INTERVIEW DER WOCHE mit Christoph Links

"Wir müssen uns mit unseren drei Sparten zusammenraufen"

9. Januar 2021
von Michael Roesler-Graichen

Im Dezember 1989, als die DDR die Zensur abschaffte, gründete Christoph Links einen Privatverlag, dessen Programm sich mit der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts befassen sollte. Von Anfang an standen dabei auch die deutsch-deutschen Verhältnisse im Fokus. Nach über 30 Jahren hat Christoph Links Ende Dezember den Verlegerschreibtisch geräumt. Ein Anlass, um auf die eigene Tätigkeit, die Verlagslandschaft nach der Vereinigung, die Entwicklung der Buchbranche und die Meinungsfreiheit zu blicken.

Christoph Links

Wie sieht Ihre Bilanz nach über 30 Jahren aus?
Höchst erfreulich. Wir haben uns ein Jahr nach der Neugründung im Dezember 1989 in einer gesamtdeutschen Verlagslandschaft wiedergefunden und uns dort behauptet. Als reiner Sachbuchverlag haben wir uns ganz auf zeitgeschichtliche und politische Titel konzentriert – was durchaus ein Risiko war. Üblicherweise kombinieren Publikumsverlage das Sachbuch mit der auflagenstärkeren Belletristik. Im Laufe der Jahre haben wir unser Programm erweitert und ein breites Themenfeld bedient. Unsere Bücher haben sich auch in Österreich und in der Schweiz gut verkauft, und wir konnten all die Jahre hindurch kostendeckend arbeiten. Jetzt wird der Verlag in stabilen Verhältnissen bei Aufbau weitergeführt.

Da schließt sich ein Kreis, denn Ihre Verlagskarriere begann 1986 als Assistent von Elmar Faber im Aufbau Verlag …
Ja, es ist ein Stück Heimkehr auf Umwegen. Als ich damals bei Aufbau ein Sachbuchprogramm initiieren wollte, fand ich keine Unterstützung, weshalb ich dann allein loslegte. Heute ist das zum Glück anders. Die Aufbau-Gruppe will im Sachbuch wachsen, und wir haben dafür ein gutes junges Team.

Ihr Buch über das "Schicksal der DDR-Verlage" hat gezeigt, wie Systemwechsel und Privatisierung zur Abwicklung fast eines ganzen Wirtschaftszweigs geführt haben. Wie sehen Sie das heute?
Die Verwerfungen, zu denen es nach der Wende in der DDR-Wirtschaft kam, sind nun endlich auch im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Nach 30 Jahren Sperrfrist kann man jetzt in den Archiven die Akten einsehen, auch diejenigen, die die Treuhand betreffen. Als ich meine Dissertation 2006/2007 schrieb, war mir dieser Zugang noch verwehrt. Man kann durchaus sagen, dass bei dem Vereinigungsprozess nicht alles gut gelaufen ist. Ich finde es gut, dass jetzt darüber diskutiert wird. Wir haben im August ein "Jahrbuch Deutsche Einheit" gestartet, in dem Historiker nun regelmäßig über neue Erkenntnisse berichten. Das wird sicherlich zu einer besseren öffentlichen Wahrnehmung der angestauten Probleme beitragen.

Was hat sich denn seit 1990 im Osten getan? Gibt es namhafte Verlagsneugründungen?
Es sind viele neue, vornehmlich kleinere Verlage entstanden, von denen sich einige gut behaupten und entwickeln. Traurig ist dagegen, dass nur wenige der alten Verlage überleben konnten. Das hätte so nicht sein müssen, wie ich belegen konnte. Als Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins arbeite ich diese Vorgänge verlagshistorisch weiter auf. 2021 soll der erste Teilband zur DDR-Buchgeschichte vollendet werden, den ich gemeinsam mit Siegfried Lokatis und Klaus G. Saur herausgebe. Mehr als 40 Beiträge beschäftigen sich darin mit den Verlagen in der DDR und deren kulturpolitischem Umfeld. Nachdem ich meinen Verlegerschreibtisch Ende 2020 geräumt habe, kann ich mich dem Thema nun verstärkt zuwenden. Band 2 ist dann den Buchhandlungen und Bibliotheken gewidmet. Dazu gesellt sich noch ein privates Projekt von mir über die verschwundenen Verlage der DDR. Was heute kaum bekannt ist: In den 40 Jahren seit der Staatsgründung sind 120 bis 150 Verlage abgewandert oder geschlossen bzw. fusioniert worden. Was waren die Gründe dafür? Und an wen gingen die Rechte? Die Frage der "verwaisten" Werke ist für Digitalanbieter und Bibliotheken sehr wichtig. Jetzt habe ich die Zeit, um in den entsprechenden Regionalarchiven nachzuforschen.

Zur Person

Christoph Links, 1954 in Caputh bei Potsdam geboren, studierte Philosophie und Lateinamerikanistik und war von 1986-1989 Assistent der Geschäftsleitung im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. Nach Aufhebung der Zensur in der DDR am 1. Dezember 1989 gründete er einen der ersten neuen Privatverlage in der DDR mit dem Schwerpunkt Politik und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. Bis Ende 2020 war Links Verleger des Ch. Links Verlags. Seitdem ist er als Autor und Verlagshistoriker tätig. Christoph Links war in mehreren Funktionen für den Börsenverein ehrenamtlich tätig, unter anderem als Aufsichtsrat der Frankfurter Buchmesse (1992-2002), als Mitglied der Historischen Kommission (seit 2009 als korrespondierendes, seit 2015 als ordentliches Mitglied) sowie von 2017-2019 als Sprecher der Interessengemeinschaft Meinungsfreiheit im Börsenverein.

 

Nach der deutschen Vereinigung setzte in der Öffentlichkeit, und auch in den Feuilletons, eine Debatte um die Literatur der DDR ein, häufig mit der Tendenz, ihren künstlerischen Wert zu relativieren: In welchem Kontext kann man das sehen?
In der Ära Kohl, bis 1998 also, galt die Delegitimierung der DDR als Devise, die bis tief in die Kultur, in Literatur und Kunst, hineinwirkte. Das kann man heute als überwunden erachten, zumal die zeitgeschichtliche Forschung einen viel differenzierteren Blick auf dieses Feld wirft. Heute wird im Rahmen der Alltags-, Kultur- und Mediengeschichte das spannungsreiche Verhältnis zwischen Kultur und (Staats-)Medien in der DDR untersucht. Und da wird sichtbar, wie viele Menschen es gab, die eigenständig dachten und agierten – und häufig auch an Grenzen stießen, verfolgt und inhaftiert wurden. Aber es existierte ein gesellschaftlicher Handlungsraum, der bisher wenig ausgeleuchtet wurde. Gerade im Verlags- und Medienbereich kann man da noch interessante Entdeckungen machen, wie unsere Reihe "Forschungen zur DDR-Gesellschaft" zeigt. Im Mai erscheint zum Beispiel der Titel "8 mm DDR", der dokumentiert, wie die Menschen in der DDR ihr Leben auf Zelluloid bannten.

Sie sind dem Börsenverein über die Jahre durch zahlreiche Ehrenämter verbunden. Wie hat sich der Verband aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt? Steht er heute angesichts der Marktentwicklung vor einer Zerreißprobe?
Ich habe den Börsenverein als Verein kennengelernt, der Konflikten gern aus dem Wege ging. Ich fand es schwierig, dass man Probleme nicht offen anging. Der scheinbare Burgfriede hat lange gehalten, aber nun, da die Konzentrationsprozesse stärker werden, steigt die Spannung. Mit Thalia-Mayersche und Osiander gibt es einen marktprägenden Player im Buchhandel. Nimmt man noch Amazon hinzu, dann haben wir Verlage es heute mit wesentlich härteren Rahmenbedingungen zu tun. Das schlägt sich auch in der Debattenkultur des Verbandes nieder. Da werden nach Jahrzehnten der Scheinharmonie nun mitunter Töne angeschlagen, die von einer Härte und Schärfe gekennzeichnet sind, die man sich bis dahin nicht vorstellen konnte. Herr Skipis hat auf der Jahreshauptversammlung darauf hingewiesen. Ich habe die Hoffnung, dass unsere Branche am Ende wieder zu einer vernünftigen Kommunikationsform zurückfindet, zugleich aber alle Probleme klar und deutlich anspricht.

Nach Jahrzehnten der Scheinharmonie werden nun mitunter Töne angeschlagen, die von einer Härte und Schärfe gekennzeichnet sind, die man sich bis dahin nicht vorstellen konnte.

Vor welcher Herausforderung steht der Verband?
Wir brauchen Rahmenbedingungen, die das dichte "Netz geistiger Tankstellen" und ihre Lieferanten erhalten. Dazu gehört vor allem, die Buchpreisbindung zu sichern. Wenn wir nicht Verhältnisse wie in den USA oder Großbritannien haben wollen, wo die Zahl der Buchhandlungen sinkt und die Buchpreise steigen, müssen wir uns mit unseren drei Sparten zusammenraufen. Wir müssen neue Aushandlungsformen erlernen, die von Offenheit und gegenseitigem Respekt geprägt sind.

Wie steht es um die Freiheit des Wortes außerhalb des Verbands?
Ich freue mich sehr über das aktive Engagement des Börsenvereins in dieser Sache. Den P.E.N. und Reporter ohne Grenzen, die sich um verfolgte Autoren und Journalisten kümmerten, gibt es schon lange, aber eine Initiative, die sich explizit für die Meinungsfreiheit von Buchhändlern und Verlegern stark macht, fehlte. Nun haben wir in Deutschland die IG Meinungsfreiheit im Börsenverein, deren Sprecher ich zwei Jahre war, und auf internationaler Ebene ist das Freedom to Publish Committee der IPA tätig. Mir war von Anfang an wichtig, dass wir nicht nur in Richtung China und Türkei schauen, sondern auch problematische Vorgänge im eigenen Land in den Blick nehmen. In Deutschland gibt es zwar keine staatliche Zensur, aber man kann immer häufiger beobachten, dass die Diskussion in öffentlichen Veranstaltungen eingeschränkt wird, dass Lesungen und Podien gesprengt oder zumindest gestört werden, dass Veranstaltungen nur noch unter Polizeischutz möglich sind. Das geht von den politischen Extremen sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite aus.

Soll man auch mit Rechten reden oder ihnen zuhören?
Man kann nicht die gesamte politische Debatte auf einen linksliberalen Diskurs beschränken. Wir sollten uns mit anderen Positionen auseinandersetzen, solange sie auf dem Boden der Demokratie stehen und geltendes Recht nicht verletzen. Da wünschte ich mir manchmal mehr Mut und Courage in der Branche.

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