Bibliophilie im Internetzeitalter

Über dieses von der Marginalglosse inspirierte Thema diskutierten Andreas Artmann, Friedrich Forssman, Jörg Mewes und Leander Wattig am 8. Oktober im Rahmen des Messeauftrittes der Erlanger Buchwissenschaft. Sabine Hafner resümiert.

Sabine Hafner

Sabine Hafner © privat

Wie auch in den Jahren zuvor ist die zukunftsbestimmende Frage nach dem Fortgang der Digitalisierung das Hauptthema der Messe. Die Möglichkeiten scheinen durch erste Umsetzungen einerseits langsam etwas konkreter und greifbarer zu werden, gleichzeitig wird aber wegen des Wissens um die Schnelllebigkeit und die Macht des Webs mehr spekuliert denn je. Diese Spannung lag auch bei der diesjährigen sehr lebhaften Podiumsdiskussion greifbar in der Luft – vor allem auch deswegen, weil durch die Auswahl der Gäste zwei starke Gegenpositionen aufeinander trafen: Wattig und Artmann zeigten sich offen und begeisterungsfähig für die technischen Entwicklungen und deren Möglichkeiten, während der Antiquar Mewes und der Typograph Forssman eher skeptisch und hinterfragend auftraten.

Ein E-Book als Objekt der Begierde?

Die studentische Moderatorin Sabrina Kurtz musste die Gesprächspartner wiederholt zum eigentlichen Thema zurückführen, weil die Diskussion darüber, ob Bibliophilie und Internet miteinander vereinbar sind und ob das Web zu neuen Formen der Bücherleidenschaft führen kann, nur zu weiteren Fragen abdriftete, wie z.B. zu den Möglichkeiten, Fähigkeiten und Gefahren des E-Books. Kein Wunder: Selbst wenn man sich als Diskussionsgrundlage darauf einigt, Bibliophilie allgemein als die Liebe zum Buch zu verstehen, müssen sich die Blickwinkel sofort wieder unvereinbar verschieben: im Zusammenhang mit der Digitalisierung ist auch der Buchbegriff nicht mehr eindeutig. Wo es in seiner elektronischen Erscheinungsform (unabhängig von den Lesegeräten) zunehmend auf den bloßen Inhalt reduziert wird – Artmann stellt die Frage, warum man nicht ein digitales Buch lieben und sammeln dürfen solle – gehört für Forssman und Mewes die Materialität im Sinne von etwas Anfassbarem, Riechbarem kompromisslos mit dazu. Der Antiquar z.B. ist sich sicher, dass ein E-Book nie ein Objekt der Begierde sein kann – ohne Haptik auch keine Bibliophilie.

Die Liebe zum klassischen Buch und das Web

Auch bei der Frage nach dem Einfluss des Internets auf das Phänomen Bibliophilie ausschließlich im Zusammenhang mit dem klassischen Buch, gingen die Meinungen der Diskutanten weit auseinander. Wo Wattig zukunftsoffen davon ausgeht, dass das haptische Moment gerade im Angesicht der Digitalisierung an Bedeutung gewinnen wird, die papiernen Bücher eventuell sogar besser gestaltet werden könnten, sieht der Antiquar die Sache eher ernüchtert. Als Vertreter einer Branche, über die das Internet „wie eine Französische Revolution“ gerollt ist, glaubt er an keine Intensivierung der Bibliophilie durch den erleichterten Zugang zu antiquarischen Büchern. Durch die neue Durchsichtigkeit des Marktes lasse das leidenschaftliche „Haben Wollen“ eher nach. Die gefühlte Besonderheit des ein oder anderen Werkes verblasse durch die direkte Vergleichsmöglichkeit. Wo Artmann z.B. hinter dem Bookcrossing einen ganz neuen Ausdruck von Wertschätzung für das Buch entdeckt – das freiwillige Weitergeben und Teilen etwas Liebgewonnenen – sieht es Mewes schmunzelnd als „gelungenes Recycling“.

 

Noch leidenschaftlicher und unversöhnlicher mit technischen Spielereien setzte sich Forssman mit seinem typographischen Blickwinkel für das klassische Buch als Gegenstand der Bibliophilie ein: sie kommt seiner Meinung nach dann zum tragen, wenn „der Text genau die Gestalt bekommt, die zu ihm passt“. Aber wer sagt, dass es nicht eventuell eine Gattung von Text gibt, zu der genau dieses nicht greifbare, digitale Kleid am besten passt? Auch wenn innerhalb der Diskussionsrunde kaum Antworten gefunden wurden – zum Weiterdenken hat sie allemal angeregt.

1 Kommentar/e

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  • Plamen Tanovski

    Plamen Tanovski

    Das Problem ist, erstens, dass Typografie und Automatismus schwer zu vereinbaren sind, und zweitens, dass die Leute, die von beiden was verstehen, selten sind und meistens nicht das Sagen haben. Zussamenfassend lässt sich die gegenwärtige Elend mit der Replik beschreiben: of course it's not legible, but look how good it does XML.

    "Aber wer sagt, dass es nicht eventuell eine Gattung von Text gibt, zu der genau dieses nicht greifbare, digitale Kleid am besten passt?"

    Eine solche Gattung sind Beamer-Präsentationen. Ein hervorragendes Beispiel gibt es hier:

    http://www.gust.org.pl/projects/e-foundry/math-sup port/agi03.pdf

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