Debatte um „Stella“

"Überbietungswettstreit": Buchhändler nehmen Takis Würger in Schutz

Der Autor und Journalist Takis Würger soll in seinem Roman „Stella“ die jüdische Gestapo-Kollaborateurin Stella Goldschlag verunglimpft haben. Der Anwalt der Erben drohte mit Klage, Kritiker griffen Roman und Autor im Feuilleton scharf an. Nun mischen sich Buchhändler in die Debatte ein. Sie nehmen Takis Würger in Schutz. boersenblatt.net veröffentlicht den Brief im Wortlaut.

Skandal-Roman oder skandalöse Berichterstattung?

Skandal-Roman oder skandalöse Berichterstattung? © Foto: Kai Mühleck; Cover: Hanser

„Literaturkritik und Feuilletons urteilen bisweilen weit entfernt von der Meinung der Leserschaft und der BuchhändlerInnen, das ist nichts Neues. Daran haben wir uns gewöhnt und gehen täglich damit um. 
Der Furor aber, mit dem das Buch 'Stella' von Takis Würger kritisiert wird, erscheint uns vollkommen unangemessen.
(Demgegenüber bemerkenswert, dass die 'Jüdische Allgemeine' den Roman positiv rezensiert, ihn als ein 'kleines, großartiges Buch' bezeichnet.)

Takis Würger wird von vielen RezensentInnen in einem Atemzug mit Claas Relotius genannt, jenem Spiegel-Reporter, der mit krimineller Energie Reportagen erfunden hat. Auch die Debatte um Robert Menasses inkorrektes Zitieren wird hinein vermengt, manche lassen sich bei dieser Gelegenheit – und die Gelegenheit ist ungeeignet - auch an der Serie „Babylon Berlin“ aus.

Takis Würger erhebt mit seinem Buch überhaupt nicht den Anspruch, die Lebensgeschichte von Stella Goldschlag in all ihrer Tragik und Ambivalenz nachzuerzählen. Sein Buch ist ein Roman, ein von der Historie inspiriertes, rein literarisches Erzählen.
Die Frage, ob man so über die Nazi-Zeit schreiben darf, drängte sich in den vergangen Jahren auch bei zahlreichen anderen Romanen auf - von Bernhard Schlink 'Der Vorleser' über Martin Amis 'Interessengebiet' , von Jonathan Littell 'Die Wohlgesinnten' bis Timur Vermes 'Er ist wieder da' -
allesamt sehr unterschiedliche Bücher, nicht alle muss man mögen, aber sie alle stellen Fragen, treiben uns um, lassen uns nicht kalt, verlangen eine eigene Auseinandersetzung, und das ist doch das beste, was erzählende Literatur leisten kann.
Der entscheidende Unterschied zu früheren Debatten aber ist, dass die Kritiker für sich beanspruchen, die Lufthoheit darüber zu haben, wie über die Zeit des Nationalsozialismus geschrieben werden darf. Und dabei den Begriff des Erzählens umdeuten und die Freiheit des literarischen Schreibens einschränken. Dieser Umgang mit Literatur verbietet sich. Zugleich, so scheint es, befinden sich die KritikerInnen längst in einem Überbietungswettstreit, denn nur der noch schärfere, noch überzogenere Beitrag wird gelesen.

Insgesamt drängt sich uns der Eindruck auf, dass es den KritikerInnen weniger um den Roman geht, sondern vor allem darum, dem zunehmenden Bedeutungsverlust der Feuilletons zu begegnen, indem sie selbst künstlich Debatten initiieren, die eigentllich keine Grundlage haben.

Die Brandrodungskritiken zu 'Stella' sind so tiefgreifend und persönlich diskreditierend, dass daraus die Gefahr entsteht, dass sich die Generation der Nachgeborenen kaum mehr schreibend an die Themen Nationalsozialismus und Shoa herantrauen wird. Um diese Zeit und dieses Unrecht nicht vergessen zu machen, brauchen wir aber das Erzählen, auch und besonders das der Nachgeborenen. Wir stellen uns deshalb explizit an die Seite des Autors Takis Würger und des Hanser Verlages, werden den Roman 'Stella' weiterhin anbieten, empfehlen, Lesungen veranstalten und mit Leserinnen und Lesern darüber im Gespräch bleiben.

Einzig erfreulich an dieser Diskussion ist, dass all jene, die behaupten, das Buch habe als Leitmedium ausgedient, mit dieser Debatte das Gegenteil bewiesen bekommen.
Die Literatur vermag es nach wie vor, die Kulturgemeinde ins Gespräch zu bringen, Orientierungen zu hinterfragen, Positionen neu zu definieren.
Das ist gut so. Auch deshalb sind wir gern BuchhändlerInnen.“

Unterzeichnet:

  • Uscha Kloke & Joachim Arlt - Botnanger Buchladen - Stuttgart
  • Anna Rahm -  Mit Büchern unterwegs - Ravensburg
  • Christoph Schneckenaichner - Buchhändler - Stuttgart
  • Antonia Schulze Hackenesch -  Buchhandlung Beidek - Müllheim/Baden
  • Ragna Lüders & Thomas Bleitner - Buchhandlung Lüders- Hamburg
  • Michael Riethmüller -  Ravensbuch - Ravensburg
  • Martina Kraus - Ravensbuch - Friedrichshafen
  • Martina Vielsmaier - Bücherstube Vielsmeier - Gottmadingen
  • Sabine Schlag -   Buchhandlung Am Obertor - Radolfzell
  • Uli Ormanns - Agnes Buchhandlung - Köln
  • Jörg Braunsdorf - Tucholsky-Buchhandlung - Berlin
  • Josua Straß -  Buchhandlung Straß - Baden-Baden
  • Jutta Leimbert - Buchhandlung Vaternahm - Wiesbaden
  • Jürgen Rieger - Buchhandlung Rieger - Balingen
  • Birgit Närger & Helke Stadelmeier - Vaihinger Buchladen - Stuttgart
  • Rosemarie Lux - Buchhandlung Moritz und Lux - Bad Mergentheim
  • Jutta Schultz & Katja Rabus - Bücherlurch - Kornwestheim
  • Beate Hiller - Buch im Süden - Stuttgart
  • Claudia Haas - Buchsalon Ehrenfeld - Köln
  • Sabine Behn-Bartl - Ehinger Buchladen - Ehingen

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8 Kommentar/e

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  • Samuel Beermann

    Samuel Beermann

    Sonst geht es ihnen gut?

  • Karl Alich

    Karl Alich

    Sehr geehrte Buchhändlerinnen und
    Buchhändler,

    wir leben in einem freien Land und die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Sie alle haben einen Anspruch auf die Einhaltung der Grundrechte, Herr Würger hat Rechte aus Art. 5 GG. Sie sind alle im Recht! Damit müssen Sie aber nicht zwangsläufig Recht haben.
    Auch Stella hat noch ein postmortales Persönlichkeitsrecht. Ich bin als Anwalt beauftragt, die Einhaltung dieser Rechte durchzusetzen.
    Im Vorspann des Buchs schreibt Herr Würger: Teile dieser Geschichte sind war. Bei den kursiv gedruckten Textstellen handelt es sich um Auszüge aus Feststellungen eines sowjetischen Militärtribunals.
    Bei den kursiv gedruckten Textstellen handelt es sich um verschiedene Denunziationsfälle der Jüdin Stella an jüdischen Glaubensschwestern und Glaubensbrüdern. Diese Textstellen bringen den Thrill und die „Kohle“. Was ist der Roman ohne die 15 Teststellen? Nichts!
    Warum sind diese Texte nicht in den Roman eingefügt, wo ist der Kontext, wo ist die eigene literarische Leistung von Herrn Würger? Was hat Stella zu diesen 15 furchtbaren Taten getrieben? Der Vorwurf an Herrn Würger lautet somit: Das Thema: „Juden verraten Juden“ wird aus reinen Zwecken der Vermarktung in den Text eingestellt, ohne jeden Bezug zum Romanstoff. Diese Textstellen bringen den Profit.
    Herr Würger sollte seine „Stilmittel“ erklären, wenn er denn kann. Bitte fragen Sie Herrn Würger, was er sich bei den 15 Versatztexten gedacht hat, wenn er gedacht hat.

    Rechtsanwalt
    Karl Alich

  • Christoph Pause

    Christoph Pause

    Nicht nur die Literaturkritik und das Feuilleton erleben einen Bedeutungsverlust, sondern auch und vor allem der Buchhandel. Da kommt ein Bestseller mit einer verkitschten Liebesgeschichte gerade recht. Kein Wunder, dass BuchhändlerInnen da kritische Betrachtungen ungelegen kommen. Verkauft wird, was gefragt ist. Ob das irgendeinen literarischen Wert hat, ist dem Buchhandel egal. Verständlich. Aber einen offenen Brief braucht es für diese Einsicht nicht.

  • Winfried Kieaser

    Winfried Kieaser

    "Künstlich Debatten initiieren" ist starker Tobak - es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Unterstellung.

  • Lisa Isenmann

    Lisa Isenmann

    @ Christoph Pause: Ich finde es schade, dass Sie so verallgemeinern. Als wäre jede Buchhandlung in Deutschland gleich. Mir ist es wichtig, dass das, was ich verkaufe, einen literarischen Wert hat - sofern vom Kunden gewünscht. Ich verurteile aber auch niemanden, der eine "verkitschte Liebesgeschichte" kaufen will. Ich selbst habe das Buch gelesen, empfehle es aber nicht aktiv. Ich schätze den Autor dennoch für seinen ersten Roman, den ich gerne verkaufe. Einen Bedeutungsverlust unserer Buchhandlung vor Ort kann ich übrigens nicht bestätigen - im Gegenteil.

  • Sonja H.

    Sonja H.

    Als Leserin fand ich "Stelle" ehrlich gesagt sehr durchschnittlich und die kursiven Textstellen habe ich nur anfangs gelesen, dann übersprungen, da sie meiner Meinung nach nicht wirklich etwas zum Geschehen beitragen.
    Für mich ist der Roman nur eine fiktive Geschichte, der ein paar Fakten für das Setting hinzugemischt wurden (historische Ereignisse). War keine sehr kluge Entscheidung, allerdings auch nicht so dramatisch, wie es dargestellt wird.
    Der Roman hätte auch mit anderen Figuren nicht wirklich funktioniert.

  • Johannes S.

    Johannes S.

    Ein gutes und notwendiges Statement. Ich möchte in einer Buchhandlung die Möglichkeit haben, Bücher zu kaufen – egal ob sie schlecht konstruiert oder kontrovers diskutiert sind. Ohne irgendeiner geschmacklichen oder ideologischen Vorauswahl von wem auch immer. Ganz grundsätzlich.

  • Lea S.

    Lea S.

    Lieber Buchhändler/-innen,
    vielen Dank für dieses Statement, das ich zu 100% unterschreiben kann!
    Lieber Herr Aich
    mich würde interessieren, was Sie sich beim schreiben dieses Satzes gedacht haben: "Bitte fragen Sie Herrn Würger, was er sich bei den 15 Versatztexten gedacht hat, wenn er gedacht hat.". Wenn Sie gedacht haben.
    Ich finde Stella ein schönes Buch, das wichtige Fragen stellt. "Diese Textstellen bringen den Thrill und die „Kohle“. Was ist der Roman ohne die 15 Teststellen? Nichts!", möglicherweise haben Sie damit Recht, aber im Roman sind dieses Textstellen drin. Und in der Gegenüberstellung dieser Textstellen mit dem Romangeschehen stellt Würger die Frage, wie eine attraktive, charmante junge Frau dieses Taten begehen konnte. Muss Literatur immer Antworten liefern? Darf sie nicht auch Fragen stellen? Fragen, wie z.B die, wie der nette Herr von nebenan einen derart grässlichen Mehrfachmord verüben konnte. Oder eben, wie die charismatische Stella Goldschlag ihre Glaubensbrüder und -schwestern verraten konnte.
    "Warum sind diese Texte nicht in den Roman eingefügt, wo ist der Kontext, wo ist die eigene literarische Leistung von Herrn Würger?" Gegenfrage, was wäre denn besser bzw. für Stella Goldschlag weniger schlimm daran gewesen, wenn diese Textstellen umgeschrieben und so im Roman vorgekommen wären? Und der Kontext. Nun, ich würde sagen, der besteht darin, dass die Romanfigur diese Taten begangen hat.
    Lieber Herr Würger
    ich hoffe, Sie schreiben noch viele Bücher und wünsche Ihnen viel Kraft. Und: Danke für dieses wichtige Buch.

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