Interview mit Manfred Spitzer

"Wer keine Aufmerksamkeitsstörung hat, kann sie sich durch Multitasking antrainieren"

Internet und Online-Nutzung verändern unser Denken – und auch unsere Hirnstrukturen. Weshalb dies so ist, erklärt der Neurowissenschaftler und Autor Manfred Spitzer im Gespräch mit boersenblatt.net. Mehr über aktuelle Neuerscheinungen zur Hirnforschung erfahren Sie im aktuellen Börsenblatt 45 / 2010 ab Seite 28. VON ROE

Hirnforscher Manfred Spitzer

Hirnforscher Manfred Spitzer © Ralf Zwiebler/z-media

Verändert das Internet langfristig unser Denken?

Manfred Spitzer:
Weil alles was wir denken und die Art, wie wir denken, langfristig unser Denken beeinflusst, kann die Antwort auf diese Frage aus Sicht der Neurowissenschaft nur "Ja" lauten. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus den vergangenen zwei Jahrzehnten Neurowissenschaft trägt den Namen "Neuroplastizität", womit genau diese Tatsache gemeint ist: Das Gehirn ist "Hardware", die sich beständig an die auf ihr laufende "Software" (sprich: unsere Erfahrungen und unser gesamtes Geistesleben) anpasst. Man kann das Gehirn durchaus mit einem Muskel vergleichen, der schwächer wird, wenn er nicht gebraucht wird. In ähnlicher Weise gilt: Wer ein Satellitennavigationsgerät im Auto hat und es permanent benutzt, um von A nach B zu kommen, der wird Schwierigkeiten haben, wenn es einmal kaputt ist. Auch wenn er die Strecke schon oft gefahren ist, kann er Mühe haben, dies ohne Hilfe zu tun, ganz einfach deswegen, weil er wenig Aufmerksamkeit auf das Navigieren verwendet hat. Er hat also gar nicht eingespeichert, wo es lang ging. Zum zweiten hat er das Navigieren selbst, also das schnelle Zurechtfinden anhand von Landmarken, Karten, etc. verlernt oder zumindest teilweise verlernt.

Und beeinflusst der Online-Konsum die Organisation von Hirnstrukturen?


Auch hier lautet die Antwort "Ja". Ich möchte dies anhand von einigen Beispielen aus der jüngeren Literatur belegen: In den USA beträgt der durchschnittliche tägliche Medienkonsum von Jugendlichen 10 Stunden und 45 Minuten, welche von den Jugendlichen in 7 Stunden und 38 Minuten untergebracht werden. Hiermit ist gemeint, dass sie oft mehrere Medien gleichzeitig nutzen, wodurch sich die Gesamtlebenszeit der Mediennutzung wieder entsprechend verkürzt. Dieses sogenannte "Medien-Multitasking" wird nun von manchen als neueste geistige Errungenschaft der jungen Generation bezeichnet, die es zu fördern und zu meistern gelte. Eine entsprechende Untersuchung zur geistigen Leistungsfähigkeit von Menschen, die viel mediales Multitasking betreiben (im Vergleich zu Menschen, die dies nicht tun) ergab jedoch, dass alle Fähigkeiten, die beim Multitasking eine Rolle spielen, in entsprechenden Tests bei Multitaskern schlechter ausfallen. Multitasker können sich nicht so gut auf das Wesentliche konzentrieren, sind leichter ablenkbar und können nicht einmal besser zwischen unterschiedlichen Aufgaben hin und her wechseln als Nicht-Multitasker. Im Gegenteil: Sie können all dies deutlich schlechter. Mit anderen Worten, wer noch keine Aufmerksamkeitsstörung hat, der kann sie sich durch Multitasking antrainieren. Von dieser mittlerweile auch hierzulande weit verbreiteten multimedialen Unsitte ist daher dringend abzuraten!

Eine Studie aus unseren Labors konnte zeigen, dass es keineswegs egal ist, wie wir Objekte in der Welt lernen, das heißt, wie wir uns die Welt aneignen: Geschieht dies durch Umgang mit der realen Welt, wird unsere Motorik bei diesem Umgang eingesetzt und in ihr entstehen ebenso Gedächtnisspuren wie in den Bereichen der visuellen und akustischen Verarbeitung. Wer also die Welt im buchstäblichen Sinne "be-greift", der hat sie tiefgreifender gelernt. Wir konnten zeigen, dass dies deutliche Auswirkungen auf die Güte der Verarbeitung der gelernten Informationen nach sich zieht: Wer die Dinge mit der Hand gelernt hat, der kann effizienter über sie nachdenken. Die Affekte waren dabei sehr deutlich, und es ging darüber hinaus um reine Denkleistungen, also nicht um das bloße mentale Hantieren mit den Objekten, sondern um das Nachdenken über sie. Daraus folgt direkt: Wer sich die Welt per Mausklick aneignet, hat nur ein vergleichsweise flaches bzw. schwaches Abbild von ihr im Kopf und kann später beim Nachdenken über die Dinge in dieser Welt keineswegs mit dem mithalten, der die reale Welt mit allen Sinnen sich erschlossen hat. Wer die Dinge beim Lernen nur sieht und auf sie zeigt (Mausklick), hat beim Nachdenken über sie später weniger Aktivität in Bereichen des Frontalhirnes.

Werden Informationen beim Lesen grundsätzlich anders verarbeitet, wenn man Texte auf einem flächigen Medium rezipiert (Computerbildschirm, E-Book Display) statt auf einem Medium, das auch räumliche Ausdehnung hat (gedrucktes Buch)?

Die Antwort auf diese Frage ist wahrscheinlich eher "Nein". Auch E-Books haben haptische Qualitäten, und viele Nutzer wissen die haptischen Eigenschaften des Anfassens ihres iPads durchaus zu schätzen! Andererseits ist die Frage noch offen, ob das Hantieren mit elektronischen Lesegeräten im Vergleich zum Hantieren mit Büchern nicht vielleicht doch dazu führt, dass mehr hin- und hergeblättert und weniger am Stück gelesen wird. Dies ist zumindest eine Beobachtung, die von einer Reihe von Menschen derzeit geteilt wird: Man nimmt zu lesende Inhalte eher in kleinen Häppchen und weniger in großen Brocken zu sich. Man wird also am iPad eher die Zeitung lesen und wahrscheinlich eher nicht Tolstois "Krieg und Frieden". Dies liegt aber weniger an der Tatsache, dass das iPad flacher ist als der "Buch-Schinken" und auch nicht daran, dass Bücher riechen und sich einfach wie Bücher anfassen. Dies liegt eher daran, dass man auf einem elektronischen Reader sehr viele unterschiedliche Dinge gleichzeitig verfügbar haben kann. Nutzer mit viel Ungeduld und wenig Selbstdisziplin werden also bei "Durststrecken in einem Buch" eher dazu neigen, einmal schnell etwas anderes auszuprobieren. Wer nur mit dem Schinken auf der Coach liegt, muss sich hierzu erheben und an seinen Bücherschrank gehen, wozu er vielleicht gerade zu faul ist. Ist der neue Inhalt jedoch eine Fingerbewegung auf dem Glasbildschirm weit weg, so wird die Unterbrechung der Durststrecke eher erleichtert. Menschen sind nicht nur Geist, sondern auch Körper und alle geistigen Leistungen sind entsprechend auch verkörpert. Menschen neigen zur Trägheit, was die sprichwörtliche Coach-Kartoffel vor dem Fernsehbildschirm nur zu deutlich illustriert. Elektronische Medien, die uns das Leben vermeintlich "erleichtern" haben also durchaus ernstzunehmende Konsequenzen für unseren Körper und unseren Geist. Wir sollten darüber nachdenken, statt uns dem auszuliefern. Ob elektronische Medien ein Fluch sind oder ein Segen, liegt letztlich an der Art, wie wir sie nutzen.

Die Fragen stellte Michael Roesler-Graichen.

 

Zur Person

Manfred Spitzer ist seit 1997 Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Ulm. Er ist zugleich Leiter des von ihm gegründeten Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen. Spitzer ist Verfasser zahlreicher neurowissenschaftlicher Bestseller, die unter anderem im Schattauer Verlag erschienen sind.

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3 Kommentar/e

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  • Ina Fuchshuber

    Ina Fuchshuber

    Das Erhellendste, was ich langem zum Thema "Lesen in der Zukunft" gelesen habe!
    Heißt das nun, das Buch als lange Erzählform hat ausgedient, da sich unsere Hirne verändern?
    Aus meiner Sicht ein klares "Nein": Die Art des Erzählens wird sich vermutlich auf die Veränderungen einstellen (müssen).
    Das bedeutet z.B. während Menschen im 19. Jh. und Anfang 20. Jh. noch empfänglicher waren für seitenlange Beschreibungen à la Hesse, müssen Autoren nun eher zum Punkt kommen um die Leser bei der Stange zu halten.
    Auch wird immer wieder mal gerne übersehen in der Diskussion um Lesen auf elektronischen Geräten (Tablet oder Reader), dass auch Bücher nicht in einem Stück gelesen werden, sondern in "Happen" von 20-30 min Länge - also ein ähnlicher Zeitrahmen wie bei der Zeitungslektüre.

  • Michael Dreusicke

    Michael Dreusicke

    Ich möchte mich der "bidirektionalen" Auffassung von Fr. Fuchshuber anschließen: Der Buchinhalt wirkt nicht nur auf uns ein, sondern wir Rezipienten gestalten durch unseren Konsum natürlich auch den Inhalt des Buchs.
    Und mit dem Einzug aktueller Technologien lässt sich nicht nur das Rezeptionsverhalten im Detail monitoren, so dass der Inhalt permanent verbessert werden kann, sondern der Leser kann sich auch über Annotationen (Bewertungen, Kommentare, Diskussionen mit anderen Lesern) an Content-Objekten wie Wörtern oder Sätzen aktiv mit in den Prozess einbringen (vgl. http://www.paux.de).
    So entsteht erstmals, worum es vielen Autoren im Herzen geht: Einen Dialog anzuregen. Diese (inter-) aktive Form des Lesens verändert damit wohl das Buch wie den Leser gleichermaßen.

  • Matthias Lätzsch

    Matthias Lätzsch

    Ein spannendes Interview, auch wenn ich mit ein Spitzer nicht immer einer Meinung bin.

    Doch die Überschrift ist ab sofort mein Lieblingszitat.

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