Was tun, wenn die 14-jährige Kundin einen Dark-Romance-Titel auf den Tresen legt? Der nämlich sollte laut der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz nur von Erwachsenen gelesen werden – obwohl er auch bei Jugendlichen im Regal steht, ähnlich wie viele weitere New-Adult-Romane. Lässt sich das überhaupt verhindern? Verlage wie cbt, Oetinger und Carlsen nutzen in Vorschauen Altersangaben und eine Chili-Skala, die sich häufig auch bei YouTube, Reddit, TikTok und Goodreads findet. "Wir haben uns der Chili-Skala angeschlossen und definieren zwischen null und drei Chilis, wobei wir hier die Grenze ziehen zwischen Young Adult (YA, keine Chilis) und NA, also ab 16 Jahren (eine bis drei Chilis)", erklärt Silke Kramer, Programmleiterin bei Planet, Loomlight und Esslinger. "Grundsätzlich empfinde ich diese Einordnung als sehr schwammig, da es sich um eine subjektive Einschätzung der Lektorin handelt." Ihre Verlage haben mit der Chili-Skala auf den dezidierten Wunsch des Handels reagiert. Denn der fordert eine Einordnung – wohl auch, weil sich Schenkende hier mehr Orientierung wünschten. "Dass die Zielgruppe, die Leserinnen, das ebenfalls braucht, bezweifle ich ehrlicherweise."
arsEdition empfiehlt die Young-Adult-Titel seines Labels enchanted ab 14 Jahren, die New-Adult-Titel ab 16 Jahren – und hat im Frühjahrsprogramm eine Spice-Skala eingeführt: Sie beginnt harmlos mit "Innocent" und geht über "Closed Door" und "Open Door" bis zu "Super Spicy". Bei Letzterem erwarten die Leser:innen mehrere sexuelle Handlungen, die explizit und detailreich beschrieben werden; sie sind "in der gesamten Szene mit dabei und erleben alle Handlungen, die oft intensiv, abenteuerlich und experimentell sind, hautnah mit".
In diesem Zusammenhang stößt mir die Aussage von Stephanie Bubley, Verlagsleiterin bei Lyx, besonders auf. Sie erklärt sinngemäß, man nehme Kritik an Titeln wie »Icebreaker« nur zur Kenntnis, aber keineswegs ernst. Diese Haltung empfinde ich als unverantwortlich und ignorant gegenüber jenen Leserinnen und Buchhändlerinnen, die sich Gedanken darüber machen, welche Botschaften – beispielsweise über Sexualität und Machtverhältnisse – in vermeintlich harmlos wirkenden Büchern vermittelt werden. Dass Bubley die Sorgen um brutale Unterwerfungsdynamiken oder fragwürdige Rollenbilder einfach vom Tisch wischt, hat mich in meiner eigenen Entscheidung bestärkt, alle Lyx-Titel zu remittieren und nicht weiter zu führen.
Die Idee hinter Age-Ratings, Chili-Skalen oder auch expliziten Triggerwarnungen besteht ja nicht darin, mündigen Erwachsenen den Lesegenuss zu verderben, sondern jugendliche Leserinnen besser zu schützen und allen Kundinnen (inklusive Eltern und Großeltern) klare Hinweise zu geben. Eine verpflichtende, einheitliche Kennzeichnung würde Buchhändlerinnen bei der Beratung entlasten und verhindern, dass Minderjährige unbeabsichtigt auf Inhalte stoßen, die für ihr Alter nicht geeignet sind.
Als Buchbranche sollten wir gemeinsam daran arbeiten, junge Menschen an Literatur heranzuführen, ohne sie dabei mit Themen zu überrumpeln, die sie möglicherweise noch nicht einordnen können. Mündige Leserinnen werden dadurch keineswegs bevormundet, sondern besser informiert – was letztlich der gesamten Branche zugutekommt.