Schaubühne Berlin

Liao Yiwu und Herta Müller im Gespräch

"Leben heißt, die Freiheit zu haben, sich der Unfreiheit zu widersetzen" – unter diesem Motto kamen am Wochenende die Schriftsteller Liao Yiwu und Herta Müller zu einem Gespräch in der Berliner Schaubühne zusammen, moderiert von der Publizistin Carolin Emcke.

Von links: Liao Yiwu, Carolin Emcke und Herta Müller

Von links: Liao Yiwu, Carolin Emcke und Herta Müller © Krzysztof Zielinski

Von der Angst sollte gesprochen werden, Angst nicht als philosophischer Begriff, sondern als konkrete Erfahrung zweier Menschen, die den Angstapparaturen von Diktaturen ausgeliefert waren. Intimer kann eine Fragestellung kaum sein, und anfangs wirkt das Ganze auch ein bisschen gezwungen. Sind die Werke da nicht bessere, diskretere Auskunftgeber? Lässt sich Angst auf dem Podium verhandeln? Die stoische Ruhe Liao Yiwus, die bei seinen Auftritten einen performativen Widerspruch zu seinen krassen, verzweifelten Berichten von Grenzerfahrungen in den chinesischen Gefängnissen bildet, sowie der Charme und Wortwitz Herta Müllers ließen die Vorbehalte aber bald abschmelzen.

Im Westen gilt der Emigrant Liao Yiwu als politischer Märtyrer. 1958 geboren und aufgewachsen in Zeiten von Terror, Hungerkatastrophe und Kulturrevolution, hatte er vor 1989 große Hoffnungen auf eine "offene Gesellschaft" entwickelt. Nach dem Tiananmen-Massaker aber wurde die Devise ausgegeben: "Lasst uns nach vorne schauen! Lasst uns alle reich werden!" Das chinesische Wirtschaftswunder sei ihm deshalb als Verdrängungsleistung mehr als suspekt, zumal der Wohlstand nur einer Minderheit zugute komme. "Dieser Reichtum bringt für Menschen wie mich, die ein Gewissen haben, nichts."

Man wisse nie, wieviel Angst man aushalte, meinte Herta Müller. Liao Yiwu brach schon bei der ersten Leibesvisitation zusammen, als er 1990 verhaftet wurde. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich schon beim ersten Schlag zu Boden gehen würde." Im Gefängnis sei der Tod dann so alltäglich gewesen wie Reis zum Essen, ebenso Folter durchs Gefängnispersonal und privater Sadismus zwischen den Gefangenen. Lager-Häftlinge haben gelegentlich beschrieben, wie ihnen Rituale geholfen hätten, zu überleben. Aber weder Müller noch Liao Yiwu wollten viel auf die Macht solcher Gewohnheiten geben. Auch das Schreiben biete nur begrenzt Hilfe, es könne keine Wunden heilen. „Vielleicht wäre ich aber auch kaputtgegangen, wenn ich diese Möglichkeit nicht gefunden hätte“, meinte Müller dann doch. Liao Yiwu hatte eher den Drang zum Lesen als zum Schreiben gespürt in Gefangenschaft und Verzweiflung: "ein geistiger Hunger, der mich schwindlig gemacht hat." Groß war auch der Durst nach angstlösendem Alkohol. "Zum Glück bin ich kein Alkoholiker geworden."

Emcke erzählte, dass sie in all den Jahren als Reporterin in Kriegs- und Krisengebieten nie von den leidenden Menschen um praktische Hilfe gebeten worden sei. "Aber ich bin wieder und wieder und überall gebeten worden: Schreib das auf!" Dieser Imperativ ist auch Liao Yiwu vertraut. Nach der Haft, verlassen von Frau und Freunden, die sich von ihm distanzierten, zog er als Straßenmusiker und Wanderarbeiter durchs Land. Er lernte China von ganz unten kennen, den "Bodensatz" der Gesellschaft – und oft wurden ihm bittere, verzweifelte, abstoßende und belastende Lebensgeschichten förmlich aufgezwungen. "Ich wollte nicht zuhören." Aber weil er es doch tat, können wir heute die Gespräche und „Straßen-Interviews“ mit Dieben, Bettlern, Mördern, Prostituierten in seinem großartigen Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" lesen – ein Panoptikum an Lebensläufen, eine Alltagsgeschichte Chinas seit der Mao-Zeit. Die politische Verfolgung hat in fast jeder Familie Spuren hinterlassen oder Lücken durch Mord gerissen.


 

Emcke fragte nach der Bedeutung der Metapher, die sowohl in den Texten Herta Müllers wie in denen Liao Yiwus ein zentrales Ausdruckmittel sei. Das habe etwas mit der psychischen Struktur zu tun, meinte Müller. Sie beneide Autoren, die glasklar schreiben können. "Ich muss immer so rumwühlen." Die Bildhaftigkeit ihrer Sprache sei aber auch das Resultat einer ästhetischen Anstrengung. "Es muss ja auch schön sein. Sonst könnte ich ja gar nicht schreiben. Ich habe das Gefühl, der Text will mir etwas Gutes. Und wenn der Text etwas für mich macht, muss ich auch etwas für den Text tun."

Wolfgang Schneider

Die Podiumsdiskussion mit Liao Yiwu und Herta Müller wurde vom Berliner Künstlerprogramm des DAAD in Kooperation mit der Schaubühne veranstaltet.

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