein weiterer möglicher Hinweis auf Vielfalt ist die hohe Zahl an Übersetzungen ins Deutsche (mit 9.803 Erstausgaben weit höher als die Übersetzungen ins Englische im UK), also alles gut bei uns in puncto Vielfalt?

Wo sind die Bücher von Deutschen BIPoC?

Ich fürchte nicht. In der Vergangenheit habe ich mich beispielsweise bei den BücherFrauen mit der Sichtbarkeit von Frauen im Buchmarkt beschäftigt. Das ist oft ernüchternd bis frustrierend, nicht zuletzt, wenn man sich ansieht, wer wen rezensiert und wie viel Raum dafür (in den traditionellen Printmedien) bekommt. Dazu ist beispielsweise #FRAUENZÄHLEN und die Studie „Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ interessant (link).

Ich frage mich zusätzlich: Wo sind die Bücher von Deutschen BIPoC? Insbesondere solche, in denen die Autor*innen nicht nur über ihre Rassismuserfahrungen schreiben (dürfen)? Es gibt sie, aber sie sind ungleich schwieriger zu finden, was nicht zuletzt auch wieder daran liegt, was wo und von wem besprochen wird. Lesenswert zum Thema fand ich z.B. das vor Kurzem erschienene Interview von Jade S. Kye für Tor Online (link) mit Nora Bendzko und James A. Sullivan über „die (unsichtbaren) Hürden für BPoC Autor*innen in der Buchbranche“.

 

Meine Hoffnung ist, dass wir uns nicht auf den Leistungen der unabhängigen Verlage, Buchhandlungen und Initiativen ausruhen, sondern die bestehende Vielfalt schützen und weiter vorantreiben.

Veränderungsvorschläge

Welche Geschichten werden erzählt und sichtbar gemacht jenseits der weißen, cis-, heterosexuellen, able-bodied, christlich bis atheistischen Erfahrung? Als Leserin wünsche ich mir auch hier mehr Vielfalt. Natürlich fallen mir auch gleich ein paar tolle unabhängige Verlage und Initiativen ein, die es besser machen, aber die große Aufmerksamkeit bekommen sie in den traditionellen Medien nicht. Ich hole mir meine Informationen inzwischen lieber über Autor*innen, Aktivist*innen und ausgewählte indie Verlage, meist über deren Social Media Kanäle.

Meine Hoffnung ist, dass wir uns nicht auf den Leistungen der unabhängigen Verlage, Buchhandlungen und Initiativen ausruhen, sondern die bestehende Vielfalt schützen und weiter vorantreiben. Um es mit Zoë Becks Worten zu sagen: Die „Vielfalt blüht nicht im Mainstream“ (link zu ihrem Artikel über die Vielfalt im deutschen Buchmarkt aus ihrer Perspektive).

Ich kann mir vorstellen, dass einige unserer Veränderungsvorschläge für das UK auch für den deutschen Literaturbetrieb interessant sein könnten:

  • Diversität nicht nur im Sinne von Zahlen (Angestellte und Autor*innen) denken, sondern auch, welche Geschichten erzählt werden und welche Ungleichbehandlungen abgeschafft werden müssen
  • Nicht nur von weißen, Mittelklasse-Leser*innen ausgehen und aktiv versuchen, ein Lesepublikum anzusprechen, das nicht von alleine in die Buchhandlungen pilgert
  • Den Produktionsprozess transparenter machen und Zugangsbarrieren für angehende Autor*innen abbauen
  • Partnerschaften knüpfen um neue Autor*innen und Leser*innen zu finden. Im UK gibt es beispielsweise Literaturförderorganisationen wie „Spread the Word“ oder „Writing West Midlands“, die in ihren Regionen verankert sind und einen ganz anderen Zugang zu Leser*innen und (zukünftigen) Autor*innen haben – und falls es so was noch nicht in Deutschland gibt: gründen
  • Und eine Bemerkung, die mir wichtig ist: antirassistische Arbeit geht uns alle an, insbesondere weiße Menschen. Es ist nicht Aufgabe der BIPoC Autor*innen und Angestellten, zu erklären, was das Problem ist, und dagegen anzukämpfen.

 

Besseres Vokabular für diskriminierungsfreie Unterhaltung

Zusätzlich denke ich, wir brauchen wir ein besseres Vokabular, um uns nuanciert und diskriminierungsfrei über die bestehende Ungleichbehandlung zu unterhalten. Ich bin keinesfalls die Erste, die das sagt, aber ich sehe sowohl als Übersetzerin als auch als Leserin, dass die Problematik trotz aller Informationsangebote und Aufrufe noch nicht allen bewusst ist und sich noch nicht in Handeln übersetzt hat.

Ich halte eine ähnliche Studie für den deutschen Buchmarkt für interessant, wenn nicht sogar notwendig. Nicht nur um einen tieferen Einblick zu bekommen, sondern auch um ein Umdenken anzustoßen. Ein erfreuliches Ergebnis unserer Arbeit im UK war, dass sich die Interviewten im geschützten Raum der anonymen Interviews getraut haben, laut zu denken und ihre ‚gewachsenen‘ Annahmen und Praktiken begonnen haben, infrage zu stellen. Und uns ging es nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern aus den Konversationen heraus Probleme besser benennen und konkrete Verbesserungsvorschläge machen zu können. Das würde ich mir für uns alle auch für den deutschen Literaturbetrieb wünschen.

Dr. Sandra van Lente ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und auf den britischen Buchmarkt spezialisiert (Blog: www.literaryfield.org). Zuletzt hat sie gemeinsam mit Dr. Anamik Saha an der Goldsmiths, University of London im Forschungsprojekt „Rethinking ‚Diversity‘ in Publishing“ gearbeitet. Den Bericht zur Studie mit Handlungsvorschlägen für Literaturagenturen, Verlage und Buchhandlungen sowie Mitschnitte der Veranstaltungen der Launch-Woche finden Sie hier: www.rethinkingdiversity.org.uk (eine deutsche Übersetzung ist in Arbeit)
Kontakt für Fragen und Kooperationen:
svl@sandravanlente.de oder Twitter @svanlente