Fokus Lernhilfen: Interview mit Klaus Zierer

"Wir brauchen ein Klima der individuellen Förderung"

7. Juli 2021
von Michael Roesler-Graichen

Der Distanzunterricht während der Corona-Pandemie hat Folgen. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, über Lernlücken, Versäumnisse der Bildungspolitik, unreflektierte Digitalisierung und ein Pilotprojekt zur individuellen Förderung, das gemeinsam mit dem Stark Verlag umgesetzt wird.

Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg

Worin liegt das größte Versäumnis der deutschen Bildungspolitik in den Corona-Monaten seit März 2020?
Die Corona-Pandemie hat viele Schwächen des Bildungssystems offengelegt, die bereits vor der Krise existierten, beispielsweise die Unzeitgemäßheit der Lehrpläne. Neu hinzugekommen sind weitere Probleme, von denen das Nicht­testen der Lernfortschritte sicherlich eines der größten Versäumnisse darstellt. Denn ohne zu wissen, wo Lernende stehen und wie sie durch die Krise gekommen sind, ist es nicht möglich, sie sinnvoll zu unterstützen und individuell zu fördern. So wie man massenhaft auf das Corona-Virus getestet hat, wäre es notwendig gewesen, bei Lernenden die Lernfortschritte zu erheben. Das hätte durchaus ohne Benotung stattfinden können, aber kurzerhand solche Leistungserhebungen zu streichen, war ein Fehler.

Haben Distanzunterricht und Homeschooling derart gravierende Lernlücken gerissen, dass diese innerhalb eines Schuljahrs nicht wieder zu schließen sind?
Angesichts der empirischen Ergebnisse ist davon auszugehen, weil bereits der erste Lockdown im Frühjahr 2020 und die damit verbundenen Schulschließungen von sechs bis acht Wochen, teilweise sogar deutlich länger, zu Lernrückständen geführt haben, die zwischen einem Viertel- und einem halben Jahr Lernverlust umfassen. Die damit verbundenen Lernrückstände in der Kürze der Zeit aufzuholen, ist zwar keine Unmöglichkeit, aber angesichts der bildungspolitischen Versäumnisse wird es immer schwieriger – zumal die Dauer der Schulschließungen extrem zugenommen hat. Neben den bereits angesprochenen pädagogischen Testungen wäre eine Professionalisierung des Personals dringend notwendig gewesen, um eine Kultur der individuellen Förderung jetzt an Schulen implementieren zu können. In deren Zentrum stehen eine intelligente Diagnose der Lernausgangslage, wirksame Strategien der Implementation und schließlich umsichtige Evaluations­verfahren. John Hattie spricht daher auch von "Teachers are to DIE for", um in einem doppeldeutigen Sinn die Phase der Diagnose, Implementation und Evaluation sowohl auf Kompetenzebene als auch auf Haltungsebene hervorzuheben.
 
Auf welchen Kompetenzfeldern sind die Lernlücken am größten?
Die empirischen Daten, die aus internationalen Studien vorliegen und auf alle Altersstufen, alle Schularten und meistens die Fächer Mathematik und Muttersprache Bezug nehmen, weisen darauf hin, dass alle Lernenden im Vergleich zu früheren Generationen mit Lernrückständen zu kämpfen haben – unabhängig vom Alter, vom Fach, vom Leistungsniveau und vom soziologisch-ökonomischen Hintergrund. Dass diese Lernrückstände in bildungsfernen Milieus um ein Vielfaches größer sind, muss bildungspolitisch aufhorchen lassen, weil damit auch Fragen der Wirtschaftskraft und der Demokratiefähigkeit eines Landes verbunden sind.

Dass diese Lernrückstände in bildungsfernen Milieus um ein Vielfaches größer sind, muss bildungspolitisch aufhorchen lassen, weil damit auch Fragen der Wirtschaftskraft und der Demokratiefähigkeit eines Landes verbunden sind.

Klaus Zierer

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