Bücher zur Bundestagswahl

Die Crux mit dem Kreuzchen

Wie ist die CDU aufgestellt? Wen soll man wählen: Angela Merkel oder Peer Steinbrück? Soll man überhaupt zur Wahlurne gehen? Vor der Bundestagswahl setzen sich Neuerscheinungen mit der politischen Welt in Deutschland auseinander. Eine Auswahl. VON SABINE SCHMIDT

Am 22. September wird es ernst – und kurz vor der Wahl stellt »heute«-Moderatorin Marietta Slomka erst mal grundlegende Fragen. Ist die Demokratie trotz grassierender Dummheit und Dreistheit eine gute Regierungsform? Wozu brauchen wir Parteien? Wie wird man Politiker? Um solche Fragen geht es schon in dem Politikerklärungsversuch »Kanzler lieben Gummistiefel«, ein Buch für Kids ab 12. Weil sich hier aber nicht nur kleine, sondern auch große Leser informiert haben, legt Slomka jetzt mit einem Werk nach, das sich direkt an Erwachsene wendet und ihnen die politische Welt erklären will: »Kanzler, Krise, Kapital« (C. Bertelsmann, 544 Seiten, 19,99 Euro).

Man wundert sich – aber Aufklärung scheint tatsächlich nötig zu sein. Volker Panzer verweist jedenfalls darauf, dass Umfragen zufolge weniger als 50 Prozent der Deutschen die Demokratie für das richtige System halten, im Vergleich etwa zu Finnland, das mehr als 80 Prozent bekennende Demokraten aufzuweisen hat. Wie steht es mit Deutschland und den Deutschen im Wahljahr 2013? Das war Volker Panzers Frage an die Autorin und Juristin Juli Zeh sowie an die Politologen Herfried Münkler und Hamed Abdel-Samad. Das Buch »Was steht zur Wahl?« gibt ihr Gespräch wieder (Herder, 128 Seiten, 10 Euro).

Nicht das ganze politische Spektrum, dafür aber umso genauer die CDU schaut sich der Journalist Volker Resing an in seinem Buch »Die Kanzlermaschine« (Herder, 223 Seiten, 18,99 Euro). Viele meinen, so der Autor, dass die Regierungspartei viel von dem abgeschafft hat, wofür sie einmal stand: Atomenergie, Wehrpflicht, traditionelles Familienbild und das „C“. Ja, sie hat sich verändert, meint auch Resing, ist sich aber in ihrem Selbstverständnis als Machtmaschine treu geblieben: Regieren kommt immer noch vor kritisieren. Er analysiert die Veränderungen der Partei und erklärt, worin ihre Zukunft liegen könnte.

Wie deutsche Politik, nicht nur die der CDU, konkret aussieht, berichtet Hans-Joachim Schabedoth in seinem Buch »Angela Merkel verwaltet – Deutschland verliert« (Schüren Verlag, 208 Seiten, 14,90 Euro). Schöne, versöhnliche, verheißungsvolle Worte, die Politiker insbesondere im Wahlkampf so gern hören wollen, gönnt der Gewerkschafter ihnen nicht. Er gibt in seiner Chronologie der vergangenen deutschen Politikjahre ordentlich Saures – allen Lagern, ganz besonders aber den Vertretern der Regierung von CDU, CSU und FDP.

Auch Beatrice von Weizsäcker singt nicht gerade ein Hohelied auf deutsche Politiker in ihrem Buch »Warum ich mich nicht für Politik interessiere« (Bastei Lübbe, 208 Seiten, 8,99 Euro; Hörbuch beim ABOD Verlag, 16,99 Euro). Unwissend und desinteressiert ist sie aber nicht, der Titel soll nur provozieren. Die Tochter des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker interessiert sich sehr wohl für Politik. Nur wäre ihr eine andere, eine mit mehr Transparenz und Volksabstimmungen lieber, und eine, in der Volksvertreter nicht primär ihre eigenen Interessen verfolgen. »Lebt für die Politik, nicht von ihr! Nicht für die Macht, sondern für die Sache«, das ist ihr Wunsch und ihre Forderung.

Vieles von dem, was Politiker tun oder nicht tun, ist unerfreulich, insbesondere für die Gegenseite, und die negativen Aspekte und Urteile sind es vor allem, die die Medien aufnehmen und gern auch aufbauschen. Wer wählen geht, entscheidet aber nicht nur gegen, sondern auch für Parteien und Personen, und dafür braucht man gute Argumente. Hier werfen sich Hugo Müller-Vogg und Uwe-Karsten Heye in die Bresche mit ihrem Buch »Steinbrück oder Merkel?« (Quadriga, 128 Seiten, 12,99 Euro; Hörbuch beim ABOD-Verlag, 16,99 Euro). Heye, der frühere Regierungssprecher unter Kanzler Gerhard Schröder, plädiert für den Kandidaten der SPD, Peer Steinbrück. Der frühere FAZ-Herausgeber Müller-Vogg bezieht Stellung für Angela Merkel.

Hier kommen, wie es heute so schön heißt, Best Ager zu Wort: Autoren und Politiker jenseits der 50. Junge leben aber ebenfalls in Deutschland, auch wenn man sie bei der stetig wachsenden Zahl älterer Menschen zuweilen aus den Augen verliert. Daran sind sie aber selbst schuld, sagt mancher Senior: Unpolitisch seien sie, nicht interessiert und nicht engagiert. Hannah Beitzer, Jahrgang 1982, hält in ihrem Buch »Wir wollen nicht unsere Eltern wählen« dagegen: Die Jungen sind politisch nicht weniger, lediglich anders engagiert als die Generation vor ihnen (Rowohlt Taschenbuch, 192 Seiten, 12,99 Euro).

Eine Weile hatten gerade jüngere Wahlberechtigte die Piraten auf ihrem Zettel, bis diese nach anfänglichen Höheflügen hart auf dem Deck des politischen Alltagsschiffs aufschlugen. Um diese etwas andere Partei dreht sich Robert Löhrs Roman »Erika Mustermann« (Piper, 272 Seiten, 16,99 Euro). Der Autor hat seine Leser bisher mit historischen Romanen wie »Der Schachautomat« oder »Krieg der Sänger« in die Vergangenheit versetzt. Jetzt erzählt er unterhaltsam und ziemlich schräg, wie eine alleinerziehende grüne Lehrerin sich bei den Berliner Piraten einschleicht, um den politischen Feind von innen zu stören.

Dieser Roman kann den Wahlausgang noch beeinflussen, das Sachbuch von Nils Minkmar dagegen nicht: Er schreibt es erst nach der Wahl zu Ende, es erscheint dann am 23. Oktober. Aber nach der Wahl ist vor der Wahl: für die nächsten Urnengänge und für Reflexionen dazwischen gibt der Bericht des FAZ-Feuilletonchefs interessante Einblicke. Er hat SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ein Jahr lang begleitet, hatte exklusiven Zugang zu wichtigen Terminen und Besprechungen. Er schreibt in seinem Buch »Der Zirkus« nicht nur über einen Politiker, sondern auch über das deutsche Politiksystem. Der Buchtitel ist Programm: Minkmar ist mittendrin und hat doch Distanz zu dem, was allzu oft als Politikshow erscheint (S. Fischer, 220 Seiten, 19,99 Euro).

 

Verena Glanos informiert junge Leser ab 9 über Politik. Sie erklärt in ihrem Buch »Wie wird man Chef(in) von Deutschland?«, was eine Demokratie ist und, ganz wichtig für ihre Zielgruppe, warum Kinder nicht wählen dürfen (Boje, 144 Seiten, 9,99 Euro). In ein paar Jahren dürfen sie doch – und Wissen hilft dann: wenn man darüber nachdenkt, an welcher Stelle man sein Kreuzchen macht. Und auch bei der Frage, die sich gerade jetzt schon viele stellen: Soll ich überhaupt wählen?

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